Viel zu selten gönnt man sich als Erwachsener die Ruhe. Es ist immer was zu tun, immer wieder tauchen Sachen auf, die noch erledigt werden müssen, der Kopf hört nicht auf zu planen und zu organisieren. Sogar wenn man sich eine Pause gönnt, fällt einem etwas ein, was irgendwann zwischen „gleich“ und „reicht in drei Wochen“ erledigt werden will – und sei es auch nur ein Anruf bei der Verwandschaft.

Auf kurz oder lang macht es uns müde, aber wir planen und organisieren sogar die Erholung. Ist das nicht paradox..?

„Schatz, lass uns in Urlaub fahren! Dann können wir uns mal wieder so richtig von dem Stress erholen!“

„Klar! Wann, wohin und wie viel würde es kosten?“

…und schon fängt der ganze Spaß an: Termin finden, Ziel aussuchen, Angebote einholen, An- und Abreise ganz genau planen, Tierversorgung organisieren und so weiter. Im Endeffekt lädt man sich doppelten und dreifachen Stress erstmal auf, eher man aufbricht, in der Hoffnung, den Stress abbauen zu können.

Das Ganze gibt es auch in einem kleineren Format – wenn man seine Auszeit als Ein-Tag-Unterfangen organisieren möchte (auch hier ist das Stichwort „organisieren“). Auch hier gibt es den Weg, die Tickets, die Kosten, die Zeitplanung… und die riesengroße Überwindung, sein Handy aus der Hand zu legen, denn es könnte ja was wichtiges sein.

Sicherlich, es gibt Menschen, den fällt es leichter alles stehen und liegen zu lassen, als anderen. „Eine Frage der Priorität“ sagt mein Mann immer dazu und verschwindet für einen ganzen Tag hinterm PC. Ist er nach so einem Tag erholt..? Nun… Nicht so, dass es auffallen würde. Denn es ist weniger die Frage der Beschäftigung, der man zu Entspannungszwecken nachgeht, als vielmehr die Frage nach dem, was in dem Kopf währenddessen vor sich geht. Wir tendieren dazu einen Tag, an dem wir die Faulheit siegen lassen, und keinen Finger im Sinne von „Arbeit“ krümmen (und wenn es nur darum geht, eine Tasse zu spülen), als „Erholungstag“ zu betiteln. Dabei haben die meisten solcher Tage diesen Titel gar nicht verdient. Mag sein, dass wir an solchen Tagen nicht tätig werden, aber es kehrt auch keine Ruhe in unseren Gedanken ein. Der Alltag, der Stress, die To-Do-Listen lassen sich nicht einfach abstellen. Und auch wenn wir sie mit stupiden Beschäftigungen für eine Weile auszublenden versuchen – der Stress fällt dadurch nicht wirklich ab.

Erinnert sich einer von euch noch an solche Momente, wie das starren in den nächtlichen Himmel, das unbegrenzte vor sich hin träumen und einfach die Gedanken schweifen lassen, ohne einen sorgfältig gebauten Korridor, wo alle „falschen“ Türen bewusst versperrt werden..? Wo die Gedanken sich ihren Weg selbst suchen und man ihnen einfach folgt, ohne dieses „Och neee, ich mag jetzt nicht daran denken!..“ Erinnert ihr euch an dieses Gefühl, unbelastet zu sein? Einfach so? Ohne Sorgen, ohne Angst und Zweifel..? Wie es ist, sich einfach im hier und jetzt wohl zu fühlen und sich seines Daseins zu erfreuen..? Ich habe es fast vergessen…

