Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Bereits als Kind wird man unter der Prämisse erzogen „geb dein Bestes!“, was von den Erziehungsberechtigten oft überinterpretiert wird. Man erwartet bereits von Kindesbein an, dass man sich als der oder die Beste auf irgendeinem Gebiet erweist und am besten auf mehreren oder gar allen: vor allen anderen das Lesen und Schreiben lernen, beste Noten bekommen, besten Referat liefern, besten Abschluss schaffen, ein Spiel gewinnen, ersten Platz in einem Wettkampf belegen… Sicher ist nicht jedes Elternteil auf den permanenten ersten Platz in allem erpicht, aber wenn es nicht die eigenen Eltern sind, dann ist es der Umgang der fremden Eltern mit ihrem Nachwuchs, der das einem vor die Augen hält und auch die Lehrer, die Vereinsleiter, die Schiedsrichter, die Vorgesetzten, die „Visionäre“… Die Gewinner werden gefeiert; die Verlierer stehen abseits mit einem unschönen Gefühl der Selbstzweifel und fragen sich, was sie tun können, um ebenfalls mal da oben zu stehen. Ein darwinistisches Bild, oder? – das Überleben der Besten.

Wir lernen früh, nach permanenten Leistungssteigerung zu streben und lernen erst spät oder vielleicht auch gar nicht, sich so zu akzeptieren, wie man ist – mit all seinen Fehlbarkeiten. Das artet in einem ununterbrochenen Wettkampf aus – geschürt von den „Überlegenen“ (und sei es auch nur in der Stellung innerhalb eines Unternehmens) wird er dennoch in erster Linie mit sich selbst ausgetragen. „Non cum aliis, sed tecum ipse certa!“ (Suche nicht andere, sondern dich selbst zu übertreffen!) schrieb bereits Cicero und inspirierte damit ganz viele – professionelle und weniger professionelle – Ratgeber von heute. Auf der einen Seite ist nichts dagegen einzuwenden, sich weiter zu entwickeln, besser zu werden und so nach einem Fortschritt zu streben. Auf der anderen Seite artet das aber in solch absurden Dingen, wie Schönheitsops aus. Und in Burnouts.

Im Berufsleben findet man verschiedene Arten von Menschen: Menschen, die sich mit der Erfüllung ihrer Aufgaben zufrieden geben, Menschen, die stets mehr zu machen versuchen, als sie eigentlich müssten und Menschen, die sich geschickt vor ihren Aufgaben zu drücken versuchen, indem sie ihren Job anderen unterjubeln und sich daran erfreuen, dass sie jemand anderen zum Narren halten konnten. Unschön wird es ab und zu für alle. Wie fühlt sich aber jemand, der stets bemüht ist, seine 100% zu geben? Wird diese Person von jemandem verarscht, der gerne Kuckuckseier unterjubelt, fühlt man sich ausgenutzt und vielleicht kocht auch mal der Gerechtigkeitssinn auf. Doch bei solchen Menschen siegt meistens das zu große Verantwortungsbewusstsein – „naja, wir sind ein Team, also einer für alle und alle für einen“. Nur dass das „alle für einen“ meistens nicht eintritt und man irgendwie seinen Frieden damit zu schließen versucht. Auch wenn einem in Situationen wie “ hey, ich hab ein Teil deines Jobs erledigt, weil ich gesehen hab, dass du nicht hinter kommst“ – „ah, ok, dann geh ich jetzt in die Mittagspause“ den Blutdruck ganz schnell nach ganz oben treiben. Und auch die Gewissenhaften, die stets ihre Aufgaben erledigen, bekommen schon mal ein Herzflattern der unschönen Sorte, wenn die Obrigkeiten auf sie zugehen und etwas von mangelnder Eigeninitiative zu Mehrarbeit erzählen oder – etwas geschickter angestellt – ihnen zusätzliche Aufgaben aufhalsen unter der Prämisse, dass sie ja viel mehr können, als die aktuellen Aufgaben es von ihnen einfordern. Eine Förderung der schlummernden Fähigkeiten, wie man es so schön zu verkaufen versucht, die eigentlich nur verschleierte Personalkosten-Sparmaßnahmen sind. Zähneknirschend nehmen es die meisten in Kauf und versuchen auch das noch gewissenhaft zu erledigen. Arbeiten für zwei mit nur einem Gehalt – tatsächlich sehr fortschrittlich und auch sehr förderlich für die Gesundheit und die Lebensqualität der Arbeitnehmer und auch für die allgemeinen Arbeitslosigkeitszahlen. Nicht. Wenn man sich so umhört, bleibt einem nur noch ein Kopfschütteln übrig…

