Wenn die Dunkelheit die Welt umhüllt, die bleiernen Lider die Sicht auf das Gewohnte verdecken und die Federn des Bettes uns Sicherheit vorgaukeln, weicht der Verstand dem Unterbewussten. Eingelullt von der Wärme, zur Ruhe verführt von den trägen Gliedern, lassen wir das Hier und Jetzt ziehen… Voller Vertrauen machen wir die Augen zu und gleiten sacht in das Land des Morpheus.

Gutgläubig und daher schutzlos beschreiten wir den Weg und rechnen nicht damit, dass das Monster unter unserem Bett nur auf seine Gelegenheit lauert. Doch sind wir fern genug von unserer gefestigten Welt, ist der schützende Verstand außer Reichweite, streckt es langsam seine schwarzen Klauen nach uns. Ganz leise, ganz subtil, kriechen sie wie Pflanzenranken unter die Decke, unter das Kissen… Graben sich uns ins Haar, legen sich über die flache Brust. Zuerst streicheln sie nur, bewahren unsere Ruhe, legen sich „schützend“ um die Glieder, um den Hals… Wachsen und winden sich, bis sie uns sicher im Griff haben. Das Monster hat Geduld, denn es weiß, dass es sich lohnt.

Hat es den ruhenden Körper fest im Griff, weiß, dass man ihm jetzt nicht mehr entgleiten könnte, sucht es seinen Weg in unseren Kopf, in unser Herz und auch in die Seele. Ahnungslos und arglos, schauen wir auf unserem Spaziergang vorwärts, während sich hinter uns die Schwärze ballt. Wir merken nicht, wie die dunkelsten Ecken unserer Selbst nach den schlimmsten Ängsten abgetastet werden, wie das Monster sich zu den verschlossenen Türen und versiegelten Truhen Zutritt verschafft und sie gierig durchwühlt. Wie eine todbringende Schlange, gleitet es kalt und still um die Sorgen und Ängste, Erinnerungen und Befürchtungen. Es umkreist sie, umschließt sie, befühlt und bestaunt sie, lacht und labt sich daran. Das Monster lässt sich Zeit und sucht stets nach den Schlimmsten, nach den, die am meisten Angst und Schmerz bereiten. Welch eine Vorfreude muss es verspüren beim Abwägen, womit es uns diesmal quälen möchte…

Ist die Wahl getroffen, schleicht es sich an den Wandernden heran, ganz leise und grazil. Es beschleicht die Landschaft, wird zu einem Teil davon, versteckt sich in den Blüten, verbirgt sich hinter der Sonne, umkreist sein ahnungsloses Opfer und legt die Schlingen bereit, um sie nur noch fest zuziehen zu müssen. Es verschmilzt mit dem Traum, um ihn dann zu vergiften. Von innen. Wie einen schönen, prallen Apfel, von dem es uns erst abbeißen lässt, eher wir feststellen, dass es voller stinkender Fäulnis und Maden ist… So lässt uns das Monster bis zur letzten Sekunde den schönen Traum, bis es seine grausame Überraschung präsentiert. Und dann zerbricht er. Das helle wird dunkel, das Lebendige tot, die Freude wird zum Schmerz und Verzweiflung. Das schnell wirkende Gift vernichtet in sekundenschnelle alles. Absolut alles. Die Bilder werden verzerrt, die Gefühle zerschlagen, das Herz wird gebrochen, die Hoffnung in der puren Verzweiflung ertränkt… Das Leid umhüllt den Wandernden, nimmt ihm den Lebenswillen und jedweden Sinn. Nur das Gift des tiefsten Schmerzes und der Verzweiflung bleiben, die nun von salzigen Tränen getränkt werden…

…und man wird rausgerissen. Wie ein Ertrinkender, der zu strampeln aufgehört hat und bereit war, sich der Tiefe zu ergeben, plötzlich von zwei kräftigen Armen aus dem Wasser gerissen wird – so reißen unser Verstand und unser Selbsterhaltungstrieb uns aus dem Sumpf des vergifteten Traumes. Zu abrupt, als dass wir sofort vollständig wieder da sind. Zu viel von dem Gift fließt noch in uns, zu tief war die empfundene Verzweiflung, zu groß war der Schmerz, zu atemraubend der Schrecken. Nur langsam begreifen wir, dass es nicht real war – egal, wie real sich das angefühlt hatte, egal, wie real der Traum schien. ES. WAR. NICHT. REAL. „Es war nur ein Traum“ flüstert uns jemand sanft direkt im Kopf. „Es war nur ein Traum“ flüstern wir kaum hörbar vor sich hin, immer noch außer Atem, mit schmerzender Brust und nass-salzigen Wanden. Langsam, langsamer, als es uns lieb wäre, kommen wir vollständig im Hier und Jetzt an, der Herzschlag beruhigt sich und die Gefühle stumpfen ab. Der Schmerz lässt nach, die Verzweiflung wird immer mehr zurückgedrängt, die Hoffnungslosigkeit fängt an sich wie der Morgennebel aufzulösen… Das Gift verliert seine Wirkung. Und wir ein Stückchen Zuversicht.

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