Ich behaupte das jetzt einfach: jeder kennt ihn – den Versuch, alles in jedem Lebensbereich im Griff zu haben. Die Arbeit, die Geld einbringt, die Arbeit, die zuhause anfällt, der Partner, evtl. das Kind/die Kinder, Eltern und Verwandte, Freunde, Hobbies… Bereits vor der ersten Tasse Kaffee fängt der Kopf schon an zu planen, egal ob man schon wach ist oder noch im Zombie-Modus: ich muss dann und dann raus, unterwegs kann ich mir beim Bäcker noch Frühstück holen, auf der Arbeit steht heute dies und jenes an und …oh! der Kaffee ist bald alle, ich muss heute unbedingt noch neuen holen.. und einkaufen müsste ich heute oder spätestens morgen auch noch, weil der Kühlschrank ist langsam leer. Was koch ich denn heute abend..? ach egal, entscheide ich dann spontan beim Einkaufen.

Das geht zumindest in einem Frauenkopf vor, noch bevor man die erste Tasse Kaffee (oder eine alternative Wach-mach-droge) zu sich genommen hat. Man macht sich fertig für die Arbeit. Sollte man noch ein wenig Zeit haben, bevor man los muss, schmeißt man schon mal die Wäsche in die Maschine oder kümmert sich um das Geschirr. Schreibt einen Einkaufszettel. Und gedanklich eine „To do“-Liste, die mindestens diesen einen Tag bis zum Zeitpunkt des Einschlafens durchplant. Ist man dann erstmal aus dem Haus, fällt einem hier und da noch was ein: ich könnte mich ja wieder bei XY melden, ist schon lange her, dass wir uns gesprochen haben, geschweige denn gesehen, und… oh, der Laden hat schon auf, ich hab noch 5 Min. Zeit, dann kann ich das ja auch schon mal erledigen…

Endlich auf der Arbeit angekommen, fängt der bezahlte Teil des Tages an mit dem dazugehörigen Unfug. Da mag ich gar nicht so genau darauf eingehen, jeder weiß um seinen eigenen Arbeitsstress Bescheid. Aber in der Pause, da geht hin und wieder die Luzi ab, vor allem wenn man mitten in der Stadt arbeitet: ich muss noch eine Geburtstagskarte besorgen, und mal eben zu „Tchibo“ und „dm“, ach ja, was essen wäre ja auch nicht verkehrt, es heißt ja immerhin „Mittagspause“ und Hunger habe ich eigentlich schon so ein bisschen… Na egal, ich ess unterwegs schnell was. Und schon ist die Zeit um. Und war viel stressiger, als die Arbeit.

Nach dem Feierabend macht man noch einen Schlenker bei einem Lebensmittelladen, schustert im vorbeigehen noch ein Menü  für die nächsten 5 Tage zusammen, und dann ab nach Hause. Kochen, das, was man noch am morgen angefangen hatte, zu Ende machen, nebenbei hier und da noch was aufräumen, sitzen, essen, aaaaah!.. Feierabend. Und eigentlich sogar fast schon Schlafenszeit. Man sollte ja auch nicht zu spät ins Bett, denn morgen geht es ähnlich weiter. Da sollte man wenigstens halbwegs ausgeschlafen sein.

Irgendwo dazwischen tauchen dann immer mal wieder Familienfeier, Geburtstage, Treffen mit Freunden oder sogar schon mal ein kleiner Ausflug zum Vergnügen auf. Meistens am Wochenende. Zwischen dem Kram, den man in der Woche nicht mehr geschafft hat zu erledigen.

Der Alltag eines jeden sieht anders aus, das ist Fakt. Immerhin hat jeder seinen eigenen Tagesablauf, eigene Termine und seine eigene Art und Weise das alles unter einen Hut zu kriegen. Was aber allen gemeinsam sein dürfte, ist das Sammelsurium aus „muss“, „soll“, „kann“ und „eigentlich könnte ich noch…“. Und jetzt finde den Fehler…

Es sind alles aktive Verben, die etwas fordern und nichts geben. Wo sind denn die Anker für unseren Alltag? Wo sind die Ruhe, Erholung, Zeit für sich selbst und für den Partner? Wo ist der „Feierabend“ im eigentlichen Sinne? Das lässt sich alles gar nicht in den paar Stunden abends nach der Arbeit unterbringen. Man ist gezwungen Prioritäten zu setzen, die auf der anderen Seite einen Verzicht erfordern. Durch Abwechslung lässt sich das ja noch ausgleichen… Ist man aber von dem ganzen organisierten Rumgerenne dauerhaft müde, fällt die Priorisierung schnell einseitig aus und es entsteht ein Ungleichgewicht. Menschliche Kontakte, Hobbies, sogar Sachen, die man sonst eigentlich gerne macht und die zur Erholung gravierend beitragen, fallen dadurch dauerhaft weg und man bekommt mit der Zeit das Gefühl, in einem immer kleiner werdenden Pappkarton zu leben, in dem man wie ein gefangenes Tier immer nur die Wände entlang streift und immer die gleichen vier Ecken findet…

