Bei dem Wort „Vampir“ denken die meisten (Frauen) an einen mehr oder minder heißen Typen mit blasser Haut, ordentlich Kajal um die Augen und sexy Fangzähnen, von den eventuell sogar Blut tropft. Es gab ja in den letzten 15 Jahren mehr als genug Bildmaterial für jeden Geschmack – von Oldschool-Sexy wie beim „Interview mit einem Vampir“, über feuchte Teenieträume in Glitzer, bis hin zu der sexy Ausgeburt der Hölle, verkörpert von Alexander Skarsgård. Und dann gibt es da noch die Klassiker wie „Graf Dracula“ oder „Nosferatu“… Es wurde auf jeden Fall dafür gesorgt, dass bei dem Wort „Vampir“ definitiv jeder von uns sofort ein Bild im Kopf hat. Nur entspricht keins dieser Bilder den realen Vampiren. Ja, sie gibt es wirklich. Nein, es sind keine heißen Kerle und Feminas, die die sexuellen Fantasien des gemeinen Volkes anregen. Keine romatisch-düstere Atmosphäre, keine Einblicke in eine obskure Welt, kein Blut. Es sind nicht einmal Personen im direkten Sinne. Darf ich vorstellen – die realen Vampire unserer Zeit: die Ämter.

Im Normalfall sieht es so aus: wir gehen fleißig arbeiten, zahlen brav in alle möglichen Versicherungen und Kassen ein und fühlen uns dadurch abgesichert – monatliches Einkommen zum Leben, Vorsichtsmaßnahmen für Eventualitäten wie Krankheit oder Arbeitsunfähigkeit, Sparen für den sorglosen Lebensabend in Form von Rente etc. Im Normalfall geben wir also einen nicht unwesentlichen Teil unseres Arbeitslohns für Versprechungen der sicheren Leistungen in schweren Zeiten aus. Scheint fair zu sein – ich zahle ein, also brauche ich mir keine Gedanken darum zu machen, was passiert, wenn… Denn: ich habe mich ja abgesichert. Also kann ich jetzt beruhigt schlafen und sich darüber freuen, dass unserer „Sozialstaat“ so gut für seine Bürger sorgt. Friede, Freude, Eierkuchen…

Aus dem heiteren Himmel, völlig unerwartet, trifft einen dann ein Blitz und schon sitzt man im Rollstuhl. Und während man versucht zu genesen, setzt ein schlimmer körperlicher Verfall ein, der einen fast rundum zu einem Krüppel macht.

Als der Blitz einschlug, war man gerade seinen langjährigen Job los, weil die Firma pleite gegangen ist. Ok, da hat das Amt noch gezahlt und die Krankenkasse auch. Etwas nervige Rennerei, aber das ging noch. Dann, anstelle der Genesung, ging immer mehr kaputt – wie im Kampf gegen die Hydra: schlägst du einen Kopf ab, wachsen zwei neue. Das Amt:

„Nö. Genug zuhause gesessen, such dir endlich einen Job!“

„Kann ich nicht, ich bin krank – hab paar innere Organe verloren, Hüfte gebrochen, Gelenke sind kaputt, sehe kaum noch was und hab rund um die Uhr schmerzen.“

„Glauben wir dir nicht. Wir schicken mal einen vorbei, der hat Ahnung davon, der soll darüber urteilen…“

„Ok, von mir aus…“

Gutachter kommt vorbei guckt sich den Kaputten an, bescheinigt Arbeitsfähigkeit bis zu 4 Stunden täglich im Radius von 500m ums Domizil herum (weil: weiter kommt der Kaputte mit seinen Beinen nicht). Das Amt:

„Nö.“

„Wie „nö“?“

„Kannst ja arbeiten. Such dir einen Job. Wenn nicht – wir haben in deinen Unterlagen gesehen, dass du noch hier und da Geld angelegt hast. Das kannst du ja erstmal aufbrauchen.“

„Aber das ist die Absicherung für meine Frau, für den Fall, dass ich sterbe! Und das andere hatte ich für den Lebensabend zurückgelegt…“

„Ist nicht unser Problem. Brauchs jetzt auf oder verhungere… Bevor es nicht weg ist, gibts von uns nichts.“

„Ja aber ich habe doch hier und da eingezahlt, solange ich gearbeitet habe! Das war doch genau für solche Fälle, wie jetzt!“

„Wissen wir nix von. Steht dir eh nicht zu, du kannst ja noch atmen und reden. Kannst ja für 4 Stunden am Tag ins Callcenter gehen oder so.“

„Callcenter?! Aber ich habe ein Ingenieurs-Diplom!..“

„…der hierzulande nichts Wert ist, weil er nicht den EU-Richtlinien entspricht.“

„… (Gedanken: aber die Standards damals, in meiner ehemaligen Heimat, waren viel höher als hier, das heißt ich kann viel mehr als jemand, der in der heutigen Zeit hier ein Diplom… tschuldigung – Master in diesem Bereich macht…)“

…und so ging er von dannen, der Kaputte Mitte 50, und sah keinen Ausweg mehr. Er spielte immer öfter mit den Gedanken an Freitod und schätzte – aufgrund seiner Gesundheit – die verbleibende Lebenszeit auf unter 9 Jahren.

