Das Jahr, 12 Monate, 365 Tage… Noch vor kurzem schien es ihr lang und nun war der 31. Dezember angebrochen. Mit jedem Jahr schien die Zeit ein wenig schneller zu vergehen, die Tage und Nächte ein wenig kürzer zu werden, die Jahreszeiten sich etwas schneller abzuwechseln… „Der Sommer hat gerade erst angefangen, wir schaffen es dieses Jahr definitiv an den See und vielleicht ein-zwei Mal ans Meer… Lange aufbleiben, spazieren gehen, Erdbeeren pflücken, Melonen essen… Moment! Wieso haben wir bereits August?! Wieso wird es bereits über Weihnachten geredet? Wir haben doch noch gar nichts vom Sommer gesehen!? Oktober?! Jetzt schon?!!! Wo ist die Zeit bloß hin?! Glühwein?!!! Weihnachtsmarkt?!!! Oh Gott, bald ist Weihnachten und ich habe meinen Bikini dieses Jahr kein einziges mal angezogen…“

Früher, als sie noch zur Schule ging, erlebte Marlene das Jahr ganz anders: es zog sich. Man überlebte von Ferien bis zu Ferien, saß Tag für Tag, Woche für Woche ab und die Zeit schien einfach nicht umgehen zu wollen. Doch mit zunehmendem Alter veränderte sich das. Als sie die Schulbank gegen einen knarrenden Universitätsstuhl tauschte und das Zimmer unterm Dach ihrer Eltern für eine kleine Mietwohnung in einer anderen Stadt aufgab, fing auch ihr Zeitgefühl an sich zu verändern. Das Leben schlich nicht mehr, es ging – und legte immer wieder einen Zahn zu. Als sie erneut ihren Wohnsitz und auch ihre Tätigkeit wechselte und nun mit dem einen Fuß im Berufsleben und mit dem anderen im selbst-gegründeten Familienleben stand, joggte bereits die Zeit. Sie joggte unermüdlich weiter bis sie langsam zu rennen anfing. Während es bei Marlene langsam ankam, dass zwischen „die Badesaison ist eröffnet“ und „wird langsam Zeit für den Mantel“ gefühlt ein Monat liegt, lief das Leben bereits an ihr vorbei und winkte jedes Mal fröhlich, wenn sie über viel zu schnell auftauchende Daten und Termine stolperte.

Auch wenn Marlene diese Weihnachtsfeiertage und dieses Silvester noch rechtzeitig auf sich zukommen sah, schlitterte sie dieses Jahr noch schneller herein, als in der Vergangenheit. Termine hier, Planung da, und die Weihnachtsdeko hängt erst nach dem zweiten Advent. Schnell noch das hier erledigen, schnell noch das da vorbereiten – und schon wieder kein einziges Mal auf dem Weihnachtsmarkt mit ihrem Mann gewesen. Und auch schon wieder keine Plätzchen gebacken. Keinen Adventskranz gemacht. Nichts von der vorweihnachtlicher Besinnlichkeit miterlebt. Gearbeitet, geplant, erledigt, geschlafen. Und schon ist Weihnachten mit seinem eigenen Programm da, unmittelbar gefolgt von Silvester.

Als Marlene gegen 21 Uhr abends endlich mit ihrem Silvester-Vorbereitungsprogramm durch war, war sie durch. Das Jahr lastete auf ihren Schultern und dachte nicht daran, abzufallen. Nein, nein, sie musste das Jahr gewaltsam von sich abwerfen. Während sie sich das erste Mal seit einer sehr sehr SEHR langen Zeit zu ihrem Mann auf die Couch fallen ließ (die letzten drei Monate fiel sie immer direkt ins Bett), spielte ihr Kopf ein eigensinniges Review ab: auf der einen Seite waren da die belastenden Sachen wie schwere Krankheiten und finanzielle Schwierigkeiten in der Familie, nicht erfüllte Wünsche und Pläne, Streit, Stress, kleinere und größere Ärgernisse und die bleierne Müdigkeit, die sich angesammelt hatte. Auf der anderen Seite hatte sie mit ihrem Mann ein größeres Projekt in Angriff genommen und es erfolgreich abgeschlossen. Sie haben sich zum Teil neu eingerichtet. Auch bezüglich ihrer Beziehung hatten sie ein arbeitsreiches Jahr hinter sich, in dem sie viel gelernt hatten. Ein Jahr voller neuer Erfahrungen und Erkenntnisse. Marlene saß mit gemischten Gefühlen da – einerseits war sie froh, dass das Jahr vorbei war, denn sie konnte nun auf ein besseres hoffen. Auf der anderen Seite sah sie auch, dass das Jahr für sie und ihren Mann eigentlich ganz viel Gutes hatte (vor allem im Vergleich zu den letzten Jahren) und verstand, dass es auch wieder schlechter werden könnte.

Die Zeit kann man nicht drehen oder verlangsamen. Also blieb ihr nur die Akzeptanz. Marlene genoß diese letzte ruhige Stunde des Jahres und das Gefühl, endlich fertig mit allem zu sein. Und sie freute sich auf das Böse-Geister-Vertreibungsritual.

Punkt Mitternacht explodierte die Nacht in bunten Farben – laut, grell und fröhlich. Für eine kurze Zeit wurden die Sorgen vergessen, Belastendes losgelassen und die Freude erfüllte die Welt. Ein Schuss – bleibt weg, Krankheiten! Zweiter Schuss – bleib weg, Pech! Dritter – haltet euch dieses Jahr fern, Sorgen! Vierter – weg mit wurmenden Gedanken! Fünfter – weg soll das Traurige!.. Mit jedem abgefeuerten Schuss konzentriere sich Marlene auf einen Schatten des vorbei gegangenen Jahres und hoffte, diese Geister zu vertreiben. Abergläubisch? Vielleicht… Aber warum sollte man es nicht versuchen, wenn man die Hoffnung im Herzen trägt? Warum sollte man sich nicht etwas wünschen, wonach man sich sehnt? Die Silvesternacht ist schließlich voller Erneuerungsmagie…

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