Die Zeit ist eine physikalische Größe, die nicht nur unser Leben misst, sondern dieses oftmals auch bestimmt. Wir verbringen nur eine bestimmte Zeit auf dieser Welt, die wir in Jahren, Monaten, Tagen, Stunden, Minuten und Sekunden messen (zumindest grob zusammengefasst). Wir messen unser Alter, wir messen unseren Alltag, wir messen die Gar-, Brat- und Backzeit, wir messen unseren Schlaf… Wir messen einfach alles damit, was zu unserem Leben dazu gehört. Und auf Physik ist doch verlass, also kann man sich ganz gut danach richten und dem Leben so eine unumstößliche Grundstruktur verpassen. Richtig?..

Falsch.

Während die Zeit tatsächlich eine feste Einheit ist, ist es das Zeitempfinden nicht. Jeder kam schon mal zu spät, weil dieses „ach, ich hab ja noch Zeit!..“ leider schneller vorbei war, als man dachte. Jeder hat sich schon mal bei dem Gedanken ertappt, wie „ist das echt schon so lange her?!“. Jeder stellte schon mal fest, dass ein Tag ganz schön schnell vorbei sein kann oder aber sich schrecklich in die Länge ziehen. Es existieren tausende von Sprüchen und Redewendungen, die die Zeit als ein konfuses Konzept darstellen, aber sicherlich nicht als eine verlässliche, lineare Messgröße für unser Leben.

„Die Zeit zieht sich wie ein Kaugummi“

„Die Zeit verrinnt wie Sand zwischen den Fingern“/ „Die Zeit vergeht wie im Fluge“

„Die Zeit stehlen“

„…und die Zeit steht still“

„…ein Jahr verging wie ein Tag“

…ich werde jetzt nicht noch weitere Redewendungen anfügen, denn es gibt einfach zu viele. Klar ist: die Zeit im Kontext des menschlichen Empfindens ist eine relative Größe. So schien im Kindergarten oder in der Schule ein Jahr unheimlich lange zu dauern. Gerade im Kindergarten war es eine kleine „Unendlichkeit“. In der Schule quälten wir uns von Ferien bis Ferien und die Zeit schlich in einem absoluten Schneckentempo… Und wir haben alle die sinnbildlichen „drei Kreuze“ gemacht, als die Schule endlich irgendwann vorbei war. Dann kam entweder das Studium oder die Ausbildung (weitere Alternativen bitte gedanklich einfügen). Wie es in der Ausbildung war, kann ich nicht sagen, aber im Studium verging die Zeit auf einmal schneller: vier Monate der Vorlesungszeit verkürzten sich in den ersten zwei Jahren mindestens um die Hälfte, die zwei Monate der vorlesungsfreien Zeit empfand man irgendwann gerade mal als ein Drittel. Und plötzlich hieß es nicht mehr „ach, bis zu der Klausurphase sind noch zwei Monate *abwink*…“ sondern „oh Mist, es sind nur noch zwei Monate und ich hab mir die Texte noch nicht mal angeschaut…“. Und die 6 Wochen, die man sich für eine Hausarbeit einplante, arteten meistens in einem „Sch***!!!!!!! Ich muss in einer Woche abgeben und ich bin noch nicht mal ansatzweise fertig!!!!!“ mit angehängten Nächten. Warum? Nun… manche sicherlich, weil sie zu spät angefangen haben. Ich dagegen, weil ich bei meinen Recherchen meistens total die Zeit vergessen hatte und dann plötzlich feststellte, dass ich seit drei Wochen in der Bibliothek hocke, aber noch nicht mal eine Einleitung geschrieben habe.

Und mit jedem zusätzlichen Lebensjahr wird es schlimmer. Jetzt, im Berufsleben, frage ich mich immer öfter, wie es sein kann, dass die Woche/der Monat/das halbe Jahr schon vorbei ist. Es war gerade erst Weihnachten, jetzt ist schon sogar Pfingsten vorbei. Eine Freundin schrieb vor Kurzem (welches auch schon mindestens eine Woche her ist), dass sie es nicht fassen kann, dass ihr Besuch bei uns schon einen Monat her ist. Ich pflichtete ihr bei, aber nicht mit dem Gefühl, es war erst gestern, sondern mit dem Gefühl, dass es schon Monate her ist. Was ist in der Zwischenzeit passiert, was dieses Gefühl rechtfertigen würde..? Eigentlich kaum etwas relevantes, aber gefühlt war es eine ganze Menge. Ich meine… die Radieschen, die ich Ende März gesät hatte (gefühlt vor paar Wochen) sind schon Salatreif. So viel dazu.

Am „schlimmsten“ hat mich aber diese Erkenntnis der konfus-verrinnenden Zeit getroffen, als ich Anfang der Woche beim durchforsten meiner Musiksammlung auf ein paar Bilder stieß, die auf Anfang 2004 datiert sind. 2004. VIERZEHN Jahre her! Ich war 16. Ich fühle mich eigentlich nicht älter, als Anfang 20 und trotzdem sind diese Bilder schon vierzehn Jahre alt. Aus dieser Zeit stammt auch die Musik, nach der ich gesucht hatte. Ich habe sie auch wirklich sehr lange nicht mehr gehört und kenne trotzdem noch alle Texte, also kann das wirklich schon so lange her sein?! Offensichtlich.

Dagegen hält aber ein anderer Zeitstrang, der an meinen Mann gekoppelt ist – wir sind seit zweieinhalb Jahren verheiratet und es fühlt sich wie ein paar Monate an. Andererseits scheint die Zeit der Suche nach dem richtigen Partner schon eine halbe Ewigkeit her zu sein. Vor langer langer Zeit…

Manche Erinnerungen scheinen so fern in der Vergangenheit zu liegen, dass es meine Lebzeit auf dieser Welt beinahe übersteigen könnte. Andere wiederum scheinen in die jüngere Vergangenheit zu gehören und sind dann doch schon von vor über zehn Jahren… Manchmal gehe ich gedanklich bestimmte Meilensteine meines Lebens chronologisch durch und muss mir doch tatsächlich die Jahre ausrechnen, in denen sie verankert liegen, nur damit ich nicht das Gefühl bekomme, ich würde in mindestens zehn verschiedenen Zeitebenen gleichzeitig und bewusst existieren. Aber genau dieses Gefühl schleicht sich öfter mal ein, wenn der Tag auf der Arbeit sich wie Kaugummi zieht und man das Gefühl bekommt, mindestens 12 Stunden Arbeitszeit hinter sich zu haben, und der angehängte Abend mit einer Freundin dagegen nicht länger als eine viertel Stunde lang zu sein scheint. Und dazu kommt noch die Abgrenzung der beiden Bereiche, die einen Tag in zwei Hälften spaltet und damit das normale Konzept des 24-Stunden-Tages völlig auf den Kopf stellt. Hat überhaupt noch jemand – außer den Kindern – ein halbwegs lineares und nicht in Ebenen gespaltenes Zeitempfinden..? Oder ist dieses konfuses Konstrukt auch noch so ein Indiz für das „älter werden“..?

 

Die Zeit ist unerbittlich,

denn sie verrinnt wie Sand,

vergeht unwiederbringlich

und doch stets relevant.

 

In diesem Sinne – konfust euch Wohl! *verneig*

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