Über die Gerechtigkeit denkt man selten aktiv und bewusst nach, solange sie nicht ins Gegenteil umschwenkt. Gerechtigkeit ist ein Moralbegriff, der leider immer abstrakter wird, immer dehnbarer, immer weniger bewusst wahrgenommen. Oder war das schon immer so? Man bringt den Kindern zwar immer noch den Unterschied zwischen gut und schlecht bei, das „darf“ und das „darf nicht“… Aber wird den Kindern heute noch überhaupt aufgezeigt, was recht und was unrecht ist..? Wurde es uns überhaupt noch aufgezeigt..?

Über das Recht und das Unrecht zu urteilen überlässt man seit Jahrtausenden den Richtern, den Juroren und den Personen, die in ihrer – ob gesellschaftlicher (früher) oder beruflicher (heute) – Position höher gestellt sind. Zumindest, wenn man sich selbst nicht einigen kann oder ein Verbrechen begangen wurde. Die Richter haben ihre Gesetze – diese helfen ihnen zu erkennen, was Recht und was Unrecht ist. Die Juroren (z.B. ein Dorfältester, eine Juri) haben ihre eigenen Erfahrungen und ihre moralischen Richtlinien und ihren (hoffentlich gesunden) Menschenverstand. Aber was ist mit z.B. den Adeligen..? Inwiefern sind diese einem Bauern moralisch überlegen..? Inwiefern können sie besser erkennen, was Recht und was Unrecht ist, wenn sie das Leben des Bauerns nie erlebt haben..? Ist ja nicht so, als würden sie anfangen, die Gesetzbücher zu wälzen und die Geschehnisse eingehend zu untersuchen, die sie beurteilen wollen… Dasgleiche gilt in der heutigen Zeit teilweise in Arbeitsverhältnissen zwischen den Angestellten und deren Vorgesetzten. Letztere können vielleicht darüber Urteilen, welche Arbeit gemacht und welche nicht gemacht wurde, und auch über deren „Richtigkeit“… Aber am Ende zählt für sie nur der Wert des Schiffes, nicht das, was das Schiff am laufen hält. Ist das dann noch überhaupt gerecht? Ich meine: gäbe es dieses verborgene Triebwerk nicht, würde das Schiff entweder gar nicht mehr laufen, oder gegen die nächsten Klippen fahren – egal ob die Segel hübsch bemalt sind oder nicht. Da bringt der Gesamtwert des Schiffes auch nichts mehr.

Wann werden wir in unserem Leben das erste Mal spürbar mit dem „Gerechtigkeitsempfinden“ konfrontiert..? Ich behaupte jetzt einfach mal pauschal: in der Zeit der Windeln – als ein Spielkamerad uns etwas wegnahm, was eigentlich uns gehörte und wir es genau in diesem Moment haben wollten. Ich glaube, das ist eine Szenerie, die jedem vertraut vorkommt. Es ist der Moment, in dem uns selbst etwas widerfährt, was man als ungerecht empfindet. Die erste spürbare Erfahrung mit dem Gerechtigkeitsbegriff ist immer etwas, was wir als „ungerecht“ empfunden haben – und zwar uns selbst gegenüber. Wenn wir selbst jemandem Unrecht getan haben, hatten wir immer unsere Gründe – deshalb war es in dem Moment aus unserer Sicht gar nicht ungerecht. Man musste es uns erklären, es verständlich machen, dass – egal, was wir uns dabei gedacht haben – manche Sachen einfach nicht fair gegenüber anderen sind. Man isst nicht einfach drei von vier Keksen, nur weil man das ältere oder größere Kind ist. Jeder bekommt zwei – das ist gerecht.

