Eines morgens bekam Alexei einen Anruf, mit dem er nicht rechnete: Rita war dran. Eine alte Freundin aus der Schulzeit, von der er eine ganze Weile nichts mehr gehört hatte.

„Hallo, Alec! Wie gehts dir?“

Dass es sich nicht um eine bloße Plauderei handeln würde, war Alexei sofort klar – sowohl die Uhrzeit, als auch die Plötzlichkeit des Anrufes sprachen dagegen.

„Was kann ich für dich tun, Rita?“

„Du, Alec… Ich weiß, es ist eine Weile her, dass wir uns gesprochen hatten… Aber… Ich werde mich von meinem Mann trennen und ich brauche kurzfristig Hilfe beim Umzug.“

„Für wann denn..?“

„Bereits übermorgen. Abends.“

„Ich hab da zwar Spätschicht, aber warte mal kurz. Ich ruf dich gleich zurück.“

Rita war in seinem Alter, doch bereits zum zweiten mal verheiratet – und zum zweiten Mal hatte sie ein schlechtes Händchen bei der Wahl ihres Gatten bewiesen. Der erste war ein „Sunny-Boy“, ein Blender, der sich später als nichtsnutziger Junkie erwies. Als er anfing, die Kunstsammlung zu verkaufen, die Rita von ihrem Vater geerbt hatte, um an seine Drogen zu kommen, erkannte sie endlich, dass diese Beziehung nicht mehr zu retten ist. Trotz der gemeinsamen kleinen Tochter. Also brachte sie die restlichen Erbstücke in Sicherheit, packte ihre sieben Sachen und verließ ihn. Bereits damals war Alexei mit involviert gewesen. Zu der Zeit in der Sicherheitsbranche tätig, sorgte er für sicheres Geleit der beiden Mädels und für die Unterbringung einiger Gemälde unter seinem Bett (er erzählt heute noch gern davon, dass er fast ein Jahr lang – ohne sich dessen bewusst zu sein – auf Chagall geschlafen hat).

Später lerne Rita ihren zweiten Mann kennen: einen gottesfürchtigen Christen. Vermutlich durch den Schock der ersten Ehe geblendet, versprach sie sich ein friedliches und „normales“ Leben davon. Sie heirateten, zeugten einen Sohn… Der Sohn musste vor kurzem von Evangelisch auf Katholisch umgetauft werden, weil es sonst eine Sünde sei… Zum Geburtstag der Ehefrau gabs das Bild eines Papstes für das Schlafzimmer, über dem Ehebett platziert… Und auch sonst wurde der Mann immer wunderlicher. Alexeis Frau, Irene, hielt ihn bereits bei der ersten Begegnung für den schwulen besten Freund von Rita, bis sie aufgeklärt wurde. Alexei selbst fand, dass der Typ einen irren Blick drauf hatte und hielt ihn (damals insgeheim, jetzt auch offiziell) für einen Psychopathen. Doch Rita schien glücklich und er kümmerte sich rührend um das Baby, also sagte keiner was.

Als vor zwei Jahren ein gemeinsamer Freund starb, der beste und älteste Freund von Alexei und die heimliche, nie ausgelebte Liebe von Rita, wurde ihr Mann immer offensichtlicher wunderlich. Vielleicht lag es daran, dass Rita in all ihrer Trauer die im Herzen getragenen Gefühle nicht verbergen konnte, zumal sie da erst erfuhr, dass sie heimlich erwidert wurden. Aber sie waren all die Jahre nun mal beste Freunde und so wagte es keiner der beiden, sich dem anderen zu offenbaren. Denn keiner der beiden erkannte, dass diese Gefühle erwidert wurden. Eine traurige Geschichte… Und vor diesem Hintergrund verschlimmerte sich auch noch ihre Ehe: ihr Mann fing an ihre Kontakte zu überwachen und einzuschränken.