…und so saugt das Amt die Ersparnisse, die Nerven und den Lebenswillen aus… Ein Vampir, der das gemeine Volk in lebende Tote verwandelt, und zu allem „nein“ und „amen“ sagt.

Ein anderer Mann in der Blühte seines Lebens… Er wurde erwachsen, gründete eine Familie und setzte alles daran, dieser Familie ein einfaches, aber ein sorgenfreies und sicheres Leben bieten zu können. Arbeitete bis zu 15 Stunden am Tag, rotierte zwischen Arbeitsstress und gute Miene zum bösen Spiel zuhause (damit sich seine Frau keine Sorgen macht) und übernahm sich auf Dauer „etwas“. Landete im Krankenhaus, bekam eine Ansage vom Arzt, dass er dringend etwas ändern müsste, weil er so keine 50 mehr werden würde und beschloß auf diesen Rat zu hören. Er suchte sich einen sicheren Job, der ihn weniger zerreißen würde, der Sicherheiten bieten würde und ihm, zusammen mit seiner Familie, ein lebenswertes langes Leben ermöglichen könnte. Suchte und scheiterte vorerst, aufgrund des Mangels an passenden Angeboten im erreichbaren Umkreis. Das Amt:

„Das geht so nicht!“

„Aber ich bemühe mich! Hier – zig Bewerbungen, zur Hälfte davon gab es nicht mal eine Antwort. Wie sie sehen – ich sitze nicht einfach da und tue nichts.“

„Sie sind wohl zu blöd zum Arbeit suchen. Wir stecken sie dann bald in den Kurs „Wie schreibe ich eine Bewerbung“, damit sie wenigstens ein Callcenter nimmt.“

„Ich glaub, sie verrennen sich da was. Erstens: einen solchen Kurs könnte ich längst selbst leiten, denn ich hab beruflich bedingt lang genug damit zu tun gehabt. Zweitens: ich habe eine Familie zu ernähren und Rechnungen zu bezahlen, wie stellen sie sich das mit 1,2 Brutto im Monat bei einer 48 Stunden-Woche vor?!“

„Interessiert uns nicht. Sie liegen uns auf der Tasche. Sehen sie zu, dass sie schleunigst was dagegen unternehmen, ansonsten – viel Spaß beim zusehen, wo sie ihr Essen her bekommen…“

„…(Gedanken: ihr blöden x“§$)/%“$=(/%, ich hab geackert wie ein Geisteskranker, bis ich umgekippt bin und im Krankenhaus landete, will jetzt nur einen weniger stressigen und halbwegs sicheren Job, damit ich mir nicht in ein paar Jahren die Radieschen von unten anschauen muss, und ihr kommt mir mit dummen Sprüchen und null Hilfe…)“

…und so ging der Mann von dannen, der noch nicht Kaputte in der blühte seines Lebens, und schraubte seine Erwartungen runter, schaute sich bei schlechter bezahlten Jobs um und bereitete sich im Geiste darauf vor, den Kampf wieder von vorne zu beginnen – ohne Sicherheiten und mit schemenhaften Perspektiven. Und währenddessen saugte das Amt genüsslich an seiner Hoffnung, seinem Selbstwertgefühl und seinen Nerven, labte sich an der eigenen Macht über diese kleine Existenz und war voll und ganz mit sich zufrieden.

Eine junge Frau… Sie hatte wenig Glück im Leben, dafür aber viel Mut und Stärke, es selbst in die Hand zu nehmen und für ihr eigenes Glück zu sorgen. Sie beschloß zu Studieren, um in ihrem Wunschberuf arbeiten zu können. Sie sorgte stets für sich selbst, bewies Fleiß und Durchhaltevermögen im Studium, musste jedoch immer mal wieder neue Schicksalsschläge verkraften. Einer davon sorgte sogar für einen einjährigen Aussetzer im Studienverlauf und für eine langjährige Therapie. Nicht aus Jux, sondern aus wirklich guten Gründen. Auch das hat sie gemeistert und verdient Bewunderung und Respekt für ihre Stärke und ihren Lebenswillen. Und auch im Studium kam sie wieder weiter, gab nicht auf, hatte ihr Ziel fest im Blick. Das Amt:

