Das Klischee der Frau als das „schwache Geschlecht“ ist längst überholt. Wir leben in einer Zeit, in der eine Frau berufstätig ist, selbstständig, unabhängig und meist auch selbstgenügsam. Wir leben in einer Zeit, in der die Frau – neben ihrem Job oder auch Karriere – einen Haushalt führt, mindestens ein Kind hat und oft auch noch für eine ganze Familie Sorge trägt. Und natürlich auch noch Zeit findet, sich selbst zu pflegen, Hobbies nachzugehen (und wenn es sich „nur“ um sportliche Aktivitäten handelt), zu kochen, zu backen… und das alles mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen. Klingt unmöglich? Ist aber so. Ein Paradebeispiel für einen derartigen Übermenschen namens Frau habe ich in meiner unmittelbaren Umgebung.

Zu Beginn unserer Zusammenarbeit empfand ich vor dieser Frau blanke Ehrfurcht, weil sie auf mich wie ein Übermensch wirkte, ein Superheld, alles andere als normal. Ich meine: man lernt eine Person kennen, die einen Shop leitet. Soweit so gut. Ihren Job macht sie perfekt – sie ist durch und durch organisiert, hat stets alles im Griff, kümmert sich um alle Angelegenheiten des Teams, ist überaus professionell in jeglicher Hinsicht und einfach eine gute Chefin: sie motiviert, fördert, delegiert und schafft alles in einem eine sehr angenehme Arbeitsatmosphäre. Dann erfährt man, dass sie auch noch einen zehnjährigen Sohn hat, den sie zur Schule bringt und auch dort wieder abholt, den sie zum Schwimmen und zum Fußball fährt, sie macht mit ihm Hausaufgaben und und und. Ok, doppelter Respekt. Aber man glaubt ja, mit einem Partner ist das alles noch ganz gut machbar – immerhin kann man diese Aufgaben ja verteilen. Nö. Die Partnerschaft ist zwar vorhanden, aber der Lebensgefährte glänzt (arbeitsbedingt) oft durch tagelange Abwesenheit und zuhause wird alles hinter der eigenen Erholung angestellt. Das heißt diese Frau ist so gut wie alleinerziehend. Darüber hinaus lebt die krebskranke Mutter des Lebensgefährten ein Stockwerk höher – um sie kümmert die besagte Frau sich ebenfalls noch. Dreifach Respekt. Und dann werden überall so Kleinigkeiten rein gestreut: „hier, ich war für den Shop noch einkaufen…; ich habe vorhin noch den Schrank zusammengebaut…; ich habe letztens meinen Schrank aussortiert…; …als ich gebügelt hab…; …ich habe bereits meine Weihnachtsdeko hängen… (und das noch vor dem ersten Advent); …ich habe am Wochenende mit meinem Sohn Weihnachtsplätzchen gebacken…; …ich habe eine Beförderung bekommen und lerne jetzt auch neue Mitarbeiter an und gebe nebenbei auch noch Schulungen…; …ich war am Wochenende mit meinen Mädels raus…; ich bin für euch zu jeder Zeit erreichbar – wenn was ist, ruf an (und ja, sie ist es tatsächlich)…“

Und du sitzt da, hörst mit großen Augen zu und denkst dir: „DU BIST KEIN MENSCH“! Wie oft habe ich mich gefragt, ob sie vielleicht irgendwo ein geheimes Zeitportal entdeckt hat, sodass sie vielleicht mehr als 24 Stunden Zeit pro Tag hat. Es scheint mir sonst unmöglich das alles zeitlich unter einen Hut zu bekommen. Und vor allem – woher nimmt sie die Energie für all das?! Ich für meinen Teil komme nach Hause, erledige die nötigsten Sachen im Haushalt und bin platt. Habe ich ein Tag frei, fühle ich mich oft wie vom Laster überrollt und kriege auch da nur das Nötigste zustande. Gut – ich habe Tiere, die ganz schnell ganz viel Dreck machen und einen Mann mit einem Ordnungsempfinden… eines Mannes eben. Ich habe weder eine Putzfrau noch eine Spülmaschine oder Trockner – alles Sachen, die das Leben ja doch um einiges einfacher machen und einem die Zeit und Energie (gemeint ist nicht die Stromrechnung) sparen. Und ich habe einen längeren Arbeitsweg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, was natürlich auch recht zeit- und manchmal auch nervenintensiv ist. Aber ich habe auch kein Kind und auch keine pflegebedürftige alte Frau im Haus, für die ich sorgen müsste. Egal wie ich es wende und drehe – im Vergleich zu dieser Frau komm ich mir wie ein Faulpelz vor.

Natürlich weiß ich mittlerweile, dass auch sie das alles nicht gerade mühelos wegsteckt. Nachdem wir nun seit eineinhalb Jahren zusammen arbeiten und ich in der Zwischenzeit auch einige sehr menschliche Momente mitbekommen habe, ist diese Ehrfurcht vor dem Übermenschen weg. Was geblieben ist, ist der tiefe Respekt und ehrliche Bewunderung für die Stärke dieser Frau – und eine überaus große Sympathie.

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