Einen Monat ist es her, dass meine kleine Familie einen plötzlichen und schweren Verlust erlitten hatte. Einen Monat ist es her, dass ein für uns sehr wichtiger Mensch plötzlich unwiderruflich weg war. Ein Monat, der sich vor allem durch starke Gegensätzlichkeiten der Gemütsverfassung auszeichnet.

Dass dieses Ereignis uns den Boden unter den Füßen gerissen hatte, muss eigentlich nicht gesondert erwähnt werden – es versteht sich von selbst. Nachdem jedoch der erste Schock weg war und die Beerdigung überstanden, spaltete sich der Alltag. Auf der einen Seite die tiefe Trauer und Leere, auf der anderen ein starkes Verlangen nach dem Leben. Nicht nach dem Arbeitsleben, sondern nach dem echten, dem, um die Arbeit herum.

Zu oft gibt man sich der Müdigkeit nach einem arbeitsreichen Tag hin, zu viel Lebensenergie verschwendet man mit dem Ärger über die Arbeit und dem damit Zusammenhängenden. Zu viel Zeit verbringt man mit der „Auszeit“ von dem Stress des alltäglichen Lebens, ohne das eigentliche Leben zu erleben. Man verschiebt immer etwas auf später, irgendwann, auf „sobald es etwas weniger stressig ist“… Ein abruptes Ende hält uns die Lächerlichkeit solcher Ausreden bestens vor Augen. Es wird nicht weniger stressig, man wird nicht weniger müde sein, es wird sich kein besserer Zeitpunkt ergeben, als hier und jetzt. Man blickt nur irgendwann auf viele vertane Chancen zurück und fragt sich – war es das wert?

Als vor zwei Jahren ein Todesfall im engsten Freundeskreis die Dezemberlichter überschattete, fiel die Weihnachtszeit in unseren vier Wänden weitestgehend flach. Dieses Jahr fiel der Entschluss, es anders Hand zu haben, schnell – pünktlich zum ersten Advent wurde das Domizil üppig dekoriert und auch einen Weihnachtsmarkt-Besuch wurde bereits verzeichnet. Das Treffen mit Freunden wird nicht mehr aus fadenscheinigen Gründen ausgeschlagen oder verschoben und es werden Pläne geschmiedet und umgesetzt, komme, was wolle.

Wenn man uns trifft, lässt eigentlich nichts vermuten, das wir vor einem Monat einen Horror-Anruf bekommen haben. Man könnte uns fast schon vorwerfen, zu leichtfertig mit dem Geschehenen umzugehen. Das ist ein Trugschluss. Die Kehrseite dieses Lebensdurstes ist die Nacht, die Zeit, wenn alles alltägliche zur Ruhe kommt und die Stille einkehrt. Die Gedanken, die Träume… Nichts, worüber man reden wollen würde. Doch genau das ist es, was auf diese unerwartete Art und Weise den Tag steuert und uns den starken Lebenswillen einhaucht.

Feste feiern, wie sie kommen. Gelegenheiten wahrnehmen, wie sie anfallen. Sich über Kleinigkeiten freuen. Erleben. Leben. Lieben. Prioritäten richtig setzen. Wenn man aus einem Alptraum erwacht – sich nicht der Trauer hingeben und sich darin suhlen (und wenn, dann nur kontrolliert für eine festgesetzte Zeit), sondern es als den Schatten sehen, der nur angesichts des Lichts entsteht.

Es ist kein Verdrängen in dem üblichen Sinne – man versucht es nicht zu vergessen und auszublenden. Es ist vielmehr eine bewusst gezogene Konsequenz. Man denkt jeden Tag daran, bei vielen Gelegenheiten. Doch man entscheidet sich jedes mal aufs neue etwas zu finden, worüber man ehrlich Lächeln kann. Nicht, um es zu verdrängen, sondern weil man im Begriff ist, diese Lektion des Lebens zu lernen.

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Ein Gedanke zu “Der Lebenswille

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