Unter den Besuchern von unserem Laden gibt es viele Stammkunden. Die einen sind eher unauffällig – sie kommen immer wieder, pflegen aber keinen besonderen Kontakt zu uns, und dann gibt es jene, die wir „kennen“. Die letzteren nehmen sich auch mal Zeit, sich mit uns zu unterhalten, sie interessieren sich für unser Angebot und lassen sich gern ausgiebig beraten, aber sie geben auch einiges von sich Preis und nehmen sich ebenfalls die Zeit, das Team kennen zu lernen.

Darunter sind die unterschiedlichsten Typen Menschen zu finden, teils solche, die man auf Anhieb gern hat, teils sehr spezielle Personen, mit denen man umzugehen wissen muss. Von jeder Person weiß ich nur ein wenig Privates (daher auch die Anführungszeichen bei „kennen“), doch jeder von ihnen hat einen Eindruck durch sein Auftreten hinterlassen… Und jetzt einmal Cut! (Und ein Gedankenumbruch…) Wisst ihr noch, wie man sich als Kind um ein kleines Stückchen Realität, welches man nicht einzuordnen wusste, etwas märchenhaftes, geheimnisvolles und abenteuerliches ausgemalt hatte..? Als ein sich im Dunklen und bei Wind bewegender Baum vor dem Fenster ein gruseliger Riese und ein Unbekannter mit Hut und Mantel ein geheimnisvoller Magier war..? Als Erwachsener denkt man nicht mehr in diesen Bildern, man betrachtet das Meiste nüchtern und rational, ein Baum ist auch im Dunkeln nur ein Baum, ein Mensch ist nur ein Mensch und ein Tag unseres Lebens ist eben nur noch ein ganz normaler Tag mit Höhen und Tiefen… Langweilig. Erwachsenen sind so furchtbar langweilig. Eigentlich müsste man es den Kindern erzählen, wenn sie darauf zu pochen anfangen, dass sie schnell erwachsen werden möchten. Stellt euch nur mal vor, wie euer Alltag durch die Augen und den Fantasiefilter eines Kindes aussehen würde!.. Meiner wäre in etwa so:

Ich nehme jeden Tag eine mehr oder minder beschwerte Anreise mit zwei verschiedenen Kutschen zu unserem kleinen Laden mitten in einem schönen, lebhaften Dörfchen auf mich. Dort, in einer kleinen, kuterbunt-fröhlichen Gemeinschaft, bemühen wir uns jeden Tag unseren Besuchern Freude mit unserer exotischen Ware und angenehmen Atmosphäre zu bereiten. Jeder ist uns willkommen – von hohen Herrschaften bis hin zu gemeinen Bauern. Einige Besucher dürfen wir bei uns regelmäßig willkommen heißen. Da wäre zum einen die Königin eines kleinen Nachbarlandes. Eine feine Dame mit aristokratischem Auftreten, die unbeschwert mit ihren fünf Kindern und ihrem König lebt. Sie liebt die schönen Dinge des Lebens, hasst die Eile und belohnt gerne die Angehörigen ihres Hofstaates für gute Dienste und sich selbst einfach mal so. So kam sie letztens zu uns in Begleitung der Tochter ihrer geschätzten Dienstmagd, um ihr mit einem kleinen Geschenk Freude zu bereiten. Es ist eine volksnahe und freundliche Herrscherin, die sich gern um ihre Untertanen kümmert. Und auch uns gegenüber ist sie stets freundlich gesinnt, obwohl wir gar nicht zu ihrem Hofe gehören.

Zu unseren stetigen Besuchern zählt auch eine Heilerin. Traurigerweise wird diese Heilerin selbst von einer unheilbaren Krankheit geplagt, doch trotz dessen ist sie voller Freundlichkeit und Gutmut und wenn sie einem einen „Guten Tag“ wünscht, kommt es stets vom Herzen. Fast täglich ist sie in unserem kleinen Dorf unterwegs, umhüllt von einer hellen Aura und jedem wohl gesonnen. Oft sucht sie uns auf, um kleine Aufmerksamkeiten und Aufmunterungen für die Menschen, die sie Umgeben, zu besorgen. Eine starke Frau – nicht jeder, der um sein viel zu frühes Lebensende Bescheid weiß, wäre in der Lage so viel Licht in sich zu tragen.

