Neugierig betrat sie den Raum. „Spiegelkabinett“ war das Schild, was sie angelockt hatte. Sie war noch nie in einem, aber durch einige Filme – meistens Horrorfilme – hatte sie eine gewisse Vorstellung davon im Kopf, die sie gern entweder bestätigt oder revidiert sehen wollte. Also traute Mary sich rein, als sie beim Erkunden einer fremden Stadt plötzlich das Schild über einem kleinen, verloren wirkenden Eingang eines nichtssagenden Gebäudes gesehen hatte. Und nun stand sie da – neugierig, aber auch angespannt und mit leichtem Unbehagen – und sah sich vorsichtig um.

Der Raum war eher klein, allerdings machte das große, hohe Fenster, das fast eine komplette Wand einnahm, es hell und luftig. Nichts gruseliges – nur ein heller, kleiner Raum, mit sechs mannshohen, völlig normalen Spiegel ohne Verzerrungen, auf die Mary sich eingestellt hatte. Die Spiegel waren klar und sauber und in prunkvoll-vergoldete Rahmen eingelassen. Sichtlich entspannter trat sie näher an einen der Spiegel um sich den kunstvollen Rahmen genauer anzusehen. Goldene Blumen und Ranken zierten ihn und erinnerten Mary an die Jugendstil-Gemälde, die sie so sehr liebte. Ihr Blick löste sich von dem Rahmen und fiel auf ihr Spiegelbild. Für einen kurzen Moment erschrak sie, denn es sah aus, als wäre sie nicht mehr allein im Raum. Doch das war sie, wie sie nach einem hastigen Umdrehen feststellte. Jetzt erst, wo sie genauer hinsah, erkannte sie, dass es ihr eigenes Spiegelbild war, welches aufgrund der Anordnung der Spiegel von jeder Seite zu sehen war. Sie entspannte sich und betrachtete aufmerksam die gebotenen Perspektiven ihrer selbst… Alles in einem echt nicht schlecht! Und was meinen Hintern angeht – jetzt verstehe ich auch, warum er so viel Aufmerksamkeit erntet… Sie lachte und wackelte amüsiert mit ihrem Hinterteil. Mary musterte sich aus allen Perspektiven genau, aber aus der Frontansicht zuletzt. Kenn ich ja auch so schon zugenüge… Ihr Blick glitt trotzdem bis zu den Füßen und dann sah sie es: Ein filigraner, verschnörkelter Schriftzug in weiß unten am Spiegel: „Das bist Du“. Mary schmunzelte: Danke für diese überflüssige Info, aber das weiß ich auch so. Sie trat einen Schritt zurück und schaute sich amüsiert im Raum um. Ihre Spiegelbilder grinsten sie von allen Seiten an. Jetzt erst fiel ihr allerdings auf, dass die Rahmen der übrigen Spiegel viel schlichter waren. Ihr Blick wanderte zurück zu der Schrift am Spiegel, vor dem sie stand. Direkt davor entdeckte sie ein kleines schwarzes Kreuz auf dem Boden, welches sich bis gerade eben unter ihren Füßen verbarg. Aha, ok. Also habe ich schon intuitiv die richtige Position erwischt. Scheint ja ein Spiegelkabinett mit integrierten Anleitung zu sein… Mary suchte mit dem Blick den Boden ab, entdeckte aber nicht mehr als noch einen kleinen Feil, der unter eine Tür zeigte. Es war ein überflüssiger Hinweis über den sie lächeln musste, folgte ihm aber trotzdem und schloss die markierte Tür auf.

Dahinter verbarg sich ein schmaler dunkler Flur, der nur spärlich mit kleinen blauen Halogenlämpchen von der Decke aus beleuchtet wurde. Mary schritt entschlossen durch und zog die Tür hinter sich zu. Sie brauchte einen Moment, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Der Flur war so schmal, dass ein breitschultriger Mann vermutlich leicht seitwärts durch müsste. Nichts für Klaustrophobiker… schoss ihr durch den Kopf, denn sogar sie fühlte sich etwas unwohl in dieser Enge. Also beeilte sie sich das – zum Glück – sichtbare Ende dieses Flures zu erreichen.

