Der Großteil meiner männlichen Leser wird dieses Bild kennen: man macht die Tür auf und da ist sie, die Frau / die Freundin / die Mutter / die Schwester, die in Schlabberklamotten, mit zurückgebundenem Haar und einer albernen Pampe im Gesicht da sitzt. Und sich gegebenenfalls dabei auch noch die Nägel lackiert. Und neben dem im Lachen eingebetteten „Was ist das denn?!“, fällt einem dazu wenig ein. Nun… Man kann es als eine „Typisch-Frau-Marotte“ abtun, aber eigentlich ist es etwas anderes.

Unabhängig vom Geschlecht, werden wir täglich mit Vielerlei konfrontiert, was uns stresst: Arbeit, Pflichten, To-Dos und alles dazwischen. Natürlich sucht man nach einer Ausgleichsmöglichkeit dafür, denn ohne würde man auf Dauer zusammenbrechen. Also treibt man nebenbei noch Sport, geht einem Hobby nach und fährt in Urlaub. Man unternimmt etwas, wenn man die Zeit und die Energie dazu aufbringen kann. Oder lässt den Tag eher passiv ausklingen, in der Hoffnung, etwas Ruhe darin zu finden und so seine Akkus für den kommenden Tag wieder aufladen zu können. Jeder hat da so seine Methoden.

Heutzutage lässt es sich schlecht pauschalisieren, was für die jeweiligen Geschlechter der typischere Zeitvertreib ist. Egal ob es sich um sportliche Aktivitäten, Basteleien jedweder Art, Kochen/Backen, Gärtnerei oder Zockerei handelt – die gesamte Bandbreite der möglichen Beschäftigungen wird sowohl von Männern, als auch von Frauen beansprucht. Was man allerdings immer noch eher selten bei Männern antrifft, ist die ausgiebige Körperpflege. Nicht, dass Männer sich nicht Pflegen würden, nein. Sie halten es einfach minimalistischer, als Frauen. Ich kenne zwar auch Frauen, die weniger Zeit in ihre Körperpflege investieren, als Männer. Und ich habe auch schon von Männern gehört, die regelmäßig eine Kosmetikerin und ein Nagelstudio aufsuchen… Aber meistens weisen doch eher die Frauen eine größere Beautykram-Affinität auf. Also: warum?

Sicher: Frauen möchten gut aussehen. Schöne Haut, keine dunklen Augenringe und Fältchen, gepflegte Hände, glänzendes Haar… Schon immer waren das Anzeichen einer körperlichen Gesundheit und Vitalität. Von dem ganzen Schöhnheitswahnsinn heut zutage mal ab – jeder empfindet die oben genannten Merkmale als positiv. Das liegt in unserer Natur. Und ja, es gefällt uns zu gefallen. Aber nur zum Teil den Anderen, vielmehr jedoch sich selbst. Ich spreche an dieser Stelle nicht von den Frauen, die sich unters Messer legen, um Männern zu gefallen. Nein, ich spreche von ganz normalen Frauen, mit ihrem ganz normalen Alltag. Wenn wir morgens in den Spiegel schauen und uns ein müdes Gesicht entgegen blickt, mit Müdigkeitsfältchen und dunklen Schatten unter den Augen, kriegen wir davon nicht gerade gute Laune und fühlen uns auch nicht energiegeladen für den Tag. Dann SEHEN wir, dass wir uns zu wenig Ruhe gönnen. Und auch, wenn man es mit Hilfe von Make-up gut kaschieren kann – am Ende des Tages schaut uns dasselbe müde Gesicht im Spiegel an. Müde zu sein, ist das eine, müde auszusehen ist jedoch ein Zeichen dafür, dass man sich – mal wieder – um alles andere mehr kümmert, als um sich selbst.

