Als ich vor einigen Jahren, noch als Studentin, einen Nebenjob in der Gastro fand, lernte ich einen wunderbaren Menschen kennen. Sie war hübsch, recht groß, hatte dichtes blondes Haar, strahlend blaue Augen und ein echt tolles Lächeln. Lachte viel, war energisch und extrovertiert… So ziemlich das Gegenteil von mir. Und dadurch natürlich besonders interessant, denn Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an. Wir verstanden uns, auch wenn nicht auf Anhieb – zunächst haben wir uns ein wenig genervt: ich war ihr zu langsam, sie mir zu wuselig und zu laut. Wenn ich heute daran zurückdenke, muss ich jedes mal schmunzeln, denn damals hätte sich keine von uns das vorstellen können, was wir später zusammen durchgemacht haben und auch nicht die Freundschaft, die uns heute verbindet.

Es vergingen einige Wochen, eher wir uns aufeinander einspielten. Noch einige, bis wir anfingen uns über Privates zu unterhalten und auch mal außerhalb der Arbeit was zusammen zu unternehmen. Ich war zwar schon immer jemand, der es eigentlich gern ruhig um sich hatte, doch ich genoß ihre Gesellschaft – obwohl sie einem genau das Gegenteil bot. Sie redete viel, lachte viel, scherzte viel, war oft albern, manchmal zu sehr ein Mädchen (und verdammt anstrengend in ihrer Quengelei) und zog alle Aufmerksamkeit auf sich. Normalerweise wurden mir solche Menschen schnell zu viel, doch diese helle und warme Energie, die sie dabei ausstrahlte, zog mich an. Tatsächlich wusste ich lange nicht, was ich von ihr halten sollte: war sie wirklich so einfach gestrickt, wie sie sich gab? war sie wirklich aufrichtig? konnte man ihr vertrauen? oder war das alles nur eine Show? Ich war mir nicht sicher, denn aufgrund meines damaligen Erfahrungsschatzes, fiel es mir schwer, überhaupt jemandem zu vertrauen. Und jemanden, der so offen und dabei auch noch aufrichtig war, konnte ich mir zu dem damaligen Zeitpunkt nur schwer vorstellen, geschweige denn händeln.

Doch sie tat mir gut. All das, was ich in der Regel als anstrengend und auf Dauer als unangenehm empfand, gefiel mir bei ihr. Mehr noch – es faszinierte mich. Ich wünschte mir sogar, ich könnte ein wenig mehr wie sie sein, denn es schien ihr Leben um einiges einfacher (oder zumindest angenehmer) zu machen. Und meins war es damals nicht. Also behielt ich diese Bekanntschaft, die sich mittlerweile zu einer Freundschaft entwickelte… auch als sie für ein halbes Jahr nach England zog, um ihr Studium mit einem Auslandsaufenthalt abzuschließen.

Zum Glück hatte unsere gegenseitige Sympathie diese Zeit weitaus besser überstanden, als ihre damalige Beziehung. Zurück in Deutschland, nahm sie übergangsweise denselben Job, bei dem wir uns kennen gelernt hatten und den ich mittlerweile wieder an den Nagel gehängt hatte, wieder an und besuchte mich oft (meine damalige Wohnung war ja auch quasi um die Ecke). Da ich ein Zimmer frei hatte, blieb sie meistens für ein-zwei Tage, manchmal auch länger, bis wir schließlich irgendwann endgültig zusammen zogen. Das war die Zeit der lustigen Mädelsabende und auch die Zeit, wo wir uns wirklich kennen lernten – in langen Gesprächen, ohne ein drittes Ohrenpaar… Wir haben gelacht, bis uns die Tränen kamen, paar mal auch geweint, bis wir wieder lachen konnten, aber vor allem gequatscht, bis uns die Zungen taub wurden (wobei wir uns immer wieder wundern mussten, dass uns nie die Gesprächsthemen ausgingen) und eine beeindruckende Menge Zigaretten und Sekt konsumiert. Ja, das waren echt tolle lange Abende…

Zu dieser Zeit befand ich mich in einer Beziehung mit einem – wie es sich leider erst später herausstellte – ziemlichen Psycho. Ohne jetzt ins Detail gehen zu wollen: diese Beziehung entwickelte sich nach ein paar Monaten aus einem Traum in einen Alptraum, war alles andere als gesund und es war leider auch nicht so einfach, da wieder raus zu kommen. Als ich endlich den Schlussstrich zog, war die Reaktion dermaßen inadäquat, dass ich beinahe die Polizei rufen musste. Ein Haufen Scherben war in diesem Zusammenhang keineswegs sprichwörtlich zu verstehen… Nun, nachdem er meine Wohnung zum Teil verwüstet hatte und ich einen gehörigen Schrecken runterschlucken musste, raste er wutentbrannt zu ihr auf die Arbeit, um sich da über das Geschehen auszulassen. Es waren keine zehn Minuten vergangen – ich saß gerade etwas desorientiert in meinem Zimmer und versuchte das alles zu verdauen – da erhielt ich von ihr einen Anruf: „Wie geht es dir?“ fragte sie ohne Umschweife in einem sehr bestimmten Ton, der mir verriet, dass sie bereits im Bilde war. Sie erzählte kurz und knapp, dass er zu ihr gerauscht kam, rumschrie und fluchte und von den Securities rausgeschmissen wurde. Und dass sie gleich nach Hause kommen würde. Und das war sie bald auch. Ich hatte sie nie zuvor SO erlebt… Agil, bestimmt und kampfbereit. Während aus mir gefühlt die ganze Kraft gewichen war und ich müde und ausgelaugt zusammensackte, übernahm sie alles – inklusive Abschirmung von dem Psycho, der später am Abend und auch in den nächsten paar Tagen noch versucht hatte, Kontakt zu mir aufzunehmen. Ich erinnere mich nur noch bruchstückhaft an diese Zeit, an das Meiste auch nur verschwommen, ich weiß lediglich noch, welche Stärke sie damals ausgestrahlt hatte. An diesem Abend hatte ich begriffen, wie sie wirklich ist, alle ihre Facetten fügten sich zu einem einheitlichen Ganzen zusammen und ergaben… eine Löwin. Ein starkes Alpha-Weibchen, das nur solange verschmust und verspielt ist, bis einer der Ihren angegriffen oder verletzt wird: dann wird sie zu einem majestätischen Raubtier, welches allein durch seine Präsenz den Angreifer auf Abstand zu halten vermag.

Ich weiß, die Darstellung ist etwas überspitzt. Und auch sehr subjektiv. Dennoch – sie ergibt Sinn. Für mich. Weil sie an diesem Abend etwas für mich getan hatte, was ich niemals vergessen werde. Schon lange vor diesem Tag mochte ich sie bereits sehr und sah sie als Freundin an. Aber an diesem Tag wusste ich erst, was für eine Art Freundin sie war: eine echte.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Die Löwin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s