Bis Weihnachten sind es keine 6 Wochen mehr und damit rast die stressigste Zeit des Jahres auf den Einzelhandel zu. Die letzten Urlaubstage sind genommen, Pläne und Ziele stehen schon seit August, Deko ist entstaubt, sortiert und wartet nur darauf im Laden angebracht zu werden. Auch die fleißigen Helferlein – bei uns liebevoll „die Weihnachtselfen“ genannt – sind bereits eingestellt, haben eine ausführliche Einführung erhalten und werden nun peu à peu in den Alltag eingegliedert. Die Weihnachtselfen werden für allerlei Aushilfsarbeiten benötigt: Kundenbegrüßung, Verpackung von Geschenken, Hilfe mit der Warenlieferung, Auffüllen von Regalen… Hilfsarbeiten eben. Das wird bereits bei der Einstellung deutlich gesagt und ich hab es selbst vergangenen Samstag bei der Einarbeitung mehrfach betont. Sollte also eigentlich angekommen sein. Diese Aufgaben werden dann je nach Verfügbarkeiten der Elfen und Bedarf unsererseits verteilt.

Man kann sich denken, dass die meisten Bewerber auf diesen Job Schüler oder Studenten sind und es daher recht schwierig ist, jemanden für die Morgenstunden zu finden – die Zeit, in der nun drei mal die Woche palettenweise unsere Ware ankommt. Dieses Jahr hatten wir aber eine Bewerberin, die genau an den Liefertagen morgens verfügbar war. „Sehr praktisch!“ dachte sich unsere Chefin und stellte die junge Dame sofort ein. Selbstverständlich wurde bei der Einstellung besprochen, dass sie vor allem für die Warenannahme eingesetzt wird – war für sie völlig ok. Unsere Chefin und ich freuten uns und schrieben einen entsprechenden Arbeitsplan.

Bereits am Tag der Einarbeitung, irgendwann gegen 23 Uhr, kam von ihr die Frage, wie man unseren Mitarbeiterrabatt online einlösen könnte – in einer Kommunikationsgruppe, die ausdrücklich für arbeitsbezogene Kommunikation erstellt wurde. Ok, da freut sich aber einer… hab ich mir gedacht. Am nächsten Tag bekam ich die Anfrage, ob sie ihre Uniform doch noch eine Nummer kleiner bekommen könnte, weil sie ja nicht richtig sitzt. Doch, die saß richtig, ist ja kein eng anliegender Catwalk-Fummel… Das erklärte ich ihr – wesentlich diplomatischer, versteht sich – am Dienstag, ihrem ersten richtigen Arbeitstag. An diesem Tag kam auch die Ware – Palettenweise, wie bereits erwähnt. Klar, erster Tag und direkt viel schleppen müssen, Unmengen an Ware, Materialien und Pappe, die danach weg muss – alles kein Zuckerschlecken. Aber es war ja angekündigt und alle Anwesenden halfen schließlich mit – inklusive die Filialleitung und mich, ihre Vertretung. Als ich mit dieser Elfe gerade unser Materialienlager aufrüstete, kam schon die erste Beschwerde: „Das hab ich mir aber anders vorgestellt!..“ Meine inneren Alarmglocken läuteten. Sie ist wahrscheinlich nur etwas überfordert, ist ja auch echt viel gekommen heute und dann noch der Umbau… versuchte ich eine plausible Erklärung für eine solche Aussage am ersten richtigen Arbeitstag zu finden. Ich versprach ihr also, dass sie nicht die ganze Zeit im Lager verbringen würde und versuchte sie aufzumuntern.

Später baute sie mit unserer Chefin die Geschenktürme im Verkaufsraum auf. Lief gut, bis sie irgendeine Anweisung von mir falsch verstanden hatte und auf den Hinweis meiner Chefin, es sei anders zu machen, Widerworte gab. Ich hätte es aber so und so gesagt (hab ich definitiv nicht, aber egal…), antwortete sie mehrmals, bis unsere Chefin sich gezwungen sah die Hierarchie klar zu stellen. Ihr könnt euch denken, dass es der Elfe nicht gerade Sympathie-Punkte einbrachte… Aber gut – ihr erster richtiger Arbeitstag bei uns, war vielleicht alles ein bisschen viel für den Anfang… Das versuchten wir uns alle einzureden.