Der Raum, den sie aus einer Ecke heraus betrat, war wesentlich größer als der erste, allerdings fehlte ihm die natürliche Lichtquelle. Auch hier wurden Halogenleuchten eingesetzt, die etwas konfus das gelbliche Licht verstreuten. Dennoch wirkte der Raum düster und die absolute Stille verlieh ihm eine beklemmende Atmosphäre. Die Spiegel unterschieden sich von den im ersten Raum: es waren zwar immer noch einige große dabei, aber überall dazwischen auch kleinere, die verschiedene Formen aufwiesen und in unterschiedlicher Höhe angebracht wurden. Auch die Rahmen waren anders: teilweise verschnörkelt, teilweise schlicht und in verschiedenen dunklen Farben lackiert, die sich kaum von den nichtssagend-grauen Wänden abhoben. Mary stellte sich in die Mitte des Raumes und ließ ihr Blick über die verschiedenen Spiegel schweifen. Manche Spiegel zeigten nur einen Teil von ihr, die anderen verzerrten ihr Gesamtbild, die dritten waren so klein, dass sie aus der Distanz kaum etwas erkennen konnte. Jetzt erst fiel ihr auf, dass einige Lampen ihre zerstreuten Lichtkegel in der Mitte des Raumes konzentrierten, genau da, wo sie stand, und sie gut sichtbar ausleuchteten. Zerstückelt… schoß ihr durch den Kopf, als sie ihr Blick erneut über die Spiegel gleiten ließ. Unangenehm berührt durch diesen Eindruck, beeilte sie sich die Mitte zu verlassen und widmete sich einzelnen Spiegel.

Die großen Spiegel verzerrten nun ihren gesamten Körper: manche zerrten ihren Becken in die Breite, manche ihren Bauch oder Schultern, andere ließen ihre Gliedmaßen unnatürlich lang aussehen und den Körper sowie den Kopf mickrig erscheinen oder andersrum… Andere Spiegel, die kleineren, zeigten nur einen bestimmten Körperteil: die Lippen, die Augen, die Taille oder die Füße. Man konnte sogar seine Augenbrauen oder den Kehlkopf einzeln betrachten. Wiederum andere nur den Kopf, den Rumpf oder die Beine. Ein Spiegel ging ihr genau bis zu den Schultern und verunstaltete ihren kopflosen Körper auf verschiedene Weisen, je nach dem, aus welchem Blickwinkel man da rein schaute… Mary lief ein Schauer über den Rücken. Mittlerweile empfand sie das leise Rascheln ihrer Kleidung als extrem laut und hörte sogar das eigene Blut in ihren Ohren rauschen… Die absolute Stille und nur sie mit sich allein in einem düsteren Raum voller Körperteile und verzerrter Abbilder ihrer selbst… Sie atmete tief ein, schloss für einen Moment die Augen und versuchte sich zu fangen. Morbides Unterhaltungsprogramm… Aber es ist nur ein schalldichter Raum voller blöder Spiegel – versuchte Mary sich zu beruhigen und sah im selben Moment vor dem geistigen Auge einen gruselig maskierten Typen mit einem großen, blutigen Messer aus einem aufgeklappten Spiegel steigen. Ihr Herz pochte einmal kurz und schmerzhaft gegen die Brust. Na toll. Danke. Jetzt gehts mir gleich viel besser, adressierte sie leise gemurmelt an ihr Unterbewusstsein und schaute wie der Emoji mit den zu Balken verzogenen Augen und Mund in den „Gesichtsspiegel“. Dann musste sie lachen. So bescheuert… Das kommt davon, wenn man mit von Horrorfilmen genährten Erwartungen in ein Spiegelkabinett reingeht. Dieses kleine Gespräch mit sich selbst entspannte sie etwas. Sich wieder im Griff, schaute Mary sich nun wachsam im Raum um, auf der Suche nach ähnlichen Markierungen, wie im vorigen Raum. Und sie wurde tatsächlich fündig: am Ende des Flures, durch den sie hier rein gekommen war, erkannte sie auf dem schwach beleuchteten Boden ein kleines schwarzes Kreuz und auch einen weißen, schnörkeligen Schriftzug: „Das siehst Du“.