So kam es auch, dass Alec lange nichts mehr von Rita gehört hatte – denn ihr Mann fürchtete ihn. Keiner wusste genau, wieso, aber es war mittlerweile eine bestätigte Tatsache. Irene kicherte immer darüber, denn sie verstand es ganz gut: während ihr Mann diese Bezeichnung – „Mann“ – voll und ganz durch sein Wesen, sein Auftreten und das körperliche Vermögen verdiente, wirkte Ritas „Mann“ daneben wie ein armes Würstchen (im pinken Hemd). Er hatte keinerlei Körperhaltung und auch keine sichtbare Kraft (das sah man bereits daran, wie Rita das Kind hält und wie er es tut), wirkte immer, als ob er vor allen kuschen würde (ob mit oder ohne Grund) und nichtsdestotrotz jederzeit für eine hinterhältige Tat bereit wäre. Und er wirkte immer durch und durch falsch, in jeglicher Hinsicht. Dass er von dem so gegenteiligen Auftreten Alexeis eingeschüchtert wurde und sich daher in seiner Gegenwart nicht wohl fühlte, war also nur zu verständlich.

Und nun war es endlich soweit: Rita konnte sich diesen Mann auch nicht mehr schön reden. Seine Eigenarten nahmen überhand und vermischten sich zusätzlich mit tyrannischen Zügen, die nicht zuletzt die mittlerweile 12-jährige Tochter zu spüren bekam (welche selbst bereits sagte, dass ihr Vater sie hassen würde). Den letzten Anstoß zu dieser Entscheidung gab ihr ein Mann, den sie durch ihre Arbeit kennen lernte und der ihr klar machte, dass sie durchaus noch andere Optionen im Leben hat. Ganz verschämt berichtete sie Alexei später davon am Telefon. Dieser wiederum lachte sich schlapp über ihr Schamgefühl darüber und erinnerte sie daran, wie er mit seiner Frau, Irene, zusammen kam. Er beruhigte sie und sicherte ihr seine Hilfe zu.

„Du bist wirklich ein schwarzer Engel, Alec“ sagte sie voller Dankbarkeit zu ihm.

„So hat mich schon lange keiner mehr genannt“ antwortete er lachend.

Am besagten Abend holte Alexei Irene von der Arbeit ab und sie fuhren zu Rita. Frederic, der Denkanstößer, war auch da und schleppte bereits fleißig die Sachen in den Umzugswagen. Er wirkte ganz „vernünftig“ und das Ehepaar hoffte inständig, dass er es auch wirklich ist. Es war nicht viel, was Rita mitnehmen wollte, wesentlich weniger, als bei letzter Aktion dieser Art. Die Kinder waren für den Tag bei Freunden untergebracht worden, der Noch-Ehemann verweilte derzeit im Krankenhaus bei einer Untersuchung. Eine „Nacht-und-Nebel-Aktion“ also… Zu viert luden sie ihre Sachen ein und brachten sie in die neue Wohnung, die das frisch-gebackene Paar für sich ausgesucht hatte.

Als sie fertig waren und noch eine Weile beisammen standen, wandte sich Rita an Alexei:

„Ich weiß gar nicht, wie ich dir… euch dafür danken kann! Du hilfst mir immer und ich konnte noch nie etwas für dich tun!“

„Ach, quatsch! Alles Gut, haben wir gern gemacht!“ lachte Alec. „Ladet uns zu der Einweihungsfeier ein“ zwinkerte er ihr zu und Irene bekräftigte es. Denn die beiden waren sich einig: sie haben es nicht gemacht, damit man ihnen einen Gefallen schuldig wäre, sondern weil man das unter Freunden einfach so macht.

Als die beiden auf dem Weg nach Hause waren, freuten sie sich für Rita und Frederic und hofften, dass es mit den beiden gut gehen würde. Doch für Alexei war dieser Abend nochmal etwas besonderes, anders, als für Irene, die Rita erst seit wenigen Jahren kannte und das auch nur flüchtig und mehr von Erzählungen ihres Mannes. Für Alec war dieser Abend die Bestätigung, dass ein altes Band, welches gut zwei Jahrzehnte zurückgreift, noch immer besteht. Ein Band, das manchmal verloren gegangen schien. Ein Band, das eher eine Wurzel seines Wesens ist. Eine Verbindung zwischen damals und jetzt, ein Protokoll seines Werdegangs und ein Anker für seine Werte und seine Moral, die bereits sehr früh gereift waren. Ein altes Band, das nicht gerissen ist, ist manchmal auch das Sicherheitsseil, das einen nicht fallen lässt. Und das ist der kostbarste Dank, den man manchen Menschen erweisen kann.

 

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2 Gedanken zu “Ein altes Band

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