Es wird dunkler, die Luft wird schwerer… eigentlich ist es mitten am Tag und trotzdem hat man das Gefühl, es ist ein später Abend. Man wird träge und es zieht einen ins Bett. Ein Tropfen, zwei Tropfen, fünf Tropfen, zehn… immer häufiger, immer schneller. Man hört ein Grummeln, weit oben über dem Kopf. Schon bald ist es näher und lauter. Die Tropfen eilen gegen staubigen Asphalt, immer mehr, immer praller, immer schneller… Man hört sie nun – zuerst die einzelnen, dann immer mehr zu einer Geräuschwelle verschmelzend. Es prasselt. Bing, bing, bing – die Tropfen prallen an den metallischen Geländern ab und hören sich immer mehr wie stumpfe Glöckchen an. Es grollt, es kracht – man hört und sieht den Himmel zerreißen. Eine Naturgewalt, so kraftvoll, so machtvoll, so bedrohlich und faszinierend zugleich. Kein Wunder, dass in der Antike ein göttliches Bild mit menschlichem Antlitz dahinter geglaubt wurde – mit genug Phantasie sieht man auch heute noch den Zeus über den Wolken wüten. Ein Blitz, dann noch einer, die Regentropfen ähneln nun mehr einem Wasserfall, der die schwere, gelblich-grüne Luft wegspült. Ja, wirklich wegspült, denn es wird plötzlich wieder heller. Als würde der Regen die stickige, verstaubte Welt wieder rein waschen. Weg mit den Sorgen, weg mit den düsteren Gedanken – als würde er den grauen Schleier des Alltags wegspülen, damit wir die Wahrheit sehen. Alles erstrahlt in neuer Frische. Das kann man riechen, das kann man sehen und sogar schmecken. Die Farben werden satter, die Luft kühler, die Düfte intensiver und die Gedanken klarer. Dieses besondere, „gewaschene“ Licht schneidet in die Augen, und doch freut man sich darüber wie eine Pflanze, die zu lange kein Sonnenlicht mehr gesehen hat. Die saubere, frische Luft verleitet zum tiefen Atmen, als wäre man vorher lange eingesperrt gewesen. Man giert nach dieser Frische, als würde man versuchen, sich innerlich dadurch zu reinigen. Ein tiefer Seufzer, kurz darauf noch einer… Man atmet Leben ein und den Staub der vergangenen Momente wieder aus. Wenn das Leben einen Duft hat, dann wohl diesen: einen namenlosen Wohlgeruch, doch nicht wie der der Blumen, sondern ein Abstraktum – nicht in Worte fassbar, aber allen bekannt und so begehrenswert. Wie ein Durstiger nach kühlem Wasser giert, so gieren wir nach diesem Duft – durchströhmen soll er uns. Wir atmen bewusster, lauschen auf das nun leise Rascheln der kleiner gewordenen Tropfen und zusammen mit ihnen kehrt auch in uns die Ruhe ein. Und für einen kurzen Moment sehen wir die Welt erneuert… entstaubt, erfrischt und mit neuer Gewissheit erfüllt.

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4 Gedanken zu “Sommergewitter

  1. Eine wunderbare, lebendige und bildhafte Erzählung, die mich an die vielen Zeiten draußen erinnert. Wenn ich so zurückdenke, dann sind es die verregneten Tage, die stärker in Erinnerung geblieben sind, das Erlebte war viel intensiver, ich war eins mit der Natur.

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    1. Nicht wahr? Sonne, wärme etc ist schön, keine Frage, aber wenn der Himmel auf die Erde niederprasselt, entsteht eine ganz besondere Verbindung. Ich habe bei Gewittern immer das Gefühl, zum ersten mal alles klar zu sehen, zu riechen und zu fühlen – als wäre eine unsichtbare Trennwand auf einmal weg.

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