Beim Betreten des Raumes, waren ihr weder die Markierung noch der Schriftzug aufgefallen – so eilig hatte sie es, den engen Gang zu verlassen. Jetzt stellte sie sich ganz bewusst an diese Stelle, laß aufmerksam den kurzen Satz und ließ ihr Blick noch einmal – diesmal konzentriert und aufmerksam – über den Raum schweifen. Jetzt fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: während ihr Körper auf verschiede Weise verzerrt gespiegelt wurde, waren alle kleineren Spiegel „normal“, aber auf die Bereiche des Körpers konzentriert, die man selbst einzeln kritisch im Spiegel betrachtet. Über diese Erkenntnis sichtlich verwundert, bewegte Mary sich wieder zum Zentrum des Raumes und sah sich erneut um. Und tatsächlich: ausnahmslos alle Spiegelbilder ihres Körpers waren auf irgendeine Weise verzerrt, die kleinen Spiegel dagegen nicht. Doch einige wirkten vergrößernd, sodass man näher heran treten musste, wobei man so ausgeleuchtet wurde, dass man alle kleineren Makel sehen konnte: vergrößerte Poren, widerspenstige oder überflüssige Härchen, kleine, eigentlich kaum sichtbaren Fältchen oder auch die dunklen Ringe unter den Augen. Sehr schmeichelhaft, rümpfte Mary die Nase, fletschte einmal biestig die Zähne in den „Mundspiegel“ und wandte sich ab. Das sehe ich also: meinen Körper verzerrt und die Einzelheiten so überdeutlich, dass man wirklich ALLE Makel sieht. Sie schaute gedankenverloren an sich herab und erinnerte sich an einen völlig anderen Eindruck, den sie im ersten Raum gewonnen hatte. Dieser hier bot kein Gesamtbild ihrer Person, sondern zerstückelte und verunstaltete sie nur. Je länger sie darüber nachdachte, desto unangenehmer wurde es ihr – zu sehr erinnerte es sie an die Tage, an denen sie sich selbst so hässlich fand, dass sie sich am liebsten zuhause verkrochen hätte. Vor allem in ihrer Jugend, als ihr noch nicht klar war, dass sie keiner, außer ihr selbst, auf diese Weise sah. Mary seufzte und beschloss, dass es an der Zeit war, weiter zu gehen. Sie fand den Hinweispfeil bei dem „Kopflosen“ Spiegel, dessen seltsam abstehender Rahmen sich an einer Seite als versteckter Türgriff entpuppte. Dass mit sich öffnenden Spiegel war vorhin also gar nicht so abwegig… Mary zögerte kurz, zog dann aber – trotz des leicht flauen Gefühls im Magen – am Türgriff.

Erleichtert atmete Mary aus, als sie auf der anderen Seite der Tür keinen langen, dunklen Flur vorfand, sondern einen zwei Schritte kurzen Übergang, der in einem wesentlich helleren, aber auch wesentlich bunterem Raum mündete. Vorsichtig schloss sie die Tür hinter sich zu und betrat die neue Halle mit einer Mischung aus Neugier, Erleichterung und gleichzeitig katzenhafter Vorsicht. Sie schaute sich um. Und sie stutzte. Denn: der Raum sah fast genauso aus, wie der, aus dem sie gerade kam, und hatte scheinbar sogar die gleichen Spiegel, die gleich angeordnet waren. Was zum… trat Mary in die Mitte des Raumes und schaute sich stirnrunzelnd um. Ja, es waren die gleichen Spiegel, in der gleichen Anordnung… und gleichzeitig waren sie es nicht. Die Wände schienen etwas heller zu sein, die Spiegelrahmen waren es auf jeden Fall und das Licht – das Licht war völlig anders. Und auch die Spiegel selbst – obwohl wenn sie diegleiche Größe, Rahmung und Anordnung aufwiesen, wie im „Das siehst Du“-Raum, so spiegelten die größeren jedoch nicht verzerrt, dafür konnte man in den kleineren kaum etwas erkennen.

Ja… Die Spiegel, die ihren Körper ganz oder nur zum Teil spiegelten, waren weitestgehend normal. Ihre Rahmen waren elegant schwarz lackiert. Das Licht, welches einen ausleuchtete wenn man davor stand, war warm und klar, sodass die Haut eine gesunde Farbe hatte und man auch sonst recht adrett wirkte (vor allem nach den Verzerrungen aus dem Vorraum). Bei genauer Betrachtung fiel Mary jedoch auf, dass manche der Spiegel die Optik minimal korrigierten, so streckte z.B. der „Beinspiegel“ ein wenig, aber gerade noch so, dass es völlig natürlich wirkte. Der „Taillenspiegel“ ließ dagegen ein-zwei Zentimeter verschwinden. Kleine, unterschwellige Schönheitskorrekturen eben, aber im Großen und Ganzen naturgetreu. Die kleineren Spiegel dagegen boten ein Freakshow: der „Mundspiegel“ (hier in rot eingefasst und auch rot ausgeleuchtet) verzog sein Gegenstand zu einem grotesken Maul, der – je nach Perspektive – mal an einen Clown, mal an eine Bestie erinnerte. Der blaue „Augenspiegel“ ließ jede Wärme und jede Freundlichkeit aus den Augen weichen. Die schmeichelhafteste Perspektive zeigte sie groß und kalt, die unschmeichelhafteste dämonisch funkelnd. Der „Gesichtsspiegel“ verzog in gelben Farben Fratzen, die irgendetwas zwischen chromosomalen Anomalien und einem deformierten Knetball mit Gesicht darstellten. Mary trat erschrocken zurück. Nichts von dem, was sie in den kleinen Spiegeln sah, erinnerte sie an ihr eigenes Gesicht. Am wenigsten gruselig fand sie die Anordnung ganz kleiner Spiegel, die einzelne Elemente ihres Gesichts gesondert darstellten und abwechselnd in allen Farben ausgeleuchtet wurden. Zerstückelt… schoss es ihr wieder durch den Kopf und der Blick haftete an ihrem zerteilten Gesicht, dass je nach Farbe völlig anders wirkte. Sie schlang die Arme um sich, als wäre ihr kalt und riss ihren Blick endlich los. Nein, der Raum war absolut nicht freundlicher, als der von vorhin.