In etwas humaneren Arbeitsverhältnissen – ja, die gibt es wirklich noch – läufts aber zuweilen auch nicht besser. So kann man zB immer seine 100% geben und sollten einem doch noch ein paar Fehler passieren – und wir wissen eigentlich alle, dass es nur menschlich ist – werden diese plötzlich so schwer gewichtet, dass es ganz schnell so aussieht, als würde man nur noch schlechte Arbeit abliefern. Dass der Vorgesetzte, der gerade austeilt, selbst nicht perfekt ist und dass ihm durchaus dieselben Fehler bereits passiert sind (und stillschweigend „mal eben“ aufgefangen bzw begradigt wurden), spielt in einem solchen Fall keine Rolle. Vermutlich kommt es daher, dass vor dem Hintergrund der meist tadellosen Arbeit auch ein kleines Verfehlen schon heraussticht. Blöd ist nur, wenn die Gewichtung des Falls die sonstige Arbeitsleistung außen vor lässt und man es nicht in einem Gesamtbild betrachtet, sondern einzeln rauspickt und aufbläst. Verbessert es die Arbeitsqualität? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht, wenn das alles nur so einseitig dargestellt wird. Wenn man das Gefühl bekommt, dass die guten Leistungen angesichts der einigen wenigen Fehlern vergessen werden, sinkt zB die Bereitschaft, mehr zu leisten – warum auch, wenn es nicht registriert wird?.. Ist man dabei ein Kopfmensch, den sowas nachhaltig wurmt (allein schon, weil es sich ungerecht anfühlt), kommt man nicht zu der notwendigen Ruhe und das fördert wiederum erneute Fehler. Es verursacht also unter Umständen einen unschönen Teufelskreis.

Als Mensch kann man aber nicht immer eine konstant bleibende Leistung erbringen. Auch wenn man stets seine 100% gibt, so variiert die darin implizierte Leistung ja dennoch – abhängig von der Gesundheit, Wohlbefinden, Privatem und manchmal auch nur vom Wetter. Man versucht jeden Tag sein Bestes zu geben, so gut es an dem Tag geht und hofft, dass die „übergeordneten Menschen“ (die eben auch nur Menschen sind) auch mal menschlich denken, wenn einem ein Fehler unterläuft. Doch weit gefehlt, denn auch diejenigen Menschen, die sich selbst die Menschlichkeit und die Fehlbarkeit einräumen, räumen diese noch lange nicht jedem anderen Menschen ein. So ist das mit der Leistungsgesellschaft in der man stets die maschinell-konstante Leistungen erwartet und einfordert. Nicht weiter verwunderlich, dass das Si-Fi-Thema der die Menschheit unterbutternden Maschinen so beliebt ist – dieses Thema ist wahrlich Visionär angesichts der menschlichen Fehlbarkeiten.

Wie schon oben bemerkt – es ist nicht falsch, nach Verbesserungen zu streben, sich weiter zu entwickeln, sich neuen Herausforderungen zu stellen und so weiter. Es ist aber auch nicht richtig, dies als ein kontinuierlich fortlaufendes Konzept zu begreifen. Wer jeden Tag versucht mehr zu leisten oder besser zu werden, als das eigene Selbst vom Vortag, oder auch einfach nur gleichmäßig gute Leistung aufzubringen, kommt niemals zur Ruhe. Wenn man jeden Tag erneut mit sich selbst im Wettstreit steht und stets versucht das von sich selbst vorgelegte Tempo beizubehalten, hat keine Zeit mehr, um seine Kraftreserven aufzufüllen – denn der Tag endet noch lange nicht, wenn die Arbeitsschicht endet. Es gibt nämlich auch noch ein Leben nach der Arbeit, das gemeistert werden will und ebenfalls so einige ToDo-Listen mit sich bringt. Die ständigen Anforderungen an sich selbst – ob von sich selbst kommend, oder von jemandem von außerhalb gestellt – halten uns auf Trab. Wenn man aber keine vernünftigen Pausen einlegt und sich selbst ein paar Durchhänger zugesteht und sogar gönnt, schlimmer noch – sich den Druck von außerhalb zu Herzen nimmt und dadurch nicht zur Ruhe kommt, steuert man geradewegs ins das „Out“, das einem dann den Strich gleichermaßen durch alle Rechnungen zieht. Oder habt ihr schon mal einen Sportler gesehen, der sich keine Ruhepausen gönnt und auch mal einige Gänge zurückschaltet..? Wird ihm das von seinem Trainer vorgeworfen? Nein, im Gegenteil – es wird sogar angeordnet. Warum müssen wir also immer konstant bleibende Leistung erbringen und werden sofort zum ernsten Gespräch gebeten, wenn es nicht so ist. Warum gehen wir mit uns selbst so hart ins Gericht, wenn wir mal einen Durchhänger haben und nicht genug von der ToDo-Liste abgearbeitet haben oder uns auch mal hier und da ein Fehler unterläuft..? Angst vor unangenehmen Situationen, Angst, an Ansehen einzubüßen, Angst, den Erwartungen nicht gerecht zu werden, und seien es auch nur unsere eigenen, Angst, durch jemanden besseren ersetzt zu werden, Angst, die Kontrolle zu verlieren… Hinter jeder hundertprozentigen Übermüdung stehen ganz viele Ängste. Dabei ist die Angst, das kurze Leben, das uns gegeben ist, nicht hundertprozentig gelebt zu haben – mit allen Hochs und Tiefs, die sich im Verhältnis relativieren -, die einzige Angst, die wir haben sollten.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s