Ich glaube fest daran, dass wir nicht nur ein Leben auf dieser Welt verbringen. Nein, ich glaube, dass unsere Seelen immer wieder hierhin zum leben und zum lernen geschickt werden – in unterschiedliche Zeiten, in verschiedenen Körpern mit verschiedenen Funktionen. Daher ergibt es für mich durchaus einen Sinn, dass man ab und zu (und wenn man Glück hat) Menschen begegnet, bei denen man in kürzester Zeit das Gefühl bekommt, man würde sie bereits lange kennen. Sicherlich kann man solche Erlebnisse zum gewissen Teil auf biochemische Prozesse runterbrechen und mit psychologischen Erkenntnissen stützen, aber vollständig erklärt ist dieses Gefühl dadurch dennoch nicht. So kann mir all die Wissenschaft und die Ratio auch nicht überzeugend erklären, wie, weshalb und warum sich zwei eigentlich wildfremde Jugendliche mit allerlei sozialen Eigenarten nach nicht mal einer halben Stunde überhaupt nicht mehr fremd waren. Ein komplizierter Satz mit einem komplizierten Sinn. Ich werde es gern erklären…

Vor etwa 13-14 Jahren war ich in einem Anime-Manga-Japan-Forum angemeldet und mehr oder minder aktiv. Meistens minder: ich war neu; es war für mich neu… Und ich war nicht gerade ein Extrovert – zwischenmenschliche Kommunikation fiel mir damals eher schwer. Und ja, sogar am PC. Aber es war ein Versuch dieses „Problem“ in den Griff zu kriegen: ich konnte mich über die Sachen informieren bzw austauschen, die mich damals interessierten, und dabei Gleichgesinnte kennenlernen, um über meinen damaligen sozialen Tellerrand schauen zu können. Irgendwann, als ich mich dort gerade etwas eingewöhnt hatte und nicht mehr ausschließlich ein passiver Leser war, fiel mir ein User auf: keck, etwas frech, überaus aktiv und es dauerte ein wenig, bis ich dahinter kam, dass es eine junge Frau etwa meines Alters war… Einen direkten Kontakt zu einander pflogen wir jedoch nicht und hatten auch sonst recht wenig miteinander zu tun. Bis sie eines Tages mich mal anschrieb und mir offerierte, dass sie sich in den Schulferien immer ein NRW-Ferienticket zulegt und alle möglichen Leute besuchen fährt. Und ob ich Lust hätte, dass sie auch mich mal besuchen kommt. (Wie es genau zu diesem Gespräch kam und wie sie auf die Idee kam, eine Person, die sie überhaupt nicht kennt, in einem Kaff am Rande des NRW zu besuchen, wissen wir mittlerweile beide nicht mehr…) Knapp eine Woche später holte ich ein großes, schlankes, freudiges Fräulein mit langem feuerrotem Haar und festem Händedruck vom kleinen Zwei-Gleis-Bahnhof unseres Städtchens ab.

Wie bereits erwähnt, hatten wir beide unsere Eigenarten im Bereich der sozialen Interaktionen. Ich hatte damals zum Beispiel ein großes Problem damit, dass jemand außer mir mein Zimmer betrat – sogar wenn es meine Mutter (wir hatten schon immer ein außergewöhnlich gutes Verhältnis zu einander) war oder meine damalige beste Freundin. Es zeigte einfach zu viel von mir. So viel, dass ich es vor niemandem so offen darlegen wollte. Aus der Sicht eines Erwachsenen mag es seltsam erscheinen, aber ich war damals noch nicht erwachsen – ich war eine verschlossene, schüchterne Jugendliche, die gern in ihrer kleinen Welt lebte. Und zwar am liebsten allein. Sie dagegen war recht offen, was das angeht. Dafür aber eine absolute Bazillen-Phobikerin: sie brachte es nicht mal übers Herz ein Schluck aus dem Glas ihrer eigenen Mutter zu trinken, geschweige denn mit irgendjemandem vom selben Teller zu essen. Das war damals ein absolutes Ding der Unmöglichkeit für sie – davon war sie fest überzeugt. Also: jede von uns hatte so ihre Phobien und wir kannten uns maximal eine halbe Stunde… und gingen Eis essen (Mädchen halt). Und teilten uns ohne mit der Wimper zu zucken ein After-Eight-Becher. Phobie – ein Eisbecher – zwei Löffel. Und es war für uns in dem Moment das natürlichste von der Welt, denn „fremd“ fühlten wir uns da schon nicht mehr.

Nach dem Eis und einem kleinen Spaziergang gingen wir zu mir. Kamen rein, sie schaute sich interessiert in meinem Zimmer um, ich erzählte und zeigte ihr irgendwas… Und dann erwischte mich eiskalt eine Erkenntnis: „Du bist in meinem Zimmer!“ Sie schaute mich verwirrt an und wusste nichts mit meinem schockierten Gesichtsausdruck anzufangen, bis ich ihr meine „Phobie“ diesbezüglich erklärte. Ich glaube da wurde uns beiden bewusst, dass wir einander auf keiner der Ebenen (außer der ganz Rational-Oberflächlichen vielleicht) als „fremd“ empfanden. Auch nicht als „neu“. Zusammen zu sein fühlte sich so vertraut an, so normal… Das typische Gefühl, das man hat, wenn man einen neuen Menschen kennen lernt, war nicht vorhanden, stattdessen war aber eine Vertrautheit da, die man spürt, wenn man jemanden endlich wieder sieht, den man sein Leben lang kannte.