Ihr Blick wanderte zum Boden an der Stelle, an der sie den Raum betreten hatte. Sie suchte das Kreuz und die Erklärung für das alles. Doch da war nichts. Mary sah sich suchend um. Nichts. Sie stellte sich in die Mitte und prüfte nochmal alles, auf der Suche nach Hinweisen… Dann entdeckte sie es endlich: ein kleines, schwarzes Kreuz in einer dunklen Ecke, die mit schwerem Samtstoff in der Farbe der Wände verhangen war. Sie eilte zu der entdeckten Markierung und blieb mit dem Gesicht zum Vorhang stehen. Innere Unruhe erfüllte sie in diesem Raum. Als würde man sie jagen… Mary atmete durch. Und nochmal. Dann drehte sie sich um und schaute – nun ein wenig ruhiger – wieder in den Raum. Und dann machte es leise „Klick“…

Sie blieb wie angewurzelt stehen und hielt den Atem an. Ihre rechte Verse hat irgendein Mechanismus ausgelöst, das spürte sie sofort. Es ertönte ein leises Summen und dann sah sie, was es war – in der Mitte des Raumes öffneten sich drei Schlitze (die sie vorhin für ein Muster gehalten hatte), die ein gleichschenkliges Dreieck bildeten, und daraus fuhren langsam Spiegel hoch. Marys Blick haftete an den langsam hochfahrenden Platten bis sie mit einem erneuten Klicken einrasteten und ein mannshohes Spiegeldreieck bildeten, das vermutlich den gesamten Raum spiegelte. Sie starrte ihr eigenes, entsetztes Gesicht an, das so passend gräulich ausgeleuchtet wurde… Das. War. Gruselig. dachte sie abgehackt und sog endlich eine große Menge Sauerstoff in ihre Lungen. Sie entspannte sich sichtlich. Dann fiel ihr Blick auf den kleinen weißen Schriftzug, der kaum paar Zentimeter über dem Boden den Spiegel zierte. Sie trat näher – „Das sehen die Anderen“ las sie. Sie blinzelte sich erstaunt im Spiegel an. Dann dämmerte es ihr… Sie riss sich zusammen und umkreiste das Spiegeldreieck.