Am nächsten Tag. Wieder morgens, wieder Ware (zum Glück wesentlich weniger, als am Vortag), recht ruhiger Anfang. Die Ware war schnell verräumt, also fing ich an, sie aktiv in ihren übrigen Aufgaben zu schulen: „Das machen wir, wenn ein Kunde rein kommt… Achte auf das… Denk an dies… Hab ein Auge für leer gewordene Stellen im Regal…“ Das übliche halt. Ist weder schwer noch viel, wenn nur alle 10 Minuten ein Kunde rein kommt. Und alles in einem absolut netten Ton. Auf einmal platzte es aus ihr raus: „Ey, ich kann nicht immer alles allein machen! Müsst ihr halt mehr Leute einstellen, wenn hier so viel zu tun ist!“ – mitten im Verkaufssaal, im Beisein eines Kunden. Was war das denn jetzt?! Ich blieb wie angewurzelt stehen und schaute sie an… Sie schaute missmutig drein und bewegte sich auch nicht vom Fleck. Darauf nahm ich sie erstmal mit nach hinten, wo uns keiner hören konnte…

Als wir uns gesetzt hatten, erklärte ich ihr im freundlichen Plauderton, dass wir unsere Weihnachtselfen auf diese Weise eben auf das Weihnachtsgeschäft vorbereiten – damit sie später diese Aufgaben von alleine, also auch ohne unsere Anweisungen, registrieren und ausführen können.

„Ja, klar, kein Problem. Und dafür hast du mich jetzt mit nach hinten genommen?..“

„Äh… ja..? Ich hatte gerade den Eindruck, du wärst mit der Situation nicht ganz glücklich. Daher wollte ich mit dir hier in aller Ruhe reden…“

„Es ist alles gut, ich habe kein Problem damit!“

„Aha… ok, dann habe ich mich wohl vertan.“

…damit entließ ich sie freundlich und blieb etwas verdutzt zurück. Das passte so gar nicht zu ihrer Reaktion im Verkaufssaal. Na gut, vielleicht habe ich das einfach falsch aufgefasst, schob ich das auf ihren Akzent und das leichte Lispeln. Aber – wenn kein Problem, dann ist gut.

Etwas später, als ich mich davon überzeugt hatte, dass alles gut läuft, ging ich in die Pause. Kaum hatte ich paar mal von meinem Brötchen abgebissen, kam meine Kollegin mit einem schockierten Gesichtsausdruck in den Aufenthaltsraum:

„Tut mir Leid, dass ich dich in deiner Pause störe, aber du wirst nicht glauben, was gerade passiert ist!..“

„Ooookaaaaay… Erzähl…“

„Ein Kunde hatte vorhin seinen leeren Teebecher an der Kasse abgestellt… Ich habe ihr (der Weihnachtselfe) gesagt, sie soll ihn wegräumen und dass sie auch sonst darauf achten soll, ob irgendwo leere Becher stehen und sie dann sofort wegräumen… Da blufft die mich an, was mir denn einfallen würde, so mit ihr vor Kunden zu reden und dass ich ihr gar nichts zu sagen hätte. Als ich zu ihr sagte, dass es bei uns nun mal die Regel ist, leere Becher abzuräumen, meinte sie, es sei meine Regel und wenn ich welche habe, dann hat sie jetzt ihre eigenen…“

Mir blieb das Brötchen schön im Halse stecken. Ich starrte meine Kollegin an. Meine Kollegin starrte mich hilflos an. Dann fuhr sie fort:

„Kein Scheiß, das hat sie wirklich so gesagt. Und das auch noch laut. Das wurde mir zu bunt und ich wollte, dass sie mit mir zu dir geht. Aber sie hat sich geweigert!.. Sagte nur „nein!“ und blieb vorne…“

„Ok… Lass mich mal eben mein Brötchen aufessen, dann komm ich raus…“

Da unsere Chefin an dem Tag frei hatte, musste natürlich ich mich darum kümmern. Gesagt – getan: Brötchen runtergeschlungen, sich wieder entkrümmelt und raus. Kein Kunde da, nur der Techniker, der gerade unsere Lampen prüfte und laut meiner Kollegin die Sache mit dem Teebecher mitbekommen hatte. Ich habe die Mädels mit nach hinten gebeten und natürlich zunächst gefragt, was los war. Als meine Kollegin nochmal die Kurzfassung runterratterte, wurde die Elfe schon ganz blass und warf lautstark „Sie lügt!“ dazwischen. Meine Kollegin schaute entrüstet drein und versuchte sich zu verteidigen. Ich unterbrach beide und bat die Elfe, mir ihre Sicht der Dinge zu schildern.

„Ja, sie hat gesagt, da steht ein leerer Becher, der muss weg, also habe ich ihn weggeräumt.“

„Das stimmt nicht, ich schwöre…“

„Doooch, das stimmt!!! Ich habe nichts gemacht und du rennst direkt nach hinten und erzählst hier sonstwas! Und du (nun wandte sie sich an mich) – du glaubst ihr auch noch! Aber sie lügt!!!“

„Nun ja, ich habe keinen Grund ihr das nicht zu glauben, ich wüsste nicht…“

„WAS?! IHR glaubst du und MIR nicht?!!! Was bist du nur für ein Mensch?! DU warst nicht dabei, DU weißt nicht, was sich da abgespielt hat!“

„Das stimmt, aber ich kenne meine Kollegin und wüsste nicht, warum sie sich sowas ausdenken sollte…“

„Wenn sie IHR glauben und MIR nicht, dann sind sie ein ganz charakterschwacher Mensch! Sie lügt doch!!!“ redete sie sich immer mehr in Rage. Der Wechsel von „du“ zu „sie“ fiel auch auf – auch wenn nicht ganz klar war, was sie damit jetzt noch bezwecken wollte. Mittlerweile zitterte sie vor Wut und war laut, plapperte vor sich hin und sah aus, als überlegte sie es sich, auf meine Kollegin loszugehen… Ich rief ermahnend ihren Namen. Zweimal… Dreimal… Jedes mal etwas lauter und fester.