An diesem Tag lernte ich meine Schwester kennen.

Natürlich haben wir dieses Empfinden nicht sofort einzuordnen gewusst. Wir haben auch nicht sofort darüber gesprochen, weil wir beide uns nicht sicher waren, ob die andere sie deswegen vielleicht für verrückt halten würde. Aber ALS wir das taten… es ist schwer dieses Gefühl zu beschreiben. Ich glaube durch eine Metapher kann ich es am besten erfassen: wir reichten uns die Hände, drehten uns in eine Wegesrichtung und schritten gemeinsam voran und zwar so, als hätte es uns einzeln nie gegeben. Viele sagen an dieser Stelle irgendwas mit „Freundschaft“… Aber nein, ich habe ein paar wirklich gute, treue, mit Freud und Leid geprüfte Freunde… Und zu jedem von ihnen fühle ich eine tiefe Verbundenheit. Aber eine andersartige. Diese Verbundenheit stellte sich in vielen Gesprächen ein, wurde stärker durch gemeinsame Erlebnisse und reifte mit der Zeit. Das, was sich an jenem Tag von jetzt auf gleich einstellte, war etwas aus der Vergangenheit, in die man reingewachsen war und was bis in die Gegenwart überdauerte, ohne dass wir es auch nur geahnt hätten. Mag sein, dass wir in diesem Leben nicht von derselben Wurzel abstammen und auch nicht dasselbe Blut in uns fließt, aber dennoch sind wir keine Einzelkinder. Wir sind uns teilweise sehr ähnlich, teilweise grundverschieden, leben mittlerweile in verschiedenen Bundesstaaten (so eine sechsstündige Flixbusfahrt ist übrigens eine tolle Gelegenheit, um zu schreiben) und führen jede unser eigenes Leben. Manchmal sehen und hören wir uns lange nicht, manchmal zicken wir uns an und manchmal haben wir denselben Schalk im Nacken… aber wir sind für einander immer ein Stückchen „Zuhause“, eine Familie und ein Zufluchtsort, wo man sich sicher fühlt und Energie tanken kann. Woher dieses Gefühl kommt..? Keine Ahnung. Es ist einfach so. Und gar nicht so viel anders, als bei den in diesem Leben als Geschwister geborenen  (…die sich gut verstehen), wie ich festgestellt habe… Nur dass unserer gemeinsamer Ursprung in fernerer Vergangenheit liegt, als es üblich ist.

 

 

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6 Gedanken zu “Über die verwandten Seelen

  1. Auch wenn es das Kuiki Manga Forum ja nun lange nicht mehr gibt, habe ich mich gerade total gefreut, das hier lesen zu können. Es ist so schön zu sehen, dass nicht nur mir das Forum so viel gegeben hat. Für mich war es immer die Chance, mich mit Leuten über ein Hobby auszutauschen, das Menschen in meinem Alter (ich bin ja doch etwas älter als der Durchschnitt es war), austauschen zu können, ohne mich deswegen seltsam fühlen zu müssen.
    Bei mir ist es geht es wohl nicht so tief wie bei dir, aber ich habe immer noch Freundschaften, die dort entstanden sind und die ich bis heute pflege – für mich keine Selbstverständlichkeit. Ich bin eigentlich sehr schlecht darin, Kontakt zu halten.
    P.s. nicht dass du denkst ich stalke dich, ich habe das über Bunnys Feed bei Facebook gefunden… und bin, wie gesagt, sehr froh darüber.
    P.P.s. ob du es glaubst oder nicht, ich habe die Tage gerade darüber nachgedacht, wie spannend ich es finden würde, einfach mal wieder alle Leute aus dem Kuiki anzuschreiben, und nachzufragen, ob nicht genug Leute Lust darauf hätten, noch einen einmal ein Forentreffen zu machen.

    Gefällt 2 Personen

    1. Nö, im Gegenteil- ich freue mich, dass du dir die Zeit für meinen Blog genommen hast^^ ich habe tatsächlich noch ein-zwei Leute von damals in der Kontaktliste… nur leider keinen Kontakt mehr. Aber wir hatten alle eine schöne Zeit gemeinsam, das hat wirklich Spaß gemacht ^.^

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      1. Ich sehe gerade, dass ich da oben einiges an Satzbau, Grammatik usw. durcheinander gebracht habe. Kommt davon, wenn man im Bus am Handy schreibt ^^.
        Und prima, dass du nicht gestalkt fühlst ;-).
        Ich hab noch mit Christian, Kathi und Sharon regelmäßig Kontakt, so irl. Christian habe ich gerade auf der Connichi gesehen, und Kathi vor zwei, drei Monaten besucht.
        Falls ich das mit dem Treffen ernsthaft angehen sollte, sage ich dir auf jeden Fall Bescheid!

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  2. Schööön. Und gar nicht so ungewöhnlich.
    Meine Tochter hat ihre beste Freundin auch über das Internet kennengelernt – sogar über Facebook. Und die zwei sind ein Herz und eine SEELE. Die kennen sich bestimmt nicht erst seit diesem Leben. Glücklicherweise leben sie in der gleichen Stadt.
    Wunderbar, wenn es solche Seelenbegleiter/innen gibt – so tiefe Freundschaften.

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