Jede Seite war völlig normal, ohne die geringste Krümmung und zeigte ein klares Bild von ihr. Und all die Spiegelbilder, die hinter ihr waren. Es ergab sich ein verwirrendes, multidimensionales Bild, eine Mischung aus Richtig und Falsch, Teils richtig, Teils verkehrt herum. Mary erkannte ihren Körper in den Spiegelungen, aber kaum ihren Kopf, ihr Gesicht – so stark verzerrt waren die Spiegelbilder. Sie versuchte zu Lächeln und stand dabei im Profil – eines ihrer Spiegelbilder verzog den Mund, die anderen erinnerten an groteske Karikaturen, die alles andere als lustig waren. Sie wandte sich zu der Ansammlung kleiner Spiegel, die ihr Gesicht zerstückelten und versuchte darin einen Blick in den großen Spiegel zu erhaschen. Was sie daraus anstarrte, erinnerte sie an ein Bild von Picasso. Egal, von welcher Seite sie es versuchte – die einzelnen Fragmente ihres Gesichts waren bis zur Unkenntlichkeit entstellt oder vermittelten völlig falsche Eindrücke. Sie bückte sich hier und da, um ihr Gesicht aus der Perspektive einiger „Körperspiegel“ zu sehen – ebenfalls ohne ein zufriedenstellendes Ergebnis. Ihr Gesicht wirkte normaler, jedoch sah sie in keinem Spiegelbild den Ausdruck, den sie glaubte auf dem Gesicht zu tragen. Verwirrt und verunsichert umkreiste sie nochmal das Spiegeldreieck und las auf jeder Seite dasgleiche: „Das sehen die Anderen“. Was denn jetzt?! Ein Monstrum? Einen hässlichen Freak? Ein kopfloses Geschöpf? Was für ein Blödsinn!!! sie wurde wütend. Ich bin doch kein Monster! Und so grauenhaft entstellt bin ich auch nicht. Und kein Spiegelbild zeigt wirklich MICH! Sie stockte. Hielt inne, sank im Schneidersitz auf den Boden und dachte darüber nach. Dann wich die Wut und die Aufregung einem Gefühl der Erkenntnis, welches auch die innere Unruhe mitnahm. Sie verharrte noch einen Moment in ihrer Position und sah sich dann erneut im Raum um – etwas hilflos, aber nun auch wieder völlig ruhig. Ein wenig resigniert vielleicht. Sie lächelte beklommen ihr Spiegelbild an und mehrere Spiegelbilder mit verschiedenen Gesichtsausdrücken lächelten zurück. Ich verstehe… Anscheinend spielt alles eine Rolle: die Höhe, die Perspektive, das Wahrnehmungsspektrum… Einfach alles. Sie seufzte. Widerwillig stand sie auf und sah sich suchend nach einem Pfeil um, der ihr die Richtung weisen würde.

Sie fand keinen Pfeil und ein Anflug von Panik machte sich an ihrem Puls bemerkbar. Doch dann fiel ihr der Vorhang wieder ein. Vielleicht war er die nächste Tür..? Selbstbewusst zog sie ihn zur Seite – was das schwere Stück Samt auch erstaunlich leicht und leise mit sich machen ließ – und erblickte die Tür. Und davor einen Pfeil auf dem Boden. Diesmal öffnete sie sie ohne zu zögern. Mary wollte nämlich mittlerweile einfach nur raus.

Wieder ein schmaler Flur, der jedoch beidseitig drei Reihen von schmalen Spiegel aufwies, die ihn bis zum Ende durchzogen: eine Reihe auf der Kopfhöhe, eine auf der Brusthöhe, eine auf der Bauchhöhe. Das Licht fiel schräg von oben (die Lämpchen waren hier im Zick-zack angebracht worden) und wechselte gleitend seine Farben. Mary schritt durch und betrachtete aus den Augenwinkeln, wie sich ihr Gesichtsausdruck zu ändern schien, je nach dem, welches Licht es gerade beleuchtete. Erstaunlich, wie viel das Licht ausmacht… Kränklich, kalt, beschämt, fröhlich, entschlossen… Alle Ausdrücke dabei. Sie staunte noch, als sie die Tür am anderen Ende endlich erreichte und sie gedankenverloren aufstieß.