Und hier ist er – der Versuch. Das Untier, was sich uns irgendwann in den Nacken setzt und propagiert: so kann es nicht weiter gehen! Du musst ein Gleichgewicht bei all dem finden – Arbeit ist nicht alles, du arbeitest um zu leben und lebst nicht um zu arbeiten! Haushalt kann nicht eine höhere Priorität, als deine Familie haben! Und es kann nicht sein, dass alles andere wichtiger ist, als mal Zeit für sich selbst zu nehmen! Und da stehst du, hast das rumposaunenede Tier im Nacken, welches ja eigentlich Recht hat, und denkst dir: „Aha… Schön und gut, aber dann brauche ich mehr als 24 Stunden am Tag.“ Ja, in der Tat. Denn die Arbeitszeiten kann man für gewöhnlich nicht einfach so verkürzen, auf den Schlaf kann man auch nicht dauerhaft verzichten, also müsste man die Zeit dazwischen in die Länge ziehen. Kann man aber nicht, denn das würde der Arbeitgeber nicht verstehen und eine Tardis steht auch nicht gerade bei jedem vor der Tür.

Manchmal fühlt es sich an, als würde man in einer unmöglichen Körperhaltung auf einem Zeh an einer Klippe stehen, während man auf den Armen, dem einen freien Bein und auf dem Kopf verschiedene Bereiche des Lebens balanciert. Ein Windstoß und entweder verliert man eines davon oder, wenn es etwas ungünstiger ausfällt, kippt man samt dieser Konstruktion in den Abgrund. Keine schöne Vorstellung. Und so steht man da und versucht die „Work-Life-Balance“ zu finden, womit wir bei den Einhörnern wären… Nein, ernsthaft – hat schon mal jemand einen Menschen getroffen, der selber arbeiten geht, regelmäßig putzt (sodass es zuhause meistens sauber und ordentlich ist), jeden Tag gesund kocht, einkauft, Urlaub und Ausflüge plant, Feste, Treffen und Familienzusammenkünfte organisiert, genug Zeit mit Freunden, Familie und vor allem dem Partner verbringt, trotz allem noch Zeit für sich nimmt, Sport treibt, mindestens einem Hobby nachgeht, Bücher liest und genug Schlaf bekommt… und dabei NICHT auf Drogen ist? Eben. Einhörner.

Gut, dies mag ein Bild sein, welches nicht für jeden das perfekte Leben beschreibt. Kann es auch gar nicht, denn es lässt sich so auch gar nicht in einen 24 Stunden Tag unterbringen. Man hat verschiedene Prioritäten und Arrangements im Alltag, die alles etwas annehmlicher verteilen… und dennoch – irgendetwas kommt immer zu kurz. Sogar bei den Menschen, die scheinbar alles fest im Griff haben. Wie viel Perfektionismus darf es denn nun im Alltag sein, damit man noch Luft zum Atmen bekommt? Ich bin, zum Beispiel, jemand, der sich in einem dreckigen, chaotischen Zuhause nicht erholen kann – wie soll ich mich sauber machen, wenn das Bad dreckig ist? Wie soll ich entspannen, wenn alles staubig ist und ich deswegen dauernd niesen muss? Wie soll ich mich im Schlaf erholen, wenn das Bettzeug sich nicht mehr sauber anfühlt? Während ich mich also darum kümmere, habe ich keine Zeit bzw. keine Energie mehr für den Menschen, mit dem ich zusammen lebe, der für seinen Teil mit Scheuklappen durch unser Heim ziehen kann und alles oben aufgezählte schlicht und einfach nicht sieht, dafür aber stetige liebevolle Zuwendung braucht, um sich zu erholen. Diese kommt aber zu kurz, weil ich mich um andere Dinge kümmern „musste“, um sich später erholen zu können, anstatt sich einfach zu erholen, um sich wieder aktiv und liebevoll meinem Mann zuwenden zu können. Auf der anderen Seite hilft das saubere Zuhause einem auch nicht weiter, wenn da dicke Luft – so staubfrei sie auch sein mag – herrscht, weil der Partner sich komplett vergessen fühlt. Und irgendwo dazwischen muss ich auch ab und zu meinen Akku laden, und das tut ein Typus wie ich am besten im Ruhezustand und bei völligem Fehlen der menschlichen Kontakte, direkt wie indirekt. Klingt kompliziert, ist es auf Grund der zeitlichen Beschränkung auch. Daher fällt mir, bildlich gesprochen, auch immer wieder eines der zu balancierenden Sachen runter. Aber auch hier lernt man immer mehr dazu… Zum Beispiel, dass man kein Einhorn werden muss, um Freude im Leben zu finden. Und dass man manchmal zumindest ein Paar der Sachen temporär ablegen kann, damit man mit beiden Füßen das Gras spüren kann, in dem man eigentlich steht. Und dass noch keiner an Fast-Food-Kochaussetzern gestorben ist, wenn man dafür etwas mehr Zeit für andere Dinge gewonnen hat.

 

 

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5 Gedanken zu “„Work-Life-Balance“, oder wie war das mit den Einhörnern..?

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