Während unseres gesamten Lebens sammeln wir Erinnerungen – jedes Jahr, jeden Monat, jede Woche, jeden Tag, jeden Augenblick. Manches prägt sich stark ein, manches bleibt nur verschwommen über die Jahre erhalten und manches vergisst sich ganz schnell wieder. Aber das, was bleibt, prägt uns und unser gesamtes Wesen nachhaltig. Manche Erinnerungen sind schön, manche weniger und manche würde man freiwillig sofort abgeben, wenn man könnte. Doch leider suchen wir uns nicht immer selber aus, was von all dem Erlebten bleiben darf und was nicht. Unser Unterbewusstsein entscheidet meist darüber und erschafft über die Jahre hinweg einen immer dichter werdenden Wald der Erinnerungen.

Ab und an gibt es diese schönen Momente der Ruhe, in denen man die Gedanken schweifen lassen kann. Oft sind es Abende oder Nächte… Immer sind es die Momente, in denen sich der Griff des Alltags lockert, man endlich etwas Abstand zu dem ganzen lebensfüllenden Gemenge aus Verpflichtungen, Aufgaben, Planungen, Organisationen und Ähnlichem gewinnt und man endlich durchatmen kann. So eine Art Lebenspause, in der man sich für die nächste Schicht sammelt. In diesen Momenten, wenn man den Blick schweifen lässt und es schafft, in all der Geschäftigkeit Inne zu halten, begeben wir uns auf einen Spaziergang durch den Wald unserer Erinnerungen.

Manchmal können wir uns selbst aussuchen, welchen Weg oder Pfad wir in diesem Wald anschlagen, wie tief hinein wir gehen wollen und welche Orte wir besuchen. Und manchmal nicht. Je müder wir sind, je mehr wir uns einfach fallen lassen wollen, desto wirrer und unberechenbarer sind die Pfade, die unser Unterbewusstsein für uns einschlägt. Vermutlich hat jeder von uns schon mal diesen Moment erlebt, wenn man aus einem gedankenverlorenen Marsch hochschreckt und sich fragt „Wo bin ich gerade eigentlich?..“. So ähnlich ist das hier auch: man geht einigen Gedanken nach und stößt plötzlich auf einen, der absolut aus dem Kontext gerissen scheint. Man ist bei dem Gedankenspaziergang irgendwann irgendwo abgebogen und plötzlich rennt man gegen einen Gedankenort, den man sonst vielleicht gemieden hätte. Man hat keine Ahnung wie und warum, aber man ist jetzt da und je nach Gedanken kann es sehr ernüchternd sein.

Hat man ein wenig mehr Zeit für einen solchen Spaziergang, kann es viel Vergnügen bereiten, sich so treiben zu lassen und aufs Geratewohl seinen Wald zu erkunden. Mal kommt man an einer längst vergessenen Wiese voller Kindheitserinnerungen raus, mal findet man eine Grotte, die besonders kostbaren Momente aus einer Lebensphase birgt, mal gelangt man ans Ufer eines Baches und sieht viele kleine Momente vorbeifließen, die einen glücklich gemacht haben… Und manchmal rennt man gegen einen Fels, den man nicht erklommen hatte oder stolpert über ein ausgebranntes Waldstück – eine einst verlorene Schlacht. Manchmal findet man sich auch in einer Gruft wieder, in der man einiges für immer begraben zu können hoffte… Der Wald der Erinnerungen ist groß und vielfältig, von Natur aus neutral und doch birgt er so viele Geheimnisse…

Muss man sich vor diesen Spaziergängen in Acht nehmen oder sie vielleicht ganz sein lassen? Nein, das nicht. Denn es ist schließlich unser kleines Universum, unser Zufluchtsort, an dem wir sicher sind. Wie alles auf der Welt bedarf es sowohl Licht, als auch Schatten, damit dieser Wald wachsen und gedeihen kann. Und wir selbst sind die Gärtner, Förster, Konstrukteure dieses Ortes, egal ob bewusst oder unbewusst. Auch wenn nicht vollständig, aber doch können wir stets für neue Areale sorgen, die schön sind, lichtdurchflutet und wohltuend sind – dafür müssen wir nur empfänglicher für Schönes und Gutes, egal wie klein, in unserem Alltag sein. Und auch wenn es immer wieder für dunkle Ecken in unserem Hein gesorgt wird – wenn man irgendwohin gelangen kann, kann man auch zurück. Der Wald hält uns nicht fest, er bietet uns nur etwas anderen Bewegungsraum, mit anderen Wegen und Orten, als die, die wir aus dem Alltag kennen. Und er bietet uns etwas, was der Alltag nicht hat – Zeit und Raum, damit wir die dunklen Flecken in ein neues Licht hüllen können. Alter Baumstumpf? Kann ein schönes Beet werden. Eine Fallgrube? Kann ein schöner kleiner Teich werden. Düstere Höhle? Kann mit genügend Moos und paar Kerzen ein Ort der Ruhe werden. Man muss sich nur trauen. Der Phönix zerfällt zur Asche und aus der Asche steigt er in einem neuen Glanz empor… Auch auf einer ausgebrannten Wiese können irgendwann wieder Blumen blühen.

Ich für meinen Teil, werde diese Spaziergänge immer genießen, egal an was für düstere Orte (und ja, davon habe ich dort reichlich und sie alle benötigen noch viele Jahre nachhaltige Gärtnerarbeit) es mich verschlägt. Es wird aber auch immer die schönen sonnigen Plätze darin geben, die lichtumspielten Pfade und vor Lachen schillernde Bäche.

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Ein Gedanke zu “Im Wald der Erinnerungen

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