Ich habe mal einen Spruch gelesen: „keiner weiß, wie nachts diejenige weint, die lachend durchs Leben geht“. Ich glaube, jeder kennt solche Menschen, aber nicht jedem ist es bewusst. Es sind sensible, feinfühlige und empathische Menschen, mit denen man gut lachen, aber auch über alles reden kann. Sie hat man gern um sich, denn sie hören zu und haben tiefes Verständnis für die Emotionen des Gegenübers. Und man kann mit ihnen wunderbar lachen. Alles in einem eine sehr angenehme und erfreuliche Gesellschaft, in der man sich einfach wohl fühlt. Und während man eine solch angenehme Gesellschaft genießt, fragt man sich nicht zwangsläufig, wie es diesen Menschen wirklich geht – sie wirken fröhlich und wir ziehen da schnell oberflächliche Schlüsse.

Es kommt jedoch vor, dass diese Menschen einen Blick hinter die schöne Maske der Fröhlichkeit gewähren. Erst einen kurzen Blick, einen kleinen Test, als ob man mit den Zehen den Kältegrad des Wassers prüfen würde… Stößt man sie dabei nicht sprichwörtlich vor den Kopf, öffnen sie sich nach und nach und geben den Blick frei auf eine komplizierte und ganz und gar nicht mehr fröhliche Welt. Eine Welt, die einer schönen Märchenwelt gleicht, welche von einer bösen Hexe verzaubert wurde: trockenes Gestrüpp und Dornen, wo früher die Ruhe schenkenden Wälder waren, Sümpfe anstelle von blühenden Wiesen, Irrwege statt Gärten, furchteinflößendes Gemäuer statt schützender Wände, Wolken und Nebel an Stelle der Wärme der Sonne, lähmende Ohnmacht, Unruhe, Angst und vielleicht sogar Panik anstelle vom friedlich-müßigen Alltag… Und plötzlich wird einem bewusst, dass das, was wir von diesem Menschen bisher wahrgenommen hatten, nur eine Maske ist.

Nicht jeder kann mit der Wahrheit umgehen. Die Menschen haben es gern einfach, wollen das Positive sehen und fühlen sich durch das Negative gestört – „ich habe meine eigenen Probleme“. Sie distanzieren sich lieber von jemandem mit derartig komplexen Empfindungen. Es ist egoistisch und zugleich leider sehr menschlich. Dabei sind solche Menschen, trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer Innenwelt, eigentlich die besten Freunde, die man sich wünschen kann. Ohne Licht gibt es keinen Schatten – ohne Schatten weiß man das Licht nicht zu schätzen. Wie könnte man sich über einen Sonnenaufgang freuen, wenn man die Nacht nicht kennen würde..? Wie könnte man die Sonne genießen, wenn man keinen regnerischen Himmel erlebt hätte..? Wie würde man das Gute erkennen können, wenn man das Schlechte nicht erfahren hat?

Solche empfindsame Menschen können nun mal am besten verstehen, wie es einem geht – sie besitzen das notwendige Einfühlungsvermögen um zu verstehen, warum es einem schlecht geht, genauso wie sie – weil sie das Dunkel kennen – sich am ehrlichsten für dich freuen, wenn dir Gutes widerfährt. Solche Menschen sind am besten in der Lage zu trösten – denn sie wissen, was ihnen selbst ein Trost in einer vergleichbaren Lage wäre. Sie können sich mit dir über die kleinsten Kleinigkeiten freuen, weil sie wissen, dass man jede Gelegenheit zur Freude wahrnehmen und auskosten muss. Sie verwehren einem nie die Hilfe, die man braucht – weil sie es nur zu gut kennen, wie es ist, hilflos und allein zu sein. Sie verurteilen nicht, denn sie wissen nur zu gut, dass hinter jeder Entscheidung ein Grund steckt. Und obwohl sie sich selbst oft ohnmächtig und kraftlos fühlen, sich selbst dabei oft zurückziehen und keine Hilfe suchen (weil sie in dem Moment nicht in der Lage dazu sind), sind sie da, wenn man sie ruft – einfach damit sie das, was ihnen selbst widerfährt, einem anderen ersparen können.

Es klingt paradox, aber solche Menschen verfügen oft über erstaunliche Stärke, obwohl sie sich selbst als schwach empfinden. Ja, in dunklen Momenten fällt es ihnen schwer, sich aufzuraffen, zu funktionieren. Jeder Tag ist ein Kampf, der an Lebenskräften zerrt, von denen – gefühlt – nichts übrig ist. Und dennoch – sie stehen auf. Jedes mal aufs Neue. Und darin liegt ihre Stärke, deren sie sich gar nicht bewusst sind. Sie geben einfach nie auf – egal, wie sehr ihnen manchmal danach ist. Sie zwingen sich, weiter zu machen, sie treffen Entscheidungen und sie Lächeln – und wenn auch nur zum Schein. Ist das etwa keine Stärke?

Darüber hinaus sind diese Menschen zu tiefsten Empfindungen in der Lage – Liebe, Freude, Mitgefühl… Gewiss gibt es auch hier die Schattenseite, aber es entspricht nun mal einem grundlegenden Prinzip unserer Welt und ist nur natürlich. Sie sind auch achtsamer und intuitiver als andere – sie kriegen am ehesten mit, wie es den Menschen in ihrer Umgebung geht und besitzen genug Fingerspitzengefühl um dies richtig zu händeln. Erstaunlicherweise schaffen solche Menschen es auch oft, die meisten negativen Angelegenheiten aus einer positiveren Perspektive darzustellen – nur leider nicht ihre eigenen. Und darin liegt das eigentliche Problem: die verzerrte Selbstwahrnehmung. Ihnen fehlt ein klarer Blick für das eigene Ich. Sie haben es verlernt, oder vielleicht auch gar nicht erst gelernt, sich als ein Ganzes aus Licht und Schatten, Stärken und Schwächen, wahrzunehmen und zu akzeptieren. Sie sind sich ihrer Stärke und ihrer Vorzüge nicht bewusst, denn sie haben es nicht gelernt, diese als gewichtige Eigenschaften des eigenen Ichs im Vergleich zu all den negativen wahrzunehmen. Dabei ist die Lösung so simpel: sie brauchen nur jemanden, der sie ab und zu an ihre Stärken und an all das Gute in ihnen erinnert, damit der böse Zauber aus der Märchenwelt nach und nach verschwinden kann. Und dann würde sie im warmen Licht erstahlen…

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