Die meisten von uns dachten in der Schule und vielleicht auch später in der Ausbildung oder beim Studium: „Wenn ich irgendwann endlich normal zu arbeiten anfange, kann ich auch endlich richtig leben! Dann kann mir keiner mehr etwas vorschreiben, ich habe mein eigenes Geld, eine eigene Wohnung, ein Auto und nach 8 Stunden Arbeit den Rest des Tages für mich und kann machen, was ich will! Keiner sitzt mir dann im Nacken mit Hausaufgaben und Zimmer aufräumen, muss keine doofen Klausuren mehr schreiben, keine Nächte mehr durcharbeiten, weil die Abgabetermine für die Arbeit/Referat/Präsi drücken… Und ich verdiene dann genug Geld, sodass ich Ausgehen/Shoppen/Reisen kann. Das wird toll!“ So in etwa hat, glaub ich, jeder von uns gedacht und Pläne geschmiedet, von dem schönen „richtigen“ Leben geträumt und sich damit getröstet, wenn man mal wieder für irgendeine Klausur bis tief in die Nacht pauken musste. Und dann ist man endlich im Berufsleben angekommen und erlebt sein blaues Wunder…

Erstens: versucht erstmal einen richtig guten Job, mit Wunschgehalt und guten Vertragskonditionen nicht weit von Zuhause zu finden. Manche seltenen Glückspilze schaffen es vielleicht, aber ansonsten – utopisch. Fängt schon damit an, dass der Begriff „Beruf“ immer mehr überflüssig wird, weil bis auf das handwerkliche Metier, immer mehr skurrile Aufgabenprofile auftauchen, die zu keinem erlernbaren Berufsbild so richtig passen wollen und die man sich als „Skills“ mal eben bei der Einarbeitung aneignen muss. Immer mehr Menschen arbeiten nicht in ihren gelernten/studierten Berufen, sondern landen ganz woanders. Es heißt ja auch nicht mehr „Lerne/studiere XY, dann kriegst du immer einen guten und sicheren Job!“, sondern „Ist eigentlich egal, was du machst, nachher machst du eh was anderes. Mach am besten was mit Wirtschaft, damit kannst du überall hin…“. Die Berufsbilder sind heute zum Teil so überschaubar geworden – es werden immer mehr und sie werden immer seltsamer und sinnfreier (seit wann ist denn bitte „Promi-Experte“ oder „Food Designer“ ein Beruf?) -, dass ein Kind heutzutage gar nicht mehr davon träumen kann, ein „Feuerwehrmann“ oder „Traktorfahrer“ zu werden. Sie wissen heutzutage nämlich kaum noch, was das ist. Wenn man jetzt ein Kind in der Grundschule fragt, was es werden möchte, hört man eher sowas wie „ins Fernsehen kommen“, „reich sein“ oder „cool und berühmt sein“. Wo sind die möchte-gern Polizisten, Feuerwehrleute und Ponnyhof-Besitzerinnen..? In der immer mehr in die Ferne rückenden Vergangenheit. Zumindest in den Großstädten ist es die zunehmende Tendenz.

Wunschgehalt? Ist immer an einen Arbeitspensum und Begleiterscheinungen geknüpft, bei dem eigentlich mindestens das doppelte  verdienen müsste. Gute Vertragskonditionen? Verschweigen IMMER die unangenehmen Kleinigkeiten, die später für nicht so schöne Überraschungen sorgen. Die Entfernung? Als ich noch klein war, haben meine Eltern und meine Großeltern immer in derselben Stadt gearbeitet, in der sie wohnten. Ok, in einer Großstadt und ohne Auto konnte das dennoch einen längeren Arbeitsweg bedeuten, aber dennoch war es in derselben Stadt. Mein Mann zum Beispiel, versuchte die letzten zwei Jahre einen Job in unserer Stadt zu finden. Ja, er fand mehrerer Stellenangebote. Aber mit solchen Konditionen, dass es nicht schlau gewesen wäre, sich darauf einzulassen. Wo ist er jetzt? Schon wieder in einer Nachbarstadt. So, wie ich auch. Nicht dass es nicht eine Filiale auch in unserer Stadt gäbe, aber da war eben kein Platz mehr frei. Also fahren wir beide zum Arbeiten in eine andere Stadt – wie so viele andere auch. Man denkt mittlerweile gar nicht mehr so darüber nach, weil es heute eher die Regel, als die Ausnahme ist. Meistens ist man auch einfach froh, überhaupt einen Job zu haben… Aber eigentlich ist das ein ganz großer Unsinn: man verbringt viel Zeit mit den Fahrten zu und von der Arbeit. Man fährt aus einer größeren Stadt in eine andere, vielleicht noch größere, Stadt, um da zu arbeiten. Und die Menschen, die in deiner „Arbeitsstadt“ leben, fahren ebenfalls in eine andere Stadt zum arbeiten. Und so arbeiten nur noch die wenigsten in der Stadt, in der sie eigentlich leben. Jaaaaaa, ich weiß, die Firma, die Stelle und und und… Aber denkt mal darüber nach: ein Duisburger fährt zum Arbeiten nach Düsseldorf, ein Düsseldorfer fährt zum arbeiten nach Köln und ein Kölner nach Frankfurt (nur als Beispiel). Völliger Quatsch, oder?

