Der Vollmond. Schon in den alten Religionen und Kulturen hatte er einen besonderen Stellenwert inne als ein Symbol der Magie und eine Quelle der Kraft. In der heutigen Zeit kenn man ihn eher aus dem Fantasy-Bereich: die Werwölfe, die sich in der Vollmondnacht verwandeln, die okkulten Riten, die während des Vollmonds zelebriert werden, Hexerei, Magie etc. Aber auch im realen Leben beruft man sich immer noch auf ihn – viele Menschen schlafen beispielsweise schlechter während einer Vollmondnacht. Man kennt auch noch die Schlafwandler, den man vor allem bei Vollmond eine besondere Aktivität nachsagt. Egal, ob reale Welt oder erfundene – wir wissen, dass der Vollmond das Leben beeinflusst. Und ja, das tut er wirklich. Im Einzelhandel kriegt man das wunderbar mit.

Einigen wird es sicherlich schon aufgefallen sein, dass sich rund um den Vollmond die eigene Stimmung ändert, dass man empfindlicher oder gereizter auf das Alltägliche reagiert, dass man eventuell Stimmungsschwankungen ausgesetzt ist… Oder man hat es bei den Menschen in der unmittelbaren Umgebung bemerkt. So, nur in einem deutlich größeren Ausmaße lässt es sich im Einzelhandel beobachten. Die Vollmondzeit ist die Zeit, in der die ganzen geistig verwirrten, unausgeschlafenen, an Mangelerscheinungen jedweder Art leidenden, von Verdauungsstörungen geplagten Gestalten gern durch die Gegend ziehen und oben gelisteten Anliegen der Welt ganz besonders eifrig mitteilen. Oder vereinfacht gesagt: die Zeit, in der die ganzen Irren aus ihren Löchern kriechen, um irgendjemanden zusammenzuscheißen.

So fällt es zum Beispiel auf, dass die Anzahl der unfreundlichen, schlecht gelaunten Besucher plötzlich ansteigt. Aber solange sich das nicht in größerem Ausmaße entlädt, kann man das noch ganz gut ignorieren. Schwieriger wird es, wenn ein zunächst nur etwas gestresst wirkender Kunde plötzlich mit Aussagen wie „da brauchen sie gar nicht so zu gucken!“ oder „haben sie mich nicht verstanden?!“ um sich giftet, obwohl er lediglich sein Anliegen sehr konfus vorgetragen hat. Und dann gibt es noch solche, die rund um den Vollmond endlich den Mut finden, ihre Forderungen zu äußern. So zum Beispiel kam neulich eine Kundin rein, legte etwa zehn Einkaufsbelege vor und verlangte in einem gereizten Ton, dass man ihr jetzt die entsprechende Anzahl von Pröbchen aushändigt, weil sie zu keinem von ihren vergangenen Einkäufen eine bekam. Offensichtlich wurde dieser Frustausbruch schon länger geplant…

Dann gibt es noch solche, die den erworbenen und bereits eingepackten Gutschein daheim nochmal auspacken, um ihn sich genauer anzuschauen. Und dann wutentbrannt in die Filiale einmarschieren und die nächstbeste Verkäuferin anflaumen, was das für ein „Scheiß“ sein soll und wie man so wenig Fingerspitzengefühl haben kann, so etwa überhaupt zu verkaufen… Weil da ein hab entblößter Mann darauf abgebildet ist und der Gutschein für eine ältere Dame ist. Mal abgesehen davon, dass auch ältere Damen – zumindest meiner Meinung nach – durchaus was zu gucken haben dürfen, zeigt das Bild einen jungen Herren im Spa. Er ist zwar oben ohne, aber nur im Profil zu sehen – das Gesicht zwar der Kamera zugewandt, aber von dem nackten Oberkörper sieht man eigentlich nur Schultern, den kompletten rechten Arm und etwas Rücken. Der Rest ist mit Handtuch bedeckt. Oh, ne, Moment – etwas vom angewinkeltem Bein sieht man auch. Knie und etwas von der Wade. Skandalös!!! Oder so ähnlich… Wie dem auch sei – es wurde mit vielen unschönen Adjektiven rumgestreut und darauf bestanden, diesen Gutschein gegen eins mit einem anständigen Bild zu tauschen, weil das ja für eine ältere Dame sei. Ob die besagte ältere Dame wegen dieses Bildes mit dem ästhetisch entblößten Herren einen Herzinfarkt erlitten hätte, werden wir nie erfahren. Ich weiß nur, dass gerade das ältere Semester unter den Ladys bisher großes Gefallen an diesem Model fand, aber das ist ja Geschmackssache…

Des Weiteren ist man im Einzelhandel nicht nur der Kundschaft ausgeliefert, sondern auch den Passanten. So kam gestern eine Dame rein mit den Worten „Ich muss ihnen jetzt was sagen!..“ Gespannt gesellte ich mich zu meiner Kollegin dazu, die angesprochen wurde, und vernahm folgendes Anliegen: der Dame war unser Werbeplakat mit dem Herren aufgefallen, der ein Samurai-Schwert hält. Sie äußerte nachdrücklich die Meinung (d.h. sie redete so laut und in so einem Ton, dass die draußen vorbeigehenden Leute sich umdrehten), diese Art von Werbung suggeriert, dass bei Nutzung „dieses Kokolores“ (=der Kollektion), für das geworben wird, dieser Herr vorbeikommt und einen in Stücke oder in Scheiben hackt. Es sei weder ästhetisch noch angebracht und überhaupt ganz furchtbar geschmacklos angesichts der schlimmen Zeiten, in den wir leben. Und die Samurai waren nicht solche „Bürschchen“, sondern ganz furchtbare, brutale Massenmörder und in diesem Zusammenhang ist das die Spitze der Geschmacklosigkeit, so etwas als Werbung abzubilden. Und dass wir das so an unsere Firma weiterleiten sollen und sie wird „ganz bestimmt“ an das japanische Konsulat schreiben, dass das ein Unding ohne gleichen sei. Darauf stampfte diese Dame wutentbrannt wieder raus und die gerade vorbeilaufenden Securitys rein, um nachzufragen, ob bei uns alles in Ordnung sei. Und jetzt haben wir alle ganz furchtbare Angst, dass wenn wir diese Produktpalette auch nur angucken, der böse Mann mit dem Schwert vorbeikommt und uns in Stücke hackt. Oder in Scheiben.

Der Vollmond naht und die Bewohner der umliegenden Nervenheilanstalten haben offensichtlich ihren Freigang. Hoch erfreulich ist nur, dass die Bewohner des „Arkham Asylum“ in einem Paralleluniversum beheimatet sind.

Und bei euch so?

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