„Sie studieren aber lange. Reicht jetzt, Subvention gestrichen!“

„Ok, ich such mir einen Job.“

Ein anderes Amt:

„Sie studieren aber lange. Ihr Studiengang wird jetzt abgeschafft, sehen sie zu, dass sie bis Ende des Jahres fertig werden.“

„Eeeehm… Sie wollen mir sagen, dass ich jetzt, nicht mehr weit von der Endprüfung entfernt, die hälfte meine Akkreditierungen verlieren soll und um Jahre zurückgestufft werden soll, nur weil sie sich an der alten Studienordnung satt gesehen haben?…“

Zu viele Stimmen gesellten sich mit der gleichen Frage dazu und konnten das Amt doch noch milder stimmen… Das Amt:

„Ok, ok, schon gut. Ihr dürft hier noch fertig machen. Wir verpflichten die kleineren Ämter dazu, es euch noch zu ermöglichen.“

Die kleineren Ämter:

„Ja klaaaaaar. Aber nö.“

„Wie „nö“?“

„Nö, haben wir keine Zeit zu, kommen sie später.“ Später: „Nö, jetzt sind sie zu spät, die Frist ist um.“

„Ääääh… WAS? Sie haben doch gesagt, ich soll später kommen?! Auf meine Anrufe und Mails mit der Überschrift „Dringend“ haben sie auch wochenlang nicht reagiert und jedes mal, wenn ich vor der Tür stand, egal ob mit Termin oder ohne, haben sie mich nicht rein gelassen. Und jetzt bin ich auch noch selbst schuld?!“

„Ja, so ist es. Schönen Tag noch.“

Anderes Amt (der für die Lösung solcher Probleme zuständig ist):

„Haben sie Recht, so geht das nicht. Wir kümmern uns…“

…etwas später…

„Ja, also… können sie machen, aber halt nächstes Semester.“

„Aber mein Abschluss zögert sich dann noch mehr hinaus…“

„Kann man nichts machen, sie haben die Frist nun mal verpasst…“

„Aber es lag nicht an mir!“

„Da kann man jetzt leider auch nichts mehr machen…“

…und so hetzte sie, die Junge Frau mit ihrem Wunschberuf vor Augen, zwischen vielen kleinen Ämtern – stets in Angst, dass ihr neue Steine in den Weg gelegt werden würden. Und die Ämter saugten genüsslich an ihren Nerven, ihrer Zeit und ihrer Kraft, labten sich an ihrer wachsenden Verzweiflung und erfreuten sich an ihrer Macht über diese kleine Existenz und an ihrem Spiel „wer legt den größeren Stolperstein“.

Ihr seht – die Vampire gibt es wirklich. Aber sie haben nichts mit den Bildern gemeinsam, die wir durch die Medien vermittelt bekommen… Mit der Ausnahme von dem „Leben aussaugen“, auch wenn nur im übertragenden Sinne. Und jeder von uns muss früher oder später eine Interaktion mit diesen Vampiren in Kauf nehmen. Wie man sich gegen sie schützt? Keine Ahnung… Es wäre sicherlich witzig, wenn auf einmal alle, die bei Ämtern vorgeladen werden, mit einem Knoblauchkranz um den Hals und einer Bibel in der Hand zu ihren Terminen erscheinen würden. Nur leider haben die Ämter nicht einmal Humor, um darüber zu lachen… In diesem Sinne: „nein“ und „amen!“

 

 

 

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6 Gedanken zu “Die Vampire von heute

  1. Also: Vor dem nächsten Amtsbesuch Knoblauch auf die Einkaufsliste setzen ^^
    Hab leider ähnliche Amtserfahrungen gemacht…mit Bafög, danach mit Wohngeld und ironischerweise aber noch NICHT beim Arbeitsamt..naja..kann ja noch kommen..

    (Bill Skarsgård als Upir in Hemlock Grove ist auch cool 😊)

    Grüße aus dem Gedankenarchiv…da herrscht zwar auch Chaos, aber nie zu Lasten der Gedanken 🙄

    Gefällt 1 Person

    1. Mach am besten auch noch Bilder von, dann kannst du sie gern unter diesen Eintrag posten XD

      (Der kleine war nicht schlecht, aber sein großer Bruder ist einfach ein coolere Sau xD)

      Die Gedanken haben, zum Glück, noch etwas mehr Freiheit 😉 Grüße zurück aus dem Wunderland, wo das Staunen gepaart mit Facepalm nicht aufhört ^^

      Gefällt 1 Person

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