Sie fand sich in einem kleinen, angenehm beleuchteten, runden Raum wieder. Seine Wände zierten Spiegel auf Kopfhöhe – allesamt gleich groß, rund und in schlichten Rahmen, die jedoch verschiedene Farben aufwiesen. Mary stutzte. Damit hatte sie nach den letzten zwei Räumen nicht gerechnet. Ihr Blick glitt verwirrt über die Spiegel und blieb fast sofort an einem hängen, an dem etwas eingezeichnet war. Sie kam näher und rechnete damit, einen Schriftzug zu erkennen, doch das war keiner. Es war ein rot gerahmter Spiegel der rote Lippen trug. Sie schaute neugierig rein und blieb so stehen, dass die eingezeichneten Lippen sich über ihre eigenen legten. Das sah gut aus… sogar sinnlich. Sie staunte. Kein verzerrtes Abbild ihrer selbst, nur ein hübsches Rot auf ihren Lippen. Ooookaaaay… Sie schaute sich nochmal um und bemerkte nun, dass auch einige andere Spiegel bemalt waren. Sie ging auf ihre Ursprungsposition zurück und beschloss sich systematisch von links nach rechts durchzuarbeiten. Unten am Boden entdeckte sie eine Linie, die erst zur Zierde angebracht schien, doch im Endeffekt den optimalen Abstand zu den Spiegel wies. Im ersten Spiegel zu ihrer Linken – violett gerahmt – erschien ein schatten über ihrer Stirn, der sie seltsam nachdenklich aussehen ließ. Im nächsten, fliederfarbenem, legte sich eine sanfte Röte auf ihre Wangen und ein verstecktes Licht zauberte ihr Glanz in die Augen – ein verträumter Blick mit einem Hauch von Sehnsucht traf Mary aus dem Spiegel. Ganz sie selbst, aber irgendwie auch nicht… Das Spiegelbild erinnerte sie an ein heimlich von ihr gemachtes Foto, als sie gedankenverloren in die Ferne starrte. Sie schluckte. Und ging weiter zu einem sanft blau gerahmten Spiegel. Von irgendwoher wurde sie sanft ins Licht gehüllt und sie entdeckte kleine weiße Schneeflocken auf dem Glas. Sie schaute hinein und sah… Ruhe. Ihr Gesicht wirkte entspannt, ihr Blick ruhig und die kleinen Schneeflocken erinnerten sie an die Stille einer Winternacht, wenn der Schnee fällt. Das gefiel ihr, dieses Gefühl tat ihr gut. Sie trat zum nächsten Spiegel. Grau gerahmt leuchtete er ihr Gesicht irgendwie fahl aus. Sie sah müde und abgekämpft aus. Sogar kränklich. Wie in Trance berührte sie ihre Wange mit den Fingern, tastete über die tiefen Schatten unter ihren Augen, über die blutleer wirkenden Lippen… Die verborgene Müdigkeit, gab sie dem Bild still einen Namen und fühlte sich entlarvt. Sie seufzte resigniert und schritt zum nächsten Spiegel. Ein hell gerahmter Spiegel, bei dem man die Farbe kaum benennen konnte. Eine hässliche Farbe, ein hässliches Lich, das sich nun über ihr Gesicht ergoß und sie genervt und gereizt aussehen ließ. Missmutig… Wie ich vermutlich an schlechten Tagen vor dem ersten Kaffee aussehe. Mary lächelte über ihre eigene Einschätzung, doch das machte das Spiegelbild auch nicht hübscher und sie ging zum nächsten Spiegel. Er hatte einen gelben Rahmen und ein aufgemaltes Lächeln. Als sie auf der Linie davor stehen blieb, gleitete von irgendwo oben sanft ein gelbes, warmes Licht auf sie herab, der stark an einen Sonnenstrahl erinnerte. Mary schirmte ihre Augen mit einer Hand ab und schaute nun doch hoch. Und tatsächlich – sie bemerkte noch die letzte vorsichtige Bewegung einer kleinen Halogenleuchte, die schüchtern hinter dem Spiegelrahmen hervorlugte. Sie trat einen Schritt zurück und sofort setzte sich das Lämpchen in Bewegung, um sich erneut zu verstecken. Sie stellte sich hastig wieder auf die Linie und das Lämpchen lugte wieder hervor. Amüsiert über diese Entdeckung, sah Mary sich in dem Spiegel an: ihre Augen passten nun zu dem aufgemalten Lächeln und sie sah frisch und vergnügt aus, wie an einem schönem sonnigen Tag. Auf die gleiche Weise bekam sie viele ihrer Gefühle und Emotionen aufgezeigt, darunter auch sehr persönliche wie tiefer Kummer, Hoffnung oder verborgene Leidenschaft. Dreizehn Spiegel hatte sie gezählt, dreizehn mehr oder minder verborgenen Gefühle. Warum eigentlich dreizehn?.. Ist das nicht eigentlich eine Unglückszahl? Wobei… Im Tarot ist die Zahl XIII „der Tod“ – ein Symbol für ein Ende und gleichzeitig für einen Neubeginn. Eine Karte für Wandel, Befreiung und Transformation… Mary stellte sich nachdenklich in die Mitte des Raumes und sah sich um. Während sie da so verharrte und sich in jedem der Spiegel nochmal aus der Ferne betrachtete, schien das Licht über ihr irgendwie heller zu werden. Was zum… Sie schielte nach oben und wurde geblendet. Verärgert schloss sie die schmerzenden Augen, dann blinzelte sie ein paar Mal und schaute auf den dunklen Boden in der Hoffnung, so die plötzliche Helligkeit ausgleichen zu können. Und dann blinzelte sie nochmal, denn: jetzt erkannte sie einen weißen, schnörkeligen Schriftzug auf dem Boden, scheinbar von den Lampen, die sie geblendet hatten, um sie herum projiziert: „Das verbirgst Du vor Anderen“. Mary drehte sich ein paar mal im Kreis um den Schriftzug nochmal und nochmal zu lesen. Jep, das steht da wirklich. DAS sollen die Spiegel also: Emotionen und Gefühle, die ich angeblich vor anderen verberge. Naaaaaaja, ich weiß ja nicht… schließlich verberge ich sie nicht immer, vor allem vor einigen Menschen…. ihr fiel der letzte Raum ein. …die mich hoffentlich nicht SO sehen, sondern so, wie ich in diesen dreizehn Spiegel bin.

