Ein Tag wie jeder andere es hätte auch sein können… Man geht den üblichen Dingen des Lebens nach, regt sich über irgendetwas auf, schiebt das Abendessen in den Ofen und dann kommt ein Anruf. Ein Anruf, der die Realität, in die man sich noch vor ein paar Sekunden so verbissen hatte, auf einen Schlag auslöscht…

Auf den Tod ist keiner wirklich vorbereitet. Und schon mal gar nicht, wenn er so unerwartet kommt. Keine Anzeichen dafür vorab, keine Krankheitsgeschichte, die darauf schließen lässt… Vor dem Anruf war der Mensch da. Nach dem Anruf nicht mehr. So kommt es zumindest einem vor, während eine Stimme im Kopf „das ist doch ein schlechter Scherz!“ schreit. Ein schlechter Scherz… schön wärs.

Die Wahrnehmung ist eingedämpft, das Blut schießt schmerzhaft in den Kopf… Die Atmung ist flach und die Gefühlsebene wie einbetoniert. Das einzige, was man wirklich hört, ist das Pochen in den Ohren.

Man rast dahin, wohin man gerufen wurde. Blickt dort in die Gesichter und begreift – es ist kein Scherz. Man sieht dieselben Gesichter, die man dort sonst auch immer sieht, allerdings verändert. Und ein neues Gesicht, eine Person, die Personalia aufnimmt und die Anwesenden sanft über die Situation aufklärt – so weit es geht.

Der Beton der Gefühlsebene kriegt Risse. Ein versteinertes Gesicht, ein Paar vor Tränen roter Augen, ein Paar zitternde Hände… Eine Person fehlt im Raum. Genau die eine, wegen der man eigentlich da ist. Für einen kurzen Moment glaubt man, die kommt gleich rein… Die Fassung bröselt. Die Atmung steckt im Rachen. „Das kann nicht sein!“ Und doch bleiben die Schritte, auf die man naiverweise hofft, aus. Und die Kälte dieser Abwesenheit kriecht langsam in die Knochen.

Der Kopf ist leer, bis auf vereinzelte panische Anwandlungen, bei denen man das dringende Bedürfnis verspürt, durch die Gegend zu laufen und irgendetwas tun zu müssen. Wollen. Es fehlen die Worte, also will man etwas tun. Aber es gibt nichts zu tun. Man kann nichts tun. Nichts tun und nichts sagen. Also steht man hilflos da und konzentriert sich mit aller Kraft darauf, die Fassung nicht zu verlieren. Die Betonschicht nicht aufbrechen zu lassen. Man steht da, zu nichts zu gebrauchen, völlig hilflos und füllt sich mit Leere… Weil diese verdammte Tür nie wieder so energisch aufgerissen werden wird, wie sie sonst immer wurde. Es ist alles so unwirklich…

Später, draußen, kriegt man nur noch Bruchstücke mit – ein leiser Dialog unter dem Nachthimmel, Schritt für Schritt irgendwohin… Die Welt ist wie ein verpixeltes Bild, dem hier und da eine Kachel fehlt. Man würde es nicht einmal mitbekommen, wenn man vor ein Auto liefe – wenn man sich nicht ganz stark auf diesen einen Segment der Wahrnehmung konzentrieren würde…

Später, daheim… Sitzt man da, registriert am Rande die Normalität um einen herum und bleibt mit dem Blick ständig irgendwo haften. Als hätte jemand überall unsichtbare Kleber-Kleckse platziert. Kaum reißt man sich mühsam von einem Punkt los, schon hat man sich an dem Nächsten verfangen… Um einen herum ist es genau so, wie es vor dem Anruf war – warm und gemütlich. Der Kopf bleibt aber nur so lange leer, bis sich ein Gedanke reinschleicht, der erneute Risse in der Fassung verursacht. Die Kälte, die so heimtückisch in die Knochen gekrochen ist, ist auch noch da.

Etwas Alkohol hilft den Schock abzumildern – das Zittern hört auf. Man versucht sich etwas Gewohntem zuzuwenden, denn alles auf einmal verkraftet man nicht. Man muss diese Suppe Löffel für Löffel verzehren, mit Pausen zwischendurch. Wie ein Roboter macht man die gewohnten Dinge… Die meiste Zeit kriegt man davon nicht einmal was mit. Nur manchmal. Kleine Momente der Klarheit, die dieses Gebilde, was einem Puppenhaus gleicht und sich genauso unwirklich anfühlt, hier und da aufreißen. Dann überkommt es einen… Entweder das Bewusstsein dessen, was gerade passiert ist, oder die Scham darüber, das man gerade das gleiche tut, was man an jedem anderen beliebigen Abend auch tun würde. Und dann kommt der nächste Klebepunkt und man ist wieder in dem unwirklichen Puppenhaus. Bis der nächste Gedanke sich hereinschleicht und neue Risse verursacht. Einmal nachschenken, bitte…

Die Nachtruhe ist keine Ruhe… Doch in wenigen vereinzelten Momenten des Totalausfalls geht die Sonne auf.

Routinen sind das, was uns Halt gibt. Ein Handgriff nach dem Anderen und alles ist wie immer… Bis einem bewusst wird, dass es kein Alptraum war. Sondern die neue Realität. In diesem Augenblick ist sie kaum zu ertragen.

Wenn man an die frische Luft tritt, die Sonne spürt, die Menschen sieht, die ihrem normalen Alltag nachgehen, sträubt sich in einem alles gegen die Tatsachen. „Das kann einfach nicht wahr sein! Das ist nicht möglich…“ Als wäre man zwischen zwei Realitäten gefangen – die eine ist so, wie sie auch gestern Morgen war, die andere… Verändert. Der Kopf funktioniert immer noch nicht richtig und das Pochen kommt wieder. So vieles ist plötzlich so unwichtig geworden. Auch das, was einen am Vortag noch so stark beschäftigt hat – absolut unwichtig. Die Sorgen, die Meisten der Probleme – allesamt unwichtig. Die warme Hand, die deine fest umschließt – die ist wichtig. Und sich zusammenzureißen – das ist auch wichtig. Jemanden fest umarmen und versuchen, ihm das Gefühl zu geben, er ist nicht allein – das ist wichtig. Den wichtigen Menschen zu sagen, dass sie wichtig sind und dass man sie liebt – das ist wichtig. Dankbar sein – das ist wichtig. Und atmen nicht vergessen…

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