Die Tätigkeit im Einzelhandel ist mit einigen Klischees behaftet. Hier und da wird davon gesprochen, dass man diese Tätigkeit nur ergreift, wenn man nicht genug Grips für etwas anderes besitzt. Oft genug erlebt man das auch in der Praxis – man wird immer mal wieder von oben herab behandelt und die fachlichen Kompetenzen werden in Frage gestellt. Klar, warum denn auch nicht? Das reinstolzierte Ich hat immerhin einen Wirtschaftsabschluss (oder was auch immer) und nimmt eine höhere Position in der Gesellschaft ein, als so ein geschminktes Verkaufsdummerchen… Was können die denn schon wissen?!

Ein geschminktes Verkaufsdummerchen weiß aber, zum Beispiel, wie das mit dem lesen funktioniert und ist damit dem Ich aus den „höheren gesellschaftlichen Kreisen“ (so der vermittelte Eindruck) einen großen Schritt voraus. Und so lüften die Angestellten Tag täglich die Geheimnisse der obskuren Schriftzüge auf allen möglichen Produkten und den Schildern direkt darunter für diejenigen, die mit beiden Sprachen überfordert sind:

„Was ist das?“

„Das ist ein Peeling“

„Oh, wirklich?! Ich dachte, das wäre eine Creme…*dreht die durchsichtige Dose mit körnigem Inhalt in den Händen* Und wo steht das?..“

„Hier, schauen Sie, direkt hier vorne auf der Dose. Und hier auf dem Preisschild vor dem Produkt auch nochmal…“

„Ach so, hab ich gar nicht gesehen!..“

Wir haben immer einen Satz parat, der diese Peinlichkeit so abmildert, dass der Kunde mit einem guten Gefühl den Laden verlässt. Nichtsdestotrotz steht es in zweifacher Ausführung und etwas kleineren, aber dennoch gut leserlichen Schrift sowohl auf dem Produkt, als auch auf dem Schild direkt davor… Wenn man so demonstrativ danach sucht, findet man es eigentlich auch.

Diese Vorgehensweise wird aber von manchen Besuchern in einer Art perfektioniert, dass man sich ganz doll den Slogan „Gib dich nicht auf! Lerne Lesen und Schreiben!“ verkneifen muss: sie zeigen nämlich wild auf alle Produkte in ihrem Blickfeld und fragen dabei jeden mal „…und was ist das?“. Auch bei gleichen Produkten, die sich auf den ersten Blick nur in Farbe unterscheiden. Auch bei absolut offensichtlichen Produkten, wie z.B einem Makeup-Täschchen oder einer Kerze. Ist das wirklich so verwunderlich, dass die Verkäuferinnen irgendwann ganz automatisch jedes Produkt benennen, egal wie offensichtlich das ist..? Und trotzdem erntet man manchmal eine hochgezogene Augenbraue und ein „Jaja, lesen kann ich auch schon selbst, aber…“ in einem nicht gerade netten Ton. „Dann frag nicht so dumm, was das ist, sondern präzisiere deine Frage, damit ich weiß, was du meinst, du dumme Pute!“ wäre die normale Reaktion darauf, aber in 99% der Fälle verfügen die Verkäuferinnen über einen Diplomatielevel zwischen 80 und 100 (von 100) und stellen sich manchmal auch absichtlich dumm, damit sie die reingekommenen Intelligenzbestien nicht verärgern. Aber gut, manche brauchen eben ihren Podest inmitten des Saals, damit sie mit ihrem Zwergenwuchs trotzdem einen Kopf höher sind, als der Rest… (Doch kleiner Tip am Rande: diejenigen, die uns auf Augenhöhe begegnen, haben grundsätzlich mehr Spaß bei ihrem Besuch und erfahren auch spannende Dinge, die sie ggf. nicht wussten.)

