Es lebten einst zwei  Schwestern, die so verschieden waren, wie Feuer und Wasser. Die ältere war umgänglich und geduldig, sie passte sich dem Leben an und suchte Konfrontationen zu vermeiden. Die jüngere dagegen war eine Naturgewalt: ihr Tatendrang loderte stets und trieb sie unermüdlich an. Viel Geduld hatte sie nicht und auch ihr Ärger loderte häufig auf, doch genau dieses Feuer machte sie stark und durchsetzungsfähig. Und dennoch: so verschieden sie auch waren, waren sie stets unzertrennlich.

Die Meisten, die sie zusammen trafen, wunderten sich darüber, dass es Geschwister waren, denn was sie sahen, waren beste Freundinnen. Sie hatten immer ein Gesprächsthema auf Lager und immer was zu lachen, akzeptierten einander ohne „wenn“ und „aber“ und waren einander stets zugetan. Es gab nie Streit, nie brach der Kontakt ab, obgleich sie immer ehrlich zueinander waren. Sogar in Freundschaften ein seltenes Phänomen, war diese Art von Beziehung zwischen Geschwistern für die meisten ein Wunder.

Die zwei Schwestern schritten gemeinsam durchs Leben, auch dann noch, als die Eltern starben und jede sich um die eigene Familie kümmern musste. Sie halfen sich gegenseitig mit den Kindern, tauschten sich über ihr Eheleben aus und waren auch dann für einander da, als sie die Ehemänner verloren. Alle Höhen und Tiefen, die im Leben so anfallen, meisterten sie – zusammen. Denn sie waren niemals allein. Ihre Verschiedenheit war nie ein Hindernis, sondern stets eine Bereicherung. Zusammen waren sie ein Ganzes. Und zusammen gingen sie durchs Leben.

Die Besonderheit dieser Verbindung wurde ihnen erst später bewusst, denn für sie war es etwas völlig normales. Nicht jeder Mensch hat das Glück, einen Seelenverwandten zu treffen. Neben seinem Seelenverwandten geboren zu werden ist noch viel unwahrscheinlicher. Und doch wurde den beiden Schwestern dieses unwahrscheinliche Glück zuteil.

Und so lebten sie, zogen ihre Kinder groß, feierten Hochzeiten, Geburten und Taufen… Sie telefonierten fast jeden Abend miteinander. Berichteten sich von ihren Erlebnissen, redeten über das, was sie freute oder auch ärgerte und vor allem lachten sie viel zusammen. Auch an dem letzten Abend. An dem Abend, als die jüngere Schwester zu Bett ging und nicht mehr aufwachte. So einfach, so plötzlich. Und dann waren die, die ihr ganzes Leben zusammen verbracht hatten, entzweit.

Die ganze übrig gebliebene Familie trauerte.

Die übrig gebliebene Schwester litt eher im Verborgenen, denn sie versuchte nun den verwaisten Kindern den Halt zu bieten, den sonst ihre Schwester allen gab. Zu ihrem eigenen Geburtstag versammelte sie alle noch einmal um sich. Sie vergewisserte sich, dass ihre beiden Neffen, die mittlerweile verheiratet waren, zurecht kamen. Noch bis spät am Abend erzählte sie dem jüngeren der Beiden und seiner Frau (alle anderen waren bereits gegangen) von „damals“, von früher, als ihre Eltern noch lebten, als ihr Mann noch lebte… Und auch von der jüngeren Vergangenheit, als ihre Schwester noch lebte. Sie zeigte keine Trauer. Vielmehr erzählte sie von all den guten Erinnerungen. Und von solchen, die viel Dankbarkeit in sich trugen.

Drei Wochen später ging auch sie.

Während ihres ganzen Lebens waren die zwei Schwestern nie lange voneinander getrennt gewesen, hatten es nie lange ohne die andere ausgehalten. Vielleicht waren diese zweieinhalb Monate die längste Zeit, die sie ohne einander sein mussten… Mehr war nicht zu schaffen. Also folgte die eine Schwester – fast genauso plötzlich – der anderen dahin, wo sie wieder zusammen sein konnten. Dahin, wo sie wieder miteinander reden und lachen konnten. Für immer. Denn was zusammen gehört, sollte nicht entzweit werden.

 

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2 Gedanken zu “Zwei Schwestern

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