Heute morgen habe ich unerwartet einen alten Freund gesehen. Ich stieg gerade an meiner Haltestelle aus, da sah ihn durch die Glasscheibe am anderen Bussteig. Wir haben uns seit über 5 Jahren nicht mehr gesehen, haben keinen Kontakt mehr, obwohl wir früher die besten Freunde waren… Es ist so banal, aber wir haben uns einfach auseinander gelebt. Und trotzdem war sein Anblick ein Grund zum Lächeln. Nein, ich bin nicht rüber gegangen, denn ich musste zur Arbeit. Und er wahrscheinlich auch, denn er schien auf einen Bus zu warten. Aber ich hing noch eine Weile der Vorstellung nach, wie es wäre, wäre ich rüber gegangen und es machte mich sehr glücklich….

Vor fast 15 Jahren – damals waren wir beide noch Schüler – hatten wir uns über ein Interessen-Forum kennengelernt. Wir wohnten in derselben Stadt, aber in verschiedenen Stadtteilen und hätten uns wohl nie getroffen, hätte es dieses Forum nicht gegeben. Wir mochten die gleiche Musik, interessierten uns für dieselben Sachen, hatten den gleichen Humor, hingen denselben Gedanken und Träumen nach… Wir waren einfach auf einer Wellenlänge und hatten irgendwann das Gefühl, ein und dieselbe Person zu sein – einmal in männlicher und einmal in weiblicher Ausführung. Die meisten Menschen, die uns begegneten, hielten uns für ein Paar, aber das waren wir nie. Niemals ein Liebespaar, dafür aber wie Bruder und Schwester (nur ohne diesen ganzen Zank, weil man sich unter einem Dach auf den Zeiger geht). Uns verband sehr viel und manchmal war unser Schweigen ein intensiverer Austausch, als ein Gespräch.

Wir hingen nicht täglich aufeinander, denn wir beide waren schon immer gern für sich allein, aber wir hatten unsere Rituale: ein- bis dreimal im Monat unternahmen wir etwas zusammen, veranstalteten Videoabende oder fuhren paar Städte weiter (denn in unserer Kleinstadt gab es rein gar nichts, was unserem musikalischen Geschmack zusagte), um uns mit „unseren Leuten“ zu treffen und verbrachten auf diese Weise viele feucht-fröhliche Abende bei teilweise echt guter Musik. Da wir leider an die letzte Bahn kurz nach Mitternacht gebunden waren, aber beide die Nächte liebten und diese gern auskosteten, gingen wir – zumindest zu wärmeren Jahreszeiten – nicht sofort nach Hause, sondern in den Stadtpark. Im Dunkeln und menschenleer hatte dieser Ort eine angenehm-schaurige Atmosphäre und war von so viel Ruhe erfüllt. Jeden Sommer lagen wir in einem bestimmten Teil davon (an unserem Lieblingsfleckchen) im Gras und starrten in die Sterne… Manchmal unterhielten wir uns, manchmal schwiegen wir ganz lange und ließen leise den Zigarettenrauch in den nächtlichen Himmel steigen… Das waren sehr gedankenintensive Nächte und nicht alle Gedanken waren schön. Aber unter diesem kuscheligen Mantel der Nacht, eingehüllt in pures Leben, Kopf an Kopf oder Rücken an Rücken, waren all diese Gedanken nicht halb so schlimm wie sonst. Jugend ist eine sehr bewegte Zeit – die einen gehen viel feiern und machen viel Blödsinn, die anderen denken viel nach (aber ja, auch wir waren feiern und haben viel Blödsinn gemacht. Nur seltener). Man erschließt nach und nach die Welt von beiden Seiten und lernt, dass es auch viel Leid gibt. Man empfindet dabei alles noch sehr intensiv, denn der Erfahrungsschatz, der das alles etwas abstumpfen lässt,  ist noch nicht gesammelt. Ja, in diesem Park haben wir wirklich viel Zeit verbracht…