Schön sind auch solche Kunden, bei denen man sich nicht sicher ist, ob sie nun mit dir oder mit sich selbst oder vielleicht sogar mit ihrem unsichtbaren Begleiter reden. Man wird angesprochen, beantwortet einige Fragen und dann tritt eine lange Pause ein. Jedes mal aber, wenn man gerade im Begriff ist, sich zu entfernen, fällt wieder ein Satz – bei dem man jedoch nicht weiß, an wen er jetzt denn genau gerichtet ist… Ein Beispiel:

„Dieses Handtuch ist auch schön, ne?“ *Blick auf mich*

„Ja, ist es“ *Lächeln*

„Können sie eins aufmachen, damit ich die Größe sehe..?“

„Selbstverständlich!“ *entfaltet eine Standardgröße eines Duschhandtuchs, hält es hoch*

„Ist ein schönes Handtuch, ne?“ *zupft geistesabwesend an irgendeinem Fädchen des Handtuchs*zupft am Handtuch selbst*lässt ab und schweigt*

„Ja, definitiv…“ *lächeln*abwarten, ob noch was kommt* hält das Handtuch immer noch in den Händen*

„Ich glaube, das würde sich schön am Badewannenrand bei mir machen, ne?“ *nimmt sich ein zusammengefaltetes Exemplar ausm Regal*zupft schweigend und gedankenverloren daran rum*

„Ähm… Ja, bestimmt, sie sehen so nach Wellness-Oase aus…“ *überbrückt die lange Pause von der Kundin mit lächeln und wartet*fängt an das Handtuch zusammenzulegen*

„Aber zwei gleiche find ich schöner… So ein Pärchen, ne?“ *guckt weiterhin nur auf das Handtuch und zuppelt daran rum*ich steh immer noch mit dem – wieder zusammengelegten – Handtuch in den Händen da*

„Ja, das ist wirklich schöner, wenn man wenigstens zwei mit gleichem Muster hat“ *überbrückt wieder eine lange Pause mit lächeln*

„Aber dann nehm ich die, die noch nicht geöffnet wurden, ne?..“ *guckt mit leicht verzogener Miene auf das Handtuch, das ich auf ihren Wunsch und vor ihren Augen gerade ausgepackt hatte*

„Wie sie möchten…“ *erfrorenes Lächeln* legt das „Ansichtsexemplar“ zurück auf den Stapel*reicht der Kundin ein anderes Handtuch*überlegt sich einfach zu gehen, während die Kundin wieder schweigend und gedankenverloren am Handtuch rumzuppelt*hält das zweite, frisch rausgeholte immer noch in der Hand*Kundin macht keine Anstalten, es zu nehmen*

„Ich überleg gerade… meine Tochter hat bald Geburtstag… und die Handtücher sind ja zum halben Preis, ne?“*sucht mit den Augen nach Preisschildern*

„Ja, genau.“ *erfrorenes Lächeln*„kannst du EINEN VERDAMMTEN SATZ OHNE DIESES DÄMLICHE „NE?“ BEENDEN?!“*fängt innerlich an zu kochen*

„Dann kann ich auch direkt zwei nehmen, ne?..“ *zuppelt immer noch gedankenverloren am Handtuch*

„Ja, sicher…“ *verliert langsam die Geduld*reißt sich zusammen*

„So ein Pärchen ist aber schöner, als nur eins, oder?..“

*Oh! Kein „ne?“ am Ende! Sie kanns ja doch!..*

„Die sind da ja beide zum Preis von einem, ne?..“ *guckt mich immer noch nicht an*

„Ja, genau…“ *kurz vorm ausrasten*

*Kundin ist in ihre Gedanken vertieft, schweigt und zuppelt (Was gibts denn da zu zuppeln?! Das Ding ist gleich kahl!!!)*Beachtet mich weiterhin nicht*

„Dann überlegen Sie sich das in Ruhe…“ *legt das Handtuch zurück auf den Stapel und geht*flüstert im vorbeigehen einer Kollegin zu, sie möge die Kundin bitte übernehmen, weil es sonst schlimm endet*verschwindet unter Vorwand im Lager*

Zwei Minuten später kam die angesprochene Kollegin hinterher und meinte, sie sei da vorhin selbst schon „geflohen“, weil die Kundin auch mit ihr bereits mindestens 10 Minuten vor den Handtüchern verbracht hatte: „…sie redet auch so komisch, dass du nie genau weißt, ob sie jetzt dich anspricht oder mit sich selbst redet…“. Im Endeffekt beriet sie danach unsere Chefin bis zum bitteren Ende – etwa weitere 20 Minuten. Ich – die eigentlich recht geduldig bei schwierigen Kunden ist, weil ich das als eine spannende Herausforderung ansehe – habs aber dran gegeben, weil ich sie bei dem nächsten „ne?“ vermutlich aus dem Laden geschmissen hätte… Gibt es eigentlich Kurse, die sowohl die Rhetorik korrigieren, als auch die Entscheidungsschwierigkeiten bei solchen simplen Fragen aberziehen..? Wenn ja, hätte ich gern ein paar Flyer.

