Nacht. Stille. Die Dunkelheit umhüllt die schlafende Welt wie eine warme Decke. Die Fenster sind dunkel, die Laternen verbreiten ihr ruhiges gelbes Licht über den nassen, leeren Straßen. Die Regentropfen benetzten die schattigen Dächer, den staubigen Asphalt und bringen Bewegung in die schläfrige Flora. Dumpf schlagen sie auf den Blättern und auf der Erde auf, hell klingen sie, wenn sie auf Eisen und auf Wasser treffen. Ein sanfter, warmer Windstoß verschlägt die Wassertropfen auf die Haut und bringt den Duft des Vollmondgewitters mit. Sanft streift er das Haar, liebkost die warmen Wangen und schließt einen in eine sanfte, duftende Umarmung. Er duftet nach kühler Wärme, ein wenig nach nassgewordenem Staub, nach Nadelbäumen mit einem Hauch von Wald und einer leicht blumigen Note. „Hallo Fremde. Hier bin ich…“ …und schon lässt er ab, verschwindet genauso unmerklich, wie er kam und die Luft steht still.

Die Dächer haben einen feuchten Glanz, die Straßen sind tiefgrau, die Laternen beleuchten die einzelnen Tropfen. Würde man den Regen nicht hören, wäre es jetzt völlig still. Ein Leuchten erhellt die Wolken, zerreißt sie, durchzuckt den Himmel und verschwindet geschwind. Dann ist es für ein paar Sekunden wieder still und dunkel. Und dann hört man das, was längst nicht mehr zu sehen ist – ein anrollendes Grollen, das zerreißen des nächtlichen Himmels und eine laute, aber dumpfe Explosion, die den Himmel vor wenigen Augenblicken aufleuchten ließ. Und als wäre es ein Startschuss gewesen, prasselt es los – lauter, schneller, kraftvoller. Erneut eilt der Wind herbei, diesmal mit mehr Schwung, bringt mehr Tropfen mit und mehr von seinem betörenden Duft. Als wäre er eine Gestalt auf einer Art Surfbrett, die ganz knapp vor einem stehen bleibt – man spürt ihre ganze Präsenz, ihre Wärme, ihren kühlen Fahrtwind, ihr Parfum, ihren Atem… Das alles nur ein paar Zentimeter entfernt. „Hallo Fremde. Lange nicht mehr gesehen…“ Das Lächeln sieht man fast…

Vergeblich versucht man nach ihm zu greifen, ihn festzuhalten. Noch bevor man seine Präsenz begreift, ist er schon wieder auf und davon, schwirrt durch die Luft und versetzt dabei die tropfenden Blätter in Aufruhr. Man kann seinen Weg sehen, die Kurven, die er schlägt, und die Wellen, die er dabei verursacht, prallen sanft gegen die Haut. Auf und davon. Und die Stille kehrt wieder ein. Ein Bild, von dem man sich nur schwer losreißen kann… und will: eine Stille, die man sehen kann, die man beinahe greifen kann, hält einen ganz sanft, aber auch ganz fest in ihrem Griff. Selten sieht man so viel Leben, wie in einem Moment der völligen Stille.

Eine Katze gesellt sich dazu und beobachtet neugierig und aufgeweckt das ganze Schauspiel. Mit wachen, neugierigen Augen und gespitzten Ohren beobachtet sie – nicht die Stille, sondern ihre freiwillige Geißel. Das Licht durchzuckt erneut die Dunkelheit, doch das kümmert sie nicht – sie betrachtet neugierig einen Punkt an der Person, der sich warm und offen anfühlt. Der Wind schlägt wieder seine Wellen, streift durch die Blätter und perlt die hängenden Regentropfen ab. Wie ein Kind spielt er auf seiner Wiese zwischen Himmel und Erde und genießt es, dass die Welt ihm gehört. Der Donner scheint sein vergnügtes Lachen und sein fröhliches Gejohle zu verschleiern, das flackernde Licht verbirgt seine Gestalt. Doch er ist da, dreht seine Runden und bremst wieder nur einen Hauch von einem entfernt ab: „Hallo Fremde. Kennst du mich noch..?“

Verspielt wirbelt er die Vorhänge hoch, als er sich durch die offene Tür hereindrängelt und den dahinter liegenden Raum erkundet – wachsam von dem Kater beobachtet: „Wer bist du? Was machst du da? Sieht nach Spaß aus, kann ich mitmachen?“ Doch schon ist er wieder raus und verschwindet in dem nassen Dunkel. „Spielkind“ schießt es einem durch den Kopf und provoziert ein Lächeln. Er wartet keine Antwort ab, doch fühlt man sich gehört und in sein Vergnügen mit eingebunden. Ein Freund, den man lange nicht mehr gesehen hatte und über dessen Rückkehr man sich freut. Ein vertrautes Gefühl, ein Gefühl des Vertrauens und des sich Wohl-fühlens.

Ohne Worte erzählt er von seinen Reisen und von seinen Plänen, teilt seine Vorfreude mit und ein warmes Gefühl der Zweisamkeit stellt sich ein. Seine Lebendigkeit ist ansteckend, die Anwesenheit wohltuend und seine Düfte berauschend. Ein intimes Tête-à-tête zwischen alten Freunden, die sich viel zu erzählen haben, doch keine Worte dafür brauchen. Eine Begegnung zweier Wesen außerhalb von Zeit in einem Raum, der von dem verbogenen Vollmond geschaffen wurde, in einer Wirklichkeit, die es nicht geben dürfte. Ein magisches „Hier und Jetzt“ außerhalb der eigenen Realität. Ein Augenblick, der ewig dauert. Eine Berührung, die einen warmen Abdruck hinterlässt. Ein Traum, den man durch offene Augen sieht. Ein Wiedersehen, auf das man lange gewartet hatte…

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3 Gedanken zu “Das Vollmond-Gewitter

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