Doch irgendwann war die Schule vorbei und wir zogen in die Welt hinaus, raus aus unserem kleinen Städtchen (ich einige Jahre vor ihm – so war es für mein Studium besser), weg von unserem geliebten und vertrauten Park… und leider mit der Zeit auch weg von einander. Die Treffen wurden seltener, die Telefonate auch und irgendwann verloren wir uns in „wir müssen uns mal wieder treffen“. Parallel dazu, nur etwas abrupter, brach auch der Kontakt zu meiner damaligen besten Freundin ab. Er und sie waren damals – neben meiner Mutter und noch einer sehr wichtigen Person, die aber ein eigenes Kapitel haben wird – meine ganze Welt. Klingt übertrieben dramatisch, es war aber wirklich so. Ich war damals sehr verschlossen und pflegte relativ wenige Kontakte… diese Zeit war für mich aus vielerlei Gründen „etwas“ kompliziert, aber darum soll’s jetzt nicht gehen. Der Punkt ist – es gab neben meiner Familie noch genau drei Menschen, die mir wirklich alles bedeutet haben, und zwei davon gingen auf dem Weg zum „Erwachsen-werden“ verloren. Als meine Mutter in meinem Abi-Jahr mal zu mir sagte, dass die Schulfreudschaften oft das Studium nicht überleben und dass ich mich darauf gefasst machen sollte, wollte ich ihr nicht glauben. Mehr noch – ich war sogar beleidigt, dass sie uns allen unterstellen wollte, dass diese – damals so starke – Verbindungen nicht überlebensfähig und damit wohl nicht echt seien. Ja, so dachte ich damals. Heute weiß ich, dass sie recht hatte. Und wie sie es meinte. Und dass ich damals tatsächlich ganz gravierend am jugendlichen Maximalismus litt, egal wie sehr ich es bestritt. Heute muss ich über mein damaliges Ich schmunzeln.

Meine Mutter hatte also recht behalten – unsere Wege trennten sich, jeden verschlug es in seine eigene Richtung und jeder musste nun seinen Weg wählen und diesen selbst bestreiten. Unterwegs traf man neue Kameraden – neue Kontakte wurden geknüpft, neue Freundschaften sind unter neuen Bedingungen entstanden… Die alten dagegen verliefen sich immer mehr und gingen irgendwann endgültig verloren. Er hat sich nicht mehr gemeldet, ich habe mich auch nicht mehr gemeldet, er hat sich wahrscheinlich nicht gemeldet, weil ich mich nicht gemeldet habe und ich rief nicht an, weil er nicht mehr anrief. Keiner trägt allein die Schuld dafür – wir sind einfach beide gleich doof. Diesen Gedanken finde ich mittlerweile sogar tröstlich, denn ich habe meinen Frieden damit geschlossen. Es stimmte mich viele Jahre traurig und auch heute noch fühle ich manchmal einen Stich, wenn ich an diese zwei Menschen denke. Doch irgendwann entschloss ich mich dazu, sich lieber an die schönen Zeiten zu erinnern und daran, wie wertvoll sie für mich sind. Ich werde meinen besten Freund von damals niemals vergessen und ich denke noch oft an ihn, ich habe ihn sogar noch sehr lieb – diesen Menschen von damals, der mit mir Seite an Seite durchs Leben schritt und an den ich so viele schöne Erinnerungen in meinem Herzen bewahre. Aber unsere Wege trennten sich nun mal. So ist wohl der Lauf des Lebens. Und jetzt..? Jetzt ich bin einfach nur dankbar für alles, was wir zusammen erlebt haben.

Und wer weiß..? Vielleicht laufen wir uns ja nochmal über den Weg und ich verstecke mich nicht mehr feige hinter „Arbeit“, nur weil ich Angst habe, auf Ablehnung zu stoßen…

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Ein Gedanke zu “Die verlorenen Freunde

  1. Wie immer wunderbar getroffen… dieser Punkt des Loslassens und sich der schönen Dinge erinnern ist schwer zu erreichen. Aber umso befriedigender und erfüllender, wenn man es geschafft hat.
    Ich bemühe mich jeden Tag darum

    Gefällt 1 Person

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