Natürlich darf man sich den Kauf gut überlegen, sich dabei auch gerne Zeit lassen, die man braucht – kein Problem. Jeder so, wie er mag. Aber ist es wirklich notwendig, jemanden festzuhalten, wenn ihr von dieser Person eigentlich nichts wissen wollt? Oder noch besser (ja, solche Kunden sind sogar häufiger anzutreffen, als das oben geschilderte Beispiel) – Fragen stellen, aber keine Antwort hören wollen:

„Was ist das?“

„Das ist ein Duschschaum, wollen sie…“

„Ist das ein Deo?“

„Nein, nein, das ist was zum duschen. Wollen sie das ausprobieren..?“

„Geht das?!“

„Ja, wir haben hier ein Waschbecken und fließendes Wasser…“ *führt vor*

„Oh, das ist aber viel Schaum! Wonach riecht das?“

„Riechen sie an ihren Händen – das ist der Duft mit X und Y…“

„Iiiih, das  richt aber süß, so blumig! Ich mag keine Blumendüfte!“

„Wirklich? Das wundert mich, hier ist keinerlei Blütenduft mit drin, das ist…“

*zu ihrer Begleiterin* „Das erinnert mich an blabla bla…“ *ignoriert die Verkäuferin*Verkäuferin still und wartet*Kundin erinnert sich wieder nach ein paar Minuten an ihre Anwesenheit* „Ach so, was, sagten sie, ist das für ein Duft?“

*gefasst* „Duft nach X und Y aus der Z-Kollekti….“

„Weißt du noch, als wir da und da waren, da gabs das leckere Menü blabla…“*Kundin wieder ihrer Begleiterin zugewandt*Verkäferin reicht ihr still ein Handtuch und wartet* „Also ne, das gefällt mir nicht, was ist das?.. Kann ich mal das da ausprobieren..?“ *Wieder an die Verkäuferin gewandt*

„Sicher!.. Aber das hat dann wirklich blumigen Duft, sie sagten ja gerade…“

„Ah! Ne, dann nicht, ich will was frisches!“

„Ok, dann Probieren sie das…“*zeigt was frisches*

„Oh ne, das stinkt ja! Was sagten sie – der da ist zitronig..?“ *greift nach der Flasche mit dem blumigen Duft*Trägt auf, bevor die Verkäuferin was sagen kann*

*Verkäuferin macht den Mund auf und wieder zu, ohne was zu sagen*

„Oh ja, der ist schön leicht!“*zu einem süßlichen Blumenduft* „Und was ist das jetzt?“

„Das ist…“

*zu ihrer Begleiterin* „Blabla… erinnert mich an…blabla… Am Wochenende blabla…“

*Verkäuferin geht still weg und es wird nur von der Begleiterin registriert, die ihr einen entschuldigenden Blick zuwirft*

Ja, in diesem Beruf hat man ohne Geduld und Diplomatie nichts verloren (außer die Nerven). Das witzige ist jedoch – viele Klischees, die man hin und wieder über diesen Beruf hört, resultieren aus den Anpassungen, die die Verkäuferinnen aufgrund ihrer täglichen Erfahrungen mit Kunden vornehmen mussten – ungeachtet dessen, was sie selbst davon halten. Denkt mal darüber nach…

 

 

 

 

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2 Gedanken zu “Anekdoten aus dem Alltag: Die Geduldsprobe

  1. Da kommt mir vieles total bekannt vor! Gut, ich verkaufe Bücher, etwas, wo man eigentlich erwarten sollte, dass die Leute lesen können – funktioniert nur leider nicht. Bei einigen Leuten hat man auch einfach das Gefühl, dass sie keine Lust haben, sich auch nur im entferntesten anzustrengen. Also lieber gleich die Verkäuferin fragen, obwohl jedes Regal beschriftet ist, wir Bestsellerlisten haben, und die allermeisten Sachen ausgezeichnet sind bzw Schilder an den Regalen sind.
    Ganz schlimm ist unser Kopiergerät. Das ist eigentlich mega einfach , eine Erklärung hängt auch dran, aber die Leute tun so, als wäre es Astrophysik.
    Auch, dass man ein Buch extra auspackt, damit jemand es sich angucken kann, und danach muss aber dann unbedingt eines in Folie gekauft werden. Gerne mit dem Hinweis „Sie brauchen doch sowieso ein Ansichtsexemplar“. Nein, brauchen wir nicht