Menschen, die versuchen ein kreatives Hobby im Alltag unter zu bringen, haben es oft nicht einfach. Den Großteil des Tages verbringt man auf der Arbeit, die das Leben finanziert. Danach kommen die üblichen To-Dos und Pflichten, die nötig sind, um das bisschen Leben außerhalb der bezahlten Arbeit zu managen. Und erst dann bleibt – mit etwas Glück – noch ein wenig Zeit „für sich“. Theoretisch. In der Praxis sind es jedoch meistens 1-2 Stunden, in denen man mit einer bloß nicht allzu anspruchsvollen Beschäftigung versucht den Kopf still zu kriegen, eher man ins Bett fällt. Also vereinfacht gesagt: bezahlt arbeiten, unbezahlt arbeiten, Stimmen im Kopf still(er) kriegen, damit man danach hoffentlich schlafen kann. Und dann den ganzen Spaß von vorne.

Manchen reicht diese Routine vollkommen. Und dann gibt es noch Menschen, die gern neben dem Ganzen auch noch einem Hobby nachgehen würden. Einem regelmäßig wiederkehrenden Bausteinchen ihres Lebens, das ausschließlich ihnen gehört und nur für ihr persönliches Wohl und Vergnügen sorgt. Ein Ausgleich für all die Pflichten und To-Dos des Alltags. Etwas, was einem das Gefühl gibt, überhaupt noch ein Leben zu haben. Klingt etwas melodramatisch, ist aber eine Tatsache. Je stressiger der Alltag, desto mehr verschärft sich dieses Gefühl und desto stärker wird das Bedürfnis nach einem solchen Ausgleich.

Ein zeitlich geregeltes Hobby (Sport oder einen beliebigen Kursus) unter zu bringen bedarf bereits zusätzlicher Planung, eiserner Disziplin sowie Zeit. Doch es ist wesentlich einfacher 2-3 zusätzliche Stunden einzuplanen, deren Programm bereits festgelegt ist, als ein kreatives Hobby in den vollen Alltag zu integrieren, das komplett auf den eigenen Ideen aufbaut. Sicher, man kann sich auch dafür Zeit einplanen und dadurch Struktur einbringen, aber! Die Ideen, von den dieses Hobby lebt, sind nicht mal eben zu der festgelegten Zeit da. Sie sind nicht auf Knopfdruck abrufbar, wenn man endlich Zeit dafür hat. Die Muse kommt nicht sonntags pünktlich um 12 Uhr zum Dichter und knutscht ihn kreativ. Sie schlawinert im Alltag und flüstert einem hier und da eine Idee zu, die zwischen den Kundengesprächen und den To-Dos schneller wieder vergessen ist, als man sie zu einem notierbaren Thema formulieren konnte. Und in den wenigen freien Stunden, die man zu Verfügung hat, glänzt die Muse mit Vorlieb durch ihre Abwesenheit.

Sicher, es gibt Mittel und Wege, sich da Abhilfe zu schaffen: zur Ruhe kommen, aktiv nach Inspiration suchen, meditieren, Kopf frei kriegen… Die professionellen Autoren werden noch mehr Tipps haben. Aber auch das braucht alles Zeit, die man im Alltag einfach nicht hat. In der Theorie wüsste ich, zum Beispiel, was mir helfen könnte, neue Ideen zu entwickeln und wo ich als erstes hingehen würde, um meine Gedanken zu erfrischen. In der Praxis siehts allerdings so aus, dass ich an einem freien Tag mein aufgeklapptes Notebook solange anstarre, bis mir einfällt, dass ich heute noch „xyz“ erledigen könnte/müsste und höchstens noch zum einkaufen rausgehe. Ich könnte es zwar auf später oder die nächsten Tage verschieben, aber die sind ja auch so schon voll mit Arbeit, da schafft man das zeitlich nicht alles. Und eher man einen Tag lang unter selbst geschaffenem Druck trotz aller Bemühungen nichts hin bekommt, kann man ja wenigstens den Kram erledigen, für den die Kreativität nicht erforderlich ist.

Man tendiert auch dazu zu glauben, dass wenn man erst den nervigen Alltagskram erledigt hat, danach der Kopf frei für Ideen sein wird. Man müsse sich nur ein bisschen Zeit frei schaufeln und dann werden die Ideen schon kommen. Aber das ist ein Trugschluss: routinierte Arbeiten bringen routinierte Gedanken hervor. Und die Energie, die da rein gesteckt wird, ist dieselbe, die nötig gewesen wäre, um neue Ideen zu entwickeln. Ist diese verbraucht, schleicht sich die Müdigkeit ein und das Verlangen nach Erholung und geistiger Abschaltung. Man bleibt im Alltagstrott eingesperrt.

Versucht man diesen Teufelskreis zu durchbrechen und stellt die Pflichten hinten an, schaufelt sich bewusst Zeit frei, gibt es noch die Hürde der Ablenkung, die es zu bewältigen gilt. Der Versuch, seine Kreativität wieder zu sammeln, ist nun mal extrem anfällig für Störungen. Je länger man raus ist, desto schwieriger ist es, zurück zu finden. Vor allem, wenn die Ideen nicht wie eine Eingebung im Kopf auftauchen, sondern erst „fabriziert“ werden müssen. So können Anrufe, Nachrichten, spontaner Besuch der Nachbarin oder auch die Anwesenheit des Partners einen komplett aus dem Konzept bringen. Jeglicher Versuch der Kontaktaufnahme endet möglicherweise tödlich für eine aufkeimende Idee. Das frustriert. Doch Frust macht leider auch nicht kreativ, sondern raubt lediglich wertvolle Energie. Wie ein Ölfilm breitet er sich über dem Ozean der Gedanken aus und erstickt ganz schnell jegliches Leben, das sich unter der Oberfläche regt.

Für die Kreativität ist der Alltag wie ein Sumpf: je mehr man strampelt, desto tiefer versinkt man darin. Je mehr man versucht, sich Zeit für seine Kreativität einzuräumen, desto mehr versinkt man in der frustrierenden Kreativitätlosigkeit. Je tiefer man in den alltäglichen Routinen steckt, desto mehr ersticken sie die frischen Gedanken daran. Der einzige Trost: auch im Moor sieht man wunderschöne Blumen blühen. Also hofft man, dass dieser Gedankenfriedhof irgendwann zum Nährboden für so manche schöne Idee werden wird.

 

 

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2 Gedanken zu “Von der Kreativitätlosigkeit im Alltag

  1. ach, das spricht mir aus der Seele… und dabei bin ich mehr als froh, dass ich noch nicht all zu viele Verpflichtungen haben (deswegen sind Kinder für mich auch undekbar)
    nun, ich hoffe, du kannst für dich irgendwie eine befriedigende Lösung finden… Entweder, dass du um Alltag trainierst, dein Notizbuch zwischen den Besprechungen schneller zu zücken, als sie wieder verschwunden sind 😉 Oder aber du versuchst es wirklich durch eine harte Routine. Am anfang muss man sich zwingen, auf eine Zeit fest zu legen und es frustriert… Man sitzt täglich eine halkbe Stunde da und starrt auf das leere Blatt… Aber irgendwann kann man sich darauf trainieren, der Kopf ist darauf eingestellt und mobilisiert alle reserven… zumindest klappt das bei mir Phasenweise sehr sehr gut.
    Sowieso… immer weiter machen 😉

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