Da sich solche offensichtliche Müdigkeit und Mangel an Ruhe am besten in einem ausgiebigen Urlaub in den Griff kriegen lassen, haben wir eher selten die Gelegenheit dazu. Also versucht man sich so eine Art „Kurzurlaub“ zu gönnen: ein-zwei Stunden, die man sich im Alltag einräumt (vielleicht am Wochenende), um etwas nur für sich zu tun. Nicht für den Partner, nicht für die Familie und Freunde, nicht für die Arbeitskollegen und auch nicht für sonstige Menschen, denen man über den Weg läuft. Nein. Ein bisschen Zeit nur für sich allein, in der man sich nur um sich selbst kümmert, nur sich selbst etwas Gutes tut. Was Männer da tun – keine Ahnung. Die mir bekannten Beschäftigungen lassen sich eigentlich besser als „Ablenkung“ beschreiben. Bei Frauen ist es etwas anders. Dieses „sich selbst etwas Gutes tun“ ist häufig proaktiv: diese Zeit wird entweder eingeplant oder auch schon mal spontan genommen, aber die ausgeführten Aktionen dienen alle dem einen Zweck – etwas bewusst für sich und seinen Körper zu tun, um sich wieder wohl darin zu fühlen. Es ist kein Hobby im üblichen Sinne, sondern eine Zeit, die man bewusst in den eigenen Körper investiert, so ähnlich, wie man sich Zeit für die Pflege des eigenen Heims nimmt. Natürlich ist es schön, wenn es jemandem später auffällt. Aber eigentlich geht es darum, dass man sich selbst danach betrachtet und mit sich zufrieden ist. Da diese Zeit in der Regel weitaus knapper bemessen ist als man bräuchte, um sich wirklich zu erholen, müssen die Ergebnisse sichtbar sein. Nach einer Maniküre sehen unsere Hände nicht nach all den Arbeiten aus, die sie im Laufe der letzten Wochen verrichtet haben. Nach einem ausgiebigen Bade-Prozedere samt Peeling und anschließendem eincremen sieht man nicht mehr, dass man in letzter Zeit zu müde für ein paar Handgriffe mehr, als unbedingt notwendig, war. Nach einer Gesichtsmaske sieht die Haut gut erholt aus, auch wenn wir selbst es nicht sind. Und so gaukeln wir uns selbst vor, dass wir mehr Zeit zum erholen haben, als tatsächlich vorhanden ist. Und wisst ihr was? Es funktioniert.

In diesen Paar Stunden, die man sich hin und wieder für Beauty-Gedöns einräumt, über den die Männer sich zu amüsieren pflegen (deswegen werdet ihr übrigens auch nicht zu Beautyabenden eingeladen :p ), tanken wir Frauen Energie. Diese Zeit, die man in sich und sein Äußeres investiert, samt Ergebnissen, die sofort oder am nächsten Tag sichtbar sind, lädt unsere Akkus auf. Manchmal schließen wir uns dafür zusammen, was meistens wie eine Kur wirkt. Manchmal ziehen wir uns dafür zurück und genießen die Stille. Jede Frau hat ihre persönlichen Vorlieben diesbezüglich und ihre eigenen Rituale. Es müssen auch nicht immer Gesichtsmasken und Nägel sein – für manche reicht es Baden zu gehen, für manche ist es ein Besuch im Friseursalon, bei der Kosmetikerin oder 20 Min auf der Sonnenbank… Im Endeffekt ist es egal, was es ist, solange es unserem Körper ohne große Anstrengung (sichtbar) gut tut und diese Zeit bewusst für sich genommen wird. Während wir unserem Körper eine Extraportion Pflege zukommen lassen, finden wir zur Ruhe und hören für einen Moment auf, einfach nur zu funktionieren. Indem wir uns pflegen, streifen wir eine Schicht der Belastungen des Alltags ab und führen hier und da „Reparaturarbeiten“ durch – wir pflegen das „Mauerwerk“, damit es nicht zu schnell spröde wird und stärken es für die nächste Zeit. Damit wir uns darin wieder wohl und sicher fühlen. Und auch wenn wir uns um den eigentlichen Nutzen unserer Körperpflegerituale selten Gedanken machen, so wissen dennoch alle, die sich die Zeit dafür nehmen, wie unglaublich wohltuend und erholsam sie sind.

 

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s