Mit der Zeit lernt man, dieses Gerecht-Ungerecht-Ding von vorn herein zu unterscheiden und mit in unsere Handlungen einfließen zu lassen. Zumindest in der Theorie. Trotzdem geschieht es immer wieder, dass man vielleicht sogar unwissend und ohne Absicht jemandem gegenüber nicht fair, nicht gerecht ist. Man denkt manchmal nicht gründlich genug nach, sondern ist vielleicht auch einfach nur frustriert oder überfordert oder beides. Gerade dann sucht man die Schuld dafür gern bei anderen, gerade dann verliert man oft die Objektivität und das ausgewogene Gerechtigkeitsempfinden. Gerade dann, wenn man selbst merkt, man hat den Durchblick verloren, sucht man lieber jemanden von außen, der dieses „Chaos“ vermeintlich fördert oder gar verursacht. Man sucht einen Schuldigen, anstatt sich einzugestehen, dass man selbst das alles einfach zu lange hat schleifen lassen. Es ist nun mal einfacher zu sagen „andere sind daran schuld“, als sich selbst die eigenen Verfehlungen einzugestehen. Man sucht mitunter ja auch ein Ventil um diesen Druck wieder abzubauen. Da werden die unwichtigen Kleinigkeiten ganz schnell ganz groß aufgebauscht. Man fühlt sich dann im Recht, weil es einem scheint, dass wenn das nicht wäre, dann würde alles viel besser laufen. Würde es aber nicht. Und zwar solange nicht, bis man sich selbst wieder auf Kurs gebracht hat. Was man in solchen Fällen selten auf der geschäftlichen Ebene begreift (unter Freunden oder Partnern ist das – zum Glück – besser lösbar, denn da findet eher ein offenes Gespräch statt), ist dass man durch solches Verhalten nichts besser macht, aber vieles schlimmer. Was gibt es denn schlimmeres, als eine demotivierte Mannschaft..? Wenn man das Gefühl bekommt, es wird nichts von den Leistungen anerkannt bzw. überhaupt nur bemerkt, dafür auf Kleinigkeiten rumgehackt, als würde davon alles abhängen..? Wie viel ist man dann noch bereit zu geben, wenn das gerechte Urteil über die Arbeit nicht fällt..? Der eine verfällt in das rudimentäre Gerechtigkeitsempfinden, in dem man sich selbst immer im Recht sieht. Das Gegenüber erfährt währenddessen eine Ungerechtigkeit, die genauso schmerzlich spürbar ist, wie auch damals, beim allerersten mal.

Leider kann man einem Erwachsenen nicht mehr wie einem Kind erklären, was Recht und was Unrecht ist. Zu sehr ist der Ungerechte von seinem Standpunkt überzeugt, zu sehr sieht er sich im Recht, zu wenig ist er bereit, von dieser Meinung abzulassen. Das Ungleichgewicht im Gerechtigkeitsempfinden kann je nach Situation und Ausmaß auch langfristige Folgen haben – für beide. Während der eine sein eigenes Recht ausübt, wird unter Umständen die Loyalität und die Leistungsbereitschaft des anderen abnehmen. Warum sich bemühen, wenn die Mühen nicht einmal bemerkt werden? Passiert solches auf der privaten Ebene – zieht man mit der Zeit seine Konsequenzen und löst sich von dem Menschen. Passiert das im Angestelltenverhältnis, wächst der Wunsch nach einer globalen Veränderung. Wie diese am Ende aussieht, unterscheidet sich nicht viel von der privaten Ebene – der Weg dahin ist nur langsamer und beschwerlicher.

Das Gerechtigkeitsempfinden ist immer ein schmaler Grat. Ich würde ja gern behaupten können, dass man grundsätzlich sein eigenes Verhalten überdenken sollte, wenn sich jemand von dir ungerecht behandelt fühlt. Aber auch da spielen unheimlich viele Faktoren eine Rolle. Denn seien wir mal ehrlich – zu schreien, dass einem Unrecht widerfährt ist eigentlich dasgleiche, wie sich selbst im Recht zu glauben. Manchmal stimmt es, manchmal nicht. Ein Fauler hält es für eine Ungerechtigkeit, wenn man ihn ermahnt, fleißiger ans Werk zu gehen – denn er selbst glaubt, genug zu arbeiten. Ein Fleißiger hält es für ungerecht, wenn ihm diegleiche Mahnung zukommt, man dem Faulen aber seine Faulheit durchgehen lässt. Wer hat nun Recht? Auf seine eigene Art jeder. Die Objektivität und eine klare Richtlinie ist aber das, was in solchen Fällen oftmals fehlt. Wie sagt man doch so schön..? Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters. Dasgleiche könnte man auch über das Recht behaupten…

 

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