Damit kommen wir auch zum „zweitens“. Bei der ganzen Fahrerei plus die 7 bis 10 Arbeitsstunden, ist von dem Tag ja auch nicht mehr viel übrig. Bei mir ist das zum Beispiel so: ich brauche morgens meine ein bis zwei Stunden zum wach werden und um sich in aller Ruhe für die Arbeit fertig zu machen. Dann habe ich mit Fußweg und Umsteigzeiten einen ca. 1,5 Stunden Arbeitsweg für einen 8,5 Stunden Arbeitstag, inklusive 30 Minuten Pause. Und nochmal den gleichen Heimweg. Wenn ich von der Frühschicht ausgehe, heißt es also: ich stehe um 6 Uhr auf und bin um ca. 18:30 Uhr wieder zuhause. Ergo: 12,5 Stunden des 24 Stunden Tages sind schon mal weg. Dann muss man ggf. noch einkaufen. Mindestens noch eine Stunde drauf. Sich um die Wohnung und die Tiere kümmern – noch ca. eine Stunde. Essen kochen und auch verspeisen – noch ca. eine Stunde. Dann wären wir bei rund 15 Stunden. Die restlichen 9 Stunden sind für mich zB die optionale Nachtruhezeit, um sich gut für den kommenden Tag zu erholen. Und voll sind die 24 Stunden. Freizeit? Ausgehen? Etwas nach dem Feierabend unternehmen? Kaum denkbar ohne am anderen Ende Abstriche zu machen. Sicher, ab und zu macht man das, weil man sonst kaum noch was vom Leben hat. Aber alles, was man zugunsten dessen ausfallen ließ, muss man auch irgendwann wieder nachholen. Und mal abgesehen davon – wie viele von euch haben nach dem Feierabend und nach dem ganzen Pflichtprogramm zuhause noch die Energie und die Lust dazu, was zu reißen..? Also ich bin froh, wenn ich mir abends in Ruhe (! Ganz wichtig, wenn man sonst so einen Kommunikationsreichen Job hat !)  noch ein paar Folgen einer Serie anschauen kann und dann fallen mir auch schon die Augen zu.

Man könnte jetzt viele Einwände einbringen: man könnte in die Arbeitsstadt umziehen, man könnte sich einen anderen Job suchen, man könnte sich noch einen Zweitwagen zulegen, damit man schneller zur Arbeit kommt und unterwegs schneller und mehr Sachen erledigen könnte (mein Arbeitsweg mit dem Auto würde nämlich wirklich nur noch eine halbe Stunde betragen), man geht nicht jeden Tag einkaufen und auch das mit dem Haushalt könnte man nicht so eng sehen und/oder besser organisieren (was bei manchen Lebenspartnern aber leider nicht so gut funktioniert) und so weiter. Aber bei den meisten Punkten wird es gravierende Gegenargumente geben. Das wisst ihr selbst.

Irgendwann kommt man zu dem Schluss, dass die ganzen Vorstellungen vom Erwachsenen-Leben ganz schön falsch waren und dass man nie wieder so viel freie Zeit haben wird, wie damals in der Schule. Und dass „die Bestrafungen von gestern, die Hobbies von heute“ sind, wie ich das letztens noch auf Facebook gelesen habe. So siehts aber aus: das Arbeitsleben (und es gibt nicht viele, die ihre Arbeit so sehr lieben, dass es für sie auch ein vollwertiger Teil des genießbaren Lebens ist) und das organisieren vom Alltag nehmen die meiste Zeit in Anspruch. Die wenige freie Zeit, die man dann noch hat, wird meistens von Müdigkeit und Erholungsbedarf bestimmt. Und hier und da quetscht man noch ein Hobby rein (das hier ist zum Beispiel meins^^), damit man wirklich noch etwas nur für sich und sein eigenes Wohlbefinden hat. So ist das Leben. Und nicht so, wie man sich das früher vorgestellt hat.

An alle, die bereits Kinder großziehen: packt deren Alltag nicht so voll, unterstützt deren selbst ausgewählten Hobbies, bringt es ihnen bei, diese Zeit wert zu schätzen und zu genießen. Sie werden es jetzt noch nicht verstehen, aber dafür vielleicht für später ein paar sehr schöne Erinnerungen sammeln anstatt zu früh in die Burn-out-Gesellschaft reinzuwachsen.

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Ein Gedanke zu “Das Leben ohne Pausen oder Pausen ohne das Leben. Oder auch: wie die Rechnung NICHT aufgeht.

  1. „Mama, Mama, wenn ich groß bin, möchte ich mal Abfalldesigner werden.“ Ich sehe es schon kommen. Schade eigentlich. Inzwischen gibt es einfach auch wirklich viele Berufe nicht mehr, die damals Standard waren. Ich hatte gerade meine Ausbildung zur Bürokauffrau beendet und schon gab es den Beruf nicht mehr. „Kauffrau für Büromanagement“ heißt es jetzt. Aha. Wo da der Unterschied ist – keine Ahnung. Denn (wer hätte damit gerechnet?) auch ich arbeite nicht mehr in diesem Bereich. Zwar sind durchaus Elemente vorhanden, aber was ändert das schon?

    Nachdem ich gemerkt habe, dass ich durch einen Vollzeitjob meiner Leidenschaft und meinem Hobby, aus den von dir geschilderten Punkten, nicht nachgehen kann, habe ich mich kurzerhand entschlossen meine Arbeitszeit auf ca. 80 % zu drosseln, was schon viel bewirkt hat. Dazu kann ich nur raten. Dem Geldbeutel tut es zwar nicht besonders gut, aber was nützt einem Geld, wenn man keine Zeit hat, es auszugeben?

    Danke für diesen interessanten und gut geschriebenen Beitrag, ich kann dir da nur Recht geben, undzwar in allen Punkten, so traurig das auch ist.

    Ich sag schon mal guten Rutsch und bis dann 🙂

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