„Nein!.. Nein nein nein!“ antwortete sie jedes mal. „Nein, SIE sagen mir NICHT, dass ich den Mund halten soll! Was ist das hier für ein Kindergarten?! Was seid ihr für Menschen?!..“

„Ok. Deine Schicht ist jetzt eh vorbei, ich würde vorschlagen, dass du jetzt nach Hause gehst und es dir bis morgen überlegst, ob du bei uns noch arbeiten möchtest…“

„WAS?! SIE SCHMEIßEN MICH RAUS?!“

„Nein, ich biete dir an, es sich bis morgen zu überlegen, ob du noch bei uns arbeiten willst…“

„Wenn das SO ist, dann geh ich!“ wutentbrannt wurschtelte sie sich bis zu ihrem Spind durch schnappte sich ihre Sachen und verschwand schimpfend in der Umkleidekabine vor der Tür. Meine Kollegin und ich standen still da und sahen ihr hinterher…danach uns an. Sie zitterte stark, in mir brodelte es innerlich. Ich bin die ganze Zeit ruhig geblieben, aber am liebsten hätte ich sie verbal zusammengefaltet und es mit paar kräftigen Ohrschellen links und rechts versiegelt. Andererseits… auf ihrem Niveau wollte ich auch nicht rumkriechen und sie hatte sich selbst so dermaßen lächerlich gemacht, dass es dem nichts mehr hinzuzufügen war. In der Zwischenzeit kam der Techniker durch die andere Tür rein. Offensichtlich hatte er das Gespräch zumindest so halb aus dem Flur mitbekommen…

„Haben sie das mitbekommen..?“

„Das gerade oder das mit dem Tee..?“

„Das mit dem Tee.“

„Jaaa…?“

„Und? Hat sie komisch reagiert..?“

„Das kann man wohl sagen!“ verzog er vielsagend sein Gesicht. Dann ging er. Und sie kam wieder rein:

„Glauben sie ja nicht, dass ich ihnen das so durchgehen lasse! Ich werde in die Geschäftszentrale schreiben! Aber sowas von!!!“ dann versuchte sie einen Schritt in den Raum zu machen, blieb an der Türklinke hängen, zerrte und wandte sich und schmiss uns unbeholfen am Ende doch noch ihre Arbeitskleidung vor die Füße. Sah uns wütend, aber ein wenig selbstzufrieden an und stampfte davon.

Pause.

Meine Kollegin und ich schauten uns an… unsere Gesichter verzogen sich im beginnenden Lachflash, den wir mit Mühe geräuschlos zu halten versuchten. Ich hetzte zur Tür und machte sie leise zu, dann lachten wir los.

Als wir uns paar Minuten später wieder gefangen hatten, fiel mir ein, dass meine andere Kollegin die ganze Zeit allein auf der Fläche gewesen ist. Zudem gesellte sich die Sorge, dass diese irrsinnige Elfe noch etwas im Laden angestellt haben könnte, also ging ich schnell nach vorne. Und tatsächlich: meine Kollegin stand entrüstet hinter der Kasse, vor der Kasse ein sichtlich amüsierter Kunde, und berichtete mir Folgendes:

„Du glaubst nicht, was hier gerade passiert ist… Da stampfte sie durch den Laden, blieb vor der Teekanne stehen (sie steht bei uns neuerdings direkt vor der Kasse), befüllte einen Becher mit heißem Tee… und ich dachte zuerst, sie will sich einen mit auf den Weg nehmen… dann schaute sie mich so komisch an, als wollte sie mir den Tee am liebsten ins Gesicht schütten… und dann schmeißt sie den vollen Becher vor die Kasse! Da ist jetzt alles voller Tee!..“

„Ja, und meine Schuhe auch!“ schaltete sich der Kunde ein. „Ich glaube, ich brauche jetzt eine Reinigung…“

Ich (und auch meine Kollegin, die mir aus dem Aufenthaltsraum – immer noch kichernder Weise – gefolgt war) blieb wie angewurzelt stehen und starrte den Kunden an. Ich will gar nicht wissen, wie ich in dem Moment ausgesehen habe… Aber das war DER Moment, in dem bei mir ankam, WAS mir da meine Kollegin gerade erzählt hat und DASS es wirklich passiert ist.

„War nur Spaß!..“ sagte der Kunde lachend. Und wir drei – die für einen Moment erstarrt waren – lachten mit.

Diese Elfe sahen wir – zumindest bisher – nicht wieder. Möge sie auf ihrem Glitzerstaub-Tripp ganz woanders rumwüten.

 

 

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