Ähnlich verhält es sich auch mit der Schamanin, die ebenfalls ein häufiger Gast bei uns ist. Eine kleine Frau, die vermutlich auch einige Schicksalsschläge einstecken musste, sich aber dafür entschied, dem Universum zu vertrauen. Sie hat einen intensiven Blick, bei dem man das Gefühl bekommt, sie schaut einem direkt in die Seele… Nicht jeder kann diesem Blick stand halten, nicht jedem behagt dieser Blick, doch lässt man es zu, spürt man ihr Wohlwollen jedem einzelnen Lebewesen gegenüber. Die Schamanin ist erfüllt vom Lebenswillen und jugendlicher Neugier auf…Alles? Faszinierende Frau, die ein Gespür für die höheren Zusammenhänge zwischen dem Leben und dem Universum zu haben scheint und offenen Herzens durch das Leben geht.

Dann gibt es da noch die reiche Matrona. Eine Dame, die einst bei der Staatskassenverwaltung mitwirkte, sich dann zur Ruhe gesetzt hatte und sich nun furchtbar langweilt. Sie kommt hauptsächlich der Unterhaltung wegen zu uns, erzählt gern und viel von sich und ist für die meisten meiner Kolleginnen etwas zu „speziell“. Ich komme gut mit ihr aus, aber ihre Besuche dauern mindestens eine halbe Stunde und erfordern manchmal viel Geduld. Ihr Weltverständnis hat manchmal einen fragwürdigen Charakter, aber jedem steht es frei sein Leben zu leben, wie er es für richtig hält.

Und dann gibt es das Söldnerpaar. Mittlerweile genießen sie ihr Leben in Ruhe und Frieden, doch sie scheinen eine bewegte Vergangenheit zu haben. Auf deren Besuch freue ich mich jede Woche ganz besonders. Ein großer, dürrer Mann mit Hut, dessen Leben man zum Teil von seiner Haut ablesen kann, freundlich, ruhig und entspannt, und eine neben ihm klein wirkende Frau voller Energie, Freude und Begeisterung. Er ist der Träumer, sie die Realistin, und beide sind im Herzen jung geblieben. Manchmal scheint es, sie könnten kaum unterschiedlicher sein, und dennoch sind sie ein Herz und eine Seele. Es bereitet mir stets große Freude ihren warmen Umgang miteinander zu beobachten – man sieht nach all den gemeinsamen Jahren, nach all den Abenteuern und Prüfungen, die sie zusammen gemeistert haben, noch immer die Liebe zu einander in ihren Blicken. Zwei einfache Leute, die sich ein Häuschen fernab von dem ganzen Tumult gebaut haben, Kinder groß gezogen haben und jetzt voller inneren Frieden auf ihre bewegte Vergangenheit schauen und ganz bewusst die Gegenwart leben. Für mich ist das ein Wuschbild für mein späteres Leben.

Ihr seht – unterschiedlicher könnten die Besucher unseres Lädchens in dem kleinen verträumten Dorf kaum sein. Und doch finden sie sich alle immer wieder bei uns ein, erzählen, entdecken, freuen sich und erfreuen uns mit ihrem Besuch. Und nach getaner Arbeit, wenn wir die Läden zu machen und das Tor schließen, nimmt jeder von uns ein Teil dieser Freude mit nach Hause, teilt es mit seinen Lieben und macht die Welt – zumindest um uns herum – dadurch ein wenig fröhlicher.

Ende der Geschichte 🙂

Ich weiß nicht, wie es euch beim Lesen geht (über Kommentare könnt ihr mir das jedoch gern mitteilen…), aber das zu schreiben hat mir ein wirklich großes Vergnügen bereitet. Und die Moral von der Geschicht – verlern im Leben das Träumen nicht!

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