Mary sah sich nochmal in dem Raum um, las zum wiederholten Mal den Schriftzug zu ihren Füßen und seufzte geräuschvoll. Dann fing sie an mit den Augen zu suchen. Wo ist denn jetzt der Pfeil?! Keine Ecken, keine Vorhänge, kleine Türgriffe im Rahmen… Sag nicht, ich muss den gleichen Weg zurücknehmen?! Sie runzelte die Stirn und verließ die Raummitte. Es machte „klack“ und sie hörte rechts von sich ein Geräusch, das an das klappern einer schweren Eisenkette, die aufgerollt wurde, erinnerte. Sie schaute in die Richtung, aus der dieses Geräusch kam und sah buchstäblich eine Wand hochfahren. Das Ganze erinnerte sie an eine Geheimtür eines alten Schlosses, die zu einem unterirdischen Versteck oder Fluchtgängen führte. Nein, keine Spinnweben, kein Kellergeruch… sie linste vorsichtig um die Ecke …und auch kein dunkler Raum aus blankem Gemäuer. Und tatsächlich – der dunkle Durchgang, der nun offen stand, war etwa ein Meter breit und genauso lang, doch dahinter lag ein heller Raum mit – oh Wunder! – noch mehr Spiegel. So langsam reichts mir aber mit den Spiegel… seufzte Mary etwas genervt, resignierte aber schnell und schritt durch.

Beinahe rannte sie gegen die Scheibe, die so dermaßen sauber poliert war, dass man – bis auf den Schriftzug – nichts davon sehen konnte. Die Glasscheibe erwies sich als Tür zu dem Raum am Ende des Übergangs. Der schnörkelige Schriftzug (ausnahmsweise auf der Augenhöhe angebracht) besagte: „So bist Du.“ …stand das nicht auch schon im ersten Raum..? Überlegte Mary. Ach nein, da stand „DAS bist du“ – und sie betrat den Raum.

Der Raum hatte die Form eines Oktogons mit einer durchsichtigen, spitz zulaufenden Kuppel. Mary war erleichtert, als sie das Tageslicht erblickte und schaute als erstes in den Himmel. Ein klarer, sonniger Tag. Das hatte sie in dem ganzen Spiegel-Wirrwarr ganz vergessen. Jetzt wollte sie erst recht raus. Sie schaute sich um und entdeckte neben dem Durchgang, durch den sie gekommen war, auch gleich eine Tür nach draußen. Ihr erster Impuls war es, sofort die Flucht zu ergreifen, doch dann erinnerte sie sich an die Schnörkelschrift. „So bist Du“ stand da und nun wollte sie es doch noch wissen – wie war sie denn nun? Mit dem Rücken zum Ausgang und dem letzten „Flur“ stand Mary jetzt dem Raum zugewandt und betrachtete die letzten sechs Spiegel, welche die übrigen Wände des Oktogons bildeten. Sie waren völlig normal. Sie trat näher heran und schaute ein wenig Ratlos: nach all den verzerrten Abbildern, nach all den Entstellungen und Offenbarungen in den Räumen, war das irgendwie sogar… enttäuschend. Sie starrte ihr völlig normales Siegelbild an und es erschien ihr irgendwie befremdlich. So sah sie wirklich aus, so war ihr Körper, so war ihr Gesicht… So ist sie. Die vorher gesehenen Bilder kamen ihr in den Sinn und projizierten sich auf ihre sechs völlig normale Spiegelbilder, die sich in sich selbst vervielfältigten. Mary starrte dieses multidimensionale Abbild ihrer selbst an, welches nun von den gesehenen Verzerrungen und die Emotionsspiegelungen überlagert wurde. Das, was sie jetzt sah, verschmolz mit dem, was sie in den anderen Räumen gesehen hatte und ergab so am Ende ein komplexes Bild, welches sich in sich selbst bis zur Unendlichkeit spiegelte. SO bin ich also. Dann drehte sie sich um und verließ den Raum.