Immer mal wieder überkommt mich das Verlangen nach diesem „Unbelastet-Sein“, an das ich mich aus den Kindheitstagen vage erinnere. Zugegeben, ich habe bisher keine sicher funktionierende Methode gefunden, um diesen Zustand der Ruhe und des Friedens in der Zeit, wo sie nötig wären, abrufen zu können. Manchmal geht es auch einfach nicht. Aber ab und zu gelingt es mir für einen Moment, für ein paar Minuten diese zu finden. Viel zu kurz, um sich wirklich zu erholen und genügend Energie zu tanken, aber immer noch genug, als dass das Verlangen danach immer wieder kommt. Und dann schaue ich mir Menschen an, die freiwillig darauf verzichten. Die erwachsen gewordenen Kinder, die sich lieber stets eine Beschäftigung suchen, als die Ruhe bewusst zu genießen. Die stets in Aktion sind, stets auf Achse und scheinbar nie Inne halten. Werden sie nie müde? Funktioniert das „Batterien-Aufladen“ bei den anders? Aus meiner Perspektive macht es häufig den Anschein, also ob sie vor etwas weglaufen… Bloß immer beschäftigt, um nie die Zeit zu haben, sich an bestimmte Sachen zu erinnern und sich mit bestimmten Gedanken aufzuhalten. Keine Ahnung, ob es stimmt. Es ist allerdings ein bezeichnendes Phänomen unserer Gesellschaft: schnell, viel, unaufhörlich. Wer nicht „viel“ leistet, keine meterlangen To-Do-Listen schnell abhackt, nicht stets was unternimmt und alles im Griff hat, wird oft als „Faulpelz“ oder „Versager“ angesehen.

Der Druck der Gesellschaft steigt und proportional dazu die Zahl der Burnouts – der Stempel des modernen Zeitalters, in dem es für fast alles ein „leben-erleichterndes“ Gerät gibt und kaum noch einer ein leichtes Leben hat. Der Begriff „Muße“ ist beispielsweise fast verschwunden, dabei war ein „müßiges Leben“ eines der erstrebenswertesten Dinge vor über 2000 Tausen Jahren. Heute wird nur noch „Müßiggänger“ zwischendurch verwendet – abwertend, für Menschen, die man für faul hält. Warum denken wir alle stets daran, wieviel wir heute leisten können, aber keiner mehr, ob das „normal“ oder gesund ist, DASS wir so viel schaffen..? Und ob das normal ist, dass wir in recht friedlichen Zeiten leben (vergesst das Fernsehen und die Nachrichten – die Historiker belegen, dass wir in einer der friedlichsten Zeiten Leben, die diese Welt je gesehen hat), aber kaum einer noch so etwas wie innere Ruhe kennt..? Seit wann haben wir so viel Angst davor, einfach zu sein? Seit wann haben wir so viel Angst vor Ruhe?

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3 Gedanken zu “Das Gedankenkarusell und die Frage nach der inneren Ruhe

  1. Die Angst vor der Ruhe und dem Sein… Ist es da mitunter nicht eher die Angst davor, mit dem Stress aufzuhören und dadurch in eine Benachteiligung zu rutschen?
    Ohne eine wirkungsvolle Beruhigung durch die Frau meines Lebens, wäre ich selbst auch schon lange an diesem Punkt zerschmettert. Manchmal ist es wichtiger, sich die Dinge bewusst zu machen, die oftmals näher sind, ohne dass man sie bewusst wahr nimmt.

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    1. Ja, man hat die Angst vor Benachteiligung. Und das, was liegen bleibt, muss ja später dennoch erledigt werden. Aber gleichzeitig sind wir dadurch bezüglich der Ruhe benachteiligt. Ist das nicht ein toller Teufelskreis? Eher wir uns der Ruhe hingeben, denken wir erstmal über ganz viele unruhige Sachen nach, verschieben die Erholung auf später, auf „wenn das erstmal erledigt ist…“. Aber es kommt immer Nachschub und wir vergessen ganz oft in dieser Trott, uns die schönen Dinge des Lebens bewusst zu machen… Da frage ich mich, was bei uns schief gelaufen ist, wenn wir nicht mal nach einem arbeitsreichen Tag uns guten Gewissens die Ruhe antun können und einfach damit zufrieden sind, was wir geleistet haben.

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  2. ich habe mich wider gefunden im text vorallen das „Unbelastet-Sein“ kann ich gut verstehen und den wunsch danach aber auch ich als müssiggänger der das auch erst lernen muste habe mit den absempel der geselschaft mehr als zu tun den sowas gehört sich nicht “ krüpel geh arbeiten “ das höre ich imme röfters mal so mal eleganter gesagt nur fragt einer warum und weshalt ich so bin wie ich bin….. ein zu viel ist nunmal ein zuviel und manachmal ein leben lang.

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