Es war einmal eine Nacht… In dieser Nacht stand ich nach einigen tanzintensiven Stunden in der Matrix (einst DER Nachtclub meiner Wahl, heute nur noch ein Kindergarten mit Schanklizenz) am Bahnhof und wartete auf meinen Zug. Keine 10 Minuten vorher hatte ich einen Streit zwischen einer flüchtigen Bekannten (die Freundin einer Freundin, die ebenfalls gern in die Matrix gegangen ist) und ihrem Freund mitbekommen. Von dem jungen Mann war nun nichts zu sehen, meine Bekannte stand jedoch etwas verloren ein-zwei Meter von mir entfernt am Gleis. Ich war mir unsicher, ob ich sie auf diesen Streit ansprechen soll – immerhin kannten wir uns kaum -, also fragte ich sie, wie lange sie hier noch warten müsse. „Zwei Stunden“ war die Antwort. Viel zu lang, um allein auf so einem Zwei-Gleis-Stadteil-Bahnhof rumzustehen, zumal es von ihrem Begleiter immer noch keine Spur gab. Also bot ich ihr an, mit zu mir zu kommen: ich hatte es nicht weit bis nach Hause und eine Gästezahnbürste hatte ich damals auch immer im Schrank. Ich war mir nicht sicher, ob sie dieses Angebot annehmen würde, doch das tat sie. Zum Glück. Für uns beide.

Ich hatte damals selbst gerade erst eine schmerzhafte Trennung hinter mir und war in dem Sinne ebenfalls lädiert… Und da ich nun mal die dumme Angewohnheit habe,  so etwas in mich hineinzufressen, war ich damit auch noch ziemlich allein. Genau wie sie. Als wir da so in meiner kleinen dunklen Küche saßen, mit je einer Tasse Tee zum sich festhalten in den Händen, geschah etwas Unerwartetes – wir verstanden uns. Gemeint ist nicht, dass wir dieselbe Sprache sprachen, auch nicht das übliche Einfühlungsvermögen, das man einem Menschen entgegenbringt, wenn Trauriges erzählt wird… Nein. Sie sprach, erzählte mir – einer Fremden – sehr offen von dem Streit und ihren Gefühlen, von der Komplexität dieser Beziehung, von ihren Ängsten und von ihrer Liebe… Ich weiß bis heute nicht, warum sie mir damals so viel Vertrauen entgegengebracht hatte… aber ich hörte es nicht nur, sondern ich verstand ganz genau, was sie fühlte. Weil ich zwar ein anderer Mensch mit einem anderen Erfahrungsschatz bin, aber offensichtlich ziemlich ähnlich empfinde. Also verstand ich sie. Und sie mich. Und es war unglaublich tröstend für beide, dass wir mit diesen Gefühlen nicht alleine waren.

Die Erinnerung an diese Nacht wurde mit der Zeit wie eine Erinnerung an einen intensiven Traum – es war dunkel, die Atmosphäre war durchtränkt von Emotionen, unser leises Gespräch verstummte erst, als es hell wurde. Und zwei sich fremde Menschen haben miteinander eine tröstliche Nähe gefunden, die beiden Halt gab. Klingt wie ein Auszug aus einem düsteren Roman… Aber nein, das war das Leben, wie wir es in dieser Nacht erlebt hatten. Mit einigen zeitlichen Abständen wiederholten sich unsere Gespräche dieser Art. Mit der Zeit wurden sie häufiger und die Übernachtungen wurden fest eingeplant. Irgendwann kamen andere Themen dazu, irgendwann freuten wir uns auch zusammen. Seit damals haben wir mittlerweile Vieles miteinander geteilt, sowohl Gutes, als auch Schlechtes, ob Familie, ob Freunde, ob Liebesangelegenheiten oder auch einfach der Uni-Stress. Es stellten sich einige Parallelen in unseren bisherigen Lebensläufen heraus, aber auch reichlich Unterschiede. Doch in einem sind wir uns fast gleich – in der Art, zu empfinden.

Ich weiß, es ist eine ganze Menge emotionales Blabla, was ich da gerade runterschreibe, aber in dieser einer Nacht, in der wir beide einen Verlust zu beklagen hatten, haben wir uns beide gefunden. Und je älter ich werde (schön, dass ihr gestern an der Tür zu meinem Domizil die 3 vom Geschenk für mich direkt abgefallen ist, ich bin jetzt also eigentlich zeitlos), desto mehr weiß ich diese Begegnung zu schätzen. Desto dankbarer bin ich für diesen Streit, für diesen Bahnhof und für diese Nacht, die zwei Schicksalsfäden zu einem überaus günstigen Zeitpunkt miteinander verknüpft hatte. Es ist auch einfach nur großartig, jemanden zu haben, der ganz genau weiß, wie du dich fühlst – egal in welcher Lebenslage.

Ich hatte letztens noch darüber nachgedacht, wie es wäre, hätte ich sie damals nicht getroffen. Was wäre, wenn ich an dem Abend nicht zeitgleich mit ihr aus dem Club gegangen wäre, oder vielleicht auch erst gar nicht an dem Abend in die Matrix gefahren wäre..? Was wäre, hätte ich ihr nicht angeboten mit zu mir zu kommen (das war ja sonst so gar nicht meine Art), oder sie es abgelehnt hätte..? Ich kann es mir heute nicht mehr vorstellen, ohne sie zu sein. Seit damals gab es immer mal wieder Erlebnisse in meinem Leben, die ich ohne ihre Hilfe wahrscheinlich nicht so gut überstanden hätte. Seit über 6 Jahren gibt sie mir immer wieder Kraft, wenn ich nicht mehr kann, bringt mir Verständnis entgegen, wenn ich mich mit meinem Gefühls-Chaos rumschlage, sagt mir, dass ich doof bin oder mich verrenne, wenn es so ist und sieht und hört mir sofort an, wenn etwas nicht stimmt – ohne ein Gespräch abzuverlangen. Äußerst seltene Eigenschaft. Aber sie versteht eben, wie ich ticke.

Manche Menschen glauben nicht an so etwas wie Schicksal, ich dagegen glaube nur bedingt an Zufälle. Es war auch nicht die einzige „schicksalhafte Begegnung“ in meinem Leben, die mir einen unersetzlichen Wegbegleiter an die Seite gestellt hatte. In dieser einer Nacht hatte ich jemanden gefunden, von dem ich viel über Stärke, Lebenslust, Freundschaft und tiefes Vertrauen gelernt habe. Vor allem über das Vertrauen. Zu einem Zeitpunkt, zu dem ich es beinahe verloren hatte. Ein Zufall..? Ein Zufall verändert nicht dein Leben. Eine solche schicksalhafte Begegnung schon.

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Ein Gedanke zu “Eine schicksalhafte Nacht…

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