Die Ruhe… Umhüllt von grellem Sonnenlicht. Es ergießt sich über alles im Zimmer, was es erreichen kann: Vorhänge, Decken, Boden, Möbel… Die Vorhänge schwingen wie Meereswogen in den Luftströmen. Die leichte Brise trägt durch das offene Fenster die entfernten Geräusche der Autobahn herein – das Meeresrauschen der Stadt – und auch einen besonderen Duft: den Duft der gelb-roten Blätter, der bereits kühlen Nächte und der letzten warmen Tage. Die Luft ist kühl und warm zugleich, der Himmel ist strahlend blau und die Sonne taucht alles zum letzten Mal in ihr kräftiges goldenes und warmes Licht. Eine letzte Umarmung des Sommers, doch der Herbst hält bereits sichtlich Einzug: auf dem Rasen liegen Blätter, die Gärten werden langsam kahler, die Bäume wechseln ihr lebhaftes Grün gegen bunte Herbstgewänder…

Draußen beeilen sich alle noch einmal die Wärme zu genießen – nochmal Eis essen, nochmal auf der sonnigen Terrasse eines gemütlichen Cafés sitzen, nochmal Rad fahren, nochmal spazieren gehen… Die nicht mehr sommerliche, aber angenehm warme Luft streicht über die Haut, fährt sanft einem durchs Haar und verleitet zu tiefen Atemzügen. Nochmal die Sonne auf der Haut spüren, nochmal den süßen Duft mit sommerlichen Nötchen tief in sich aufnehmen, nochmal das weiche Gras unter den Füßen fühlen… Es tut so gut. Der letzte Sommergruß, den der Herbst zulässt, erinnert uns an all die Sommertage, die wir vergessen hatten zu genießen, an all die sonnigen Stunden, die uns zu heiß waren, um sie wert zu schätzen. Freudig und voller Leidenschaft genießen wir nun dieses letzte Geschenk und sind wehmütig bei dem Gedanken an den herannahenden Winter.

Eine seltsame Zeit ist dieser „goldener Herbst“: wie eine Gleitzone zwischen zwei Welten. Der Sommer ist vorbei – lange sehnten wir ihn uns herbei, genossen nur wenige seiner Tage in der Hoffnung auf mehr davon und nun schickt er uns einen letzten Gruß, bevor er sich auf lange Zeit wieder verabschiedet. Der Winter hat noch nicht angefangen – fern scheinen uns noch die langen Nächte und die kalten Winde, dennoch wird merklich später hell und wesentlich früher dunkel, die Nächte werden kühler und eine kuschelige Decke immer willkommener. Der Herbst ist die Zeit, in der das eine in das andere übergeht – eine Brücke, auf der sich die launische Natur nochmal heftig austobt und sich in all ihrer Herrlichkeit präsentiert, bevor sie in einen langen Winterschlaf fällt. Zu Beginn ist sie noch in frischen Sommerfarben, doch wird sie mit jedem Schritt bunter, mit jedem Schritt farbenfroher und betört uns mit ihrem ganz besonderem Duft… Im Rausch all dieser Sinneseindrücke verpasst man schnell den Moment, in dem das bunte Kleid verschwindet und nur noch kahles Geäst den Weg ziert und die kalte Luft ins Gesicht peitscht. Es ist eine Brücke zwischen dem Lebensfrohen und dem beinahe Leblosen… Doch in ihrer Mitte, auf ihrem höchsten Punkt, gibt es noch ein Abschiedsfeuerwerk – voller Düfte, voller Farben, voller Leben… und voller Magie. Genießt das Abschiedsgeschenk!

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2 Gedanken zu “Der letzte Sommergruß

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