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7 Gedanken zu “Das Spiegelkabinett

  1. Sehr interessant deine Geschichte, habe sie gerne gelesen! 🙂
    Ich war bisher noch nie in einem Spiegel Kabinett und kenne auch nur die Versionen aus Horror Filmen… Doch diese Beschreibung hier ist wundervoll! Hast du selbst so eines besucht bzw von so etwas gehört, oder kamen dir all diese Ideen allein? Würde mich echt interessieren^^
    Ach so und ich hätte eine kleine lieb gemeinte Anmerkung, wenn dich das nicht kränken würde… In dem Raum, wo sie die verzerrten Bilder von sich sieht, wie die anderen sie sehen, da beschreibst du ja nochmal, wie sie dann verstanden hat, was der Raum ihr Aussagen will… Ich denke aus Sicht des Lesers ist es allerdings etwas überflüssig… Ich denke, es ist wirkungsvoller, wenn du nur erwähnst, dass sie es verstanden hat oder so. Ansonsten wird nur nochmal erklärt, was man sich auch schon gedacht hat 🙂

    Also danke für die geschichte hat mir gerade einen schönen Denkanstoß gegeben 🙂
    Liebe Grüße
    Von der Luna ❤

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    1. Hallo Luna!
      Freut mich sehr, dass dir meine Geschichte gefallen hat 🙂 Tatsächlich ist das Kabinett komplett frei erfunden, auch wenn die Horrorfilm-Einflüsse hier und da eine Rolle spielen. Leider wüsste ich nicht, dass ein solches Spiegelkabinett irgendwo real existieren würde (hätte es sonst gern selbst besucht^^). Auch deine Anmerkung nehme ich dankend an 🙂 Es kränkt mich keineswegs! Immerhin ist das meine erste richtige Kurzgeschichte und ich freue mich sehr über Meinungen und Anregungen dazu 🙂

      Liebe Grüße und Danke fürs Lesen 🙂
      Felis

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      1. Ich muss sagen, da bewundere ich sehr deine Vorstellungskraft. Die Ideen sind wirklich toll… So ein Kabinett wäre wahre Kunst!
        Und vor Allem ist es von dir ein sehr schön gewählter Weg, um die Thematik Schönheit/Identität/Selbstwahrnehmung/Außenwahrnehmung aufzugreifen. Zumal auch dein Protagonist was das angeht sehr klug gewählt ist, wie ich finde. Es ist schön, dass sie kein zerrissener Mensch ist, der vorbelastet durch die Gänge hetzt, war sie doch eig recht unbekümmert und ließ vorerst alles auf sich zukommen. Sie wirkt wie eine eigentlich starke Person, die dennoch von dieser Erfahrung stark getroffen wird. Das gefällt mir wirklich sehr!

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      2. Zugegeben, ich habe nicht so oft Ideen, die mir des Schreibens wert scheinen (merkt man auch daran, dass ich in größeren, eher unregelmäßigen Abständen schreibe^^“)… Dieses Thema keimte aber kürzlich aus einem völlig anderen Text, mit dem die Geschichte nun eigentlich gar nichts mehr gemeinsam hat, abgesehen von dem Kern (der Wahrnehmung). Tatsächlich wusste ich, als ich gestern morgen damit anfing, weder wie viele Räume es geben wird, noch wer da durch läuft, noch was genau die Person da entdecken wird bzw wie sie damit umgeht – teilweise kam es sogar für mich überraschend xD Daher finde ich das besonders toll, dass dir so viele und vielfältige Aspekte meiner – ziemlich spontenen – Geschichte gefallen ^.^ ❤

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      3. Ja, das mag ich am meisten am Schreiben… Wenn sich die Geschichte und die Figuren plötzlich verselbstständigen und einen an die Hand nehmen und führen… Wenn dann die Worte aus einem heraus fließen, man schreibt und schreibt und fragt sich „verdammt, wo genau kommt das grad alles her?“
        Schön, dass es so ein Erlebnis für dich war^^
        Und wenn es dann auch noch anderen gefällt, dann ist das doch echt motivierend finde ich 😉

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      4. Ach das freut mich wenn es dir so besser gefällt^^
        Ich hätte noch ein paar kleinere Anmerkungen, wenn du Interesse hättest… Also das muss man dann ja vllt nicht hier machen, wenn du willst kann ich dir was über das Kontaktformular schicken… Also das ist auch ganz lieb gemeint, denn ich weiß nur zu gut, wie hilfreich es ist wenn Fremde nochmal über die Texte gehen… Will dir aber nicht zu nahe gehen, also kannst kannst ehrlich sagen, ob du magst oder nicht^^
        Liebe Grüße nochmal und hoffe du hast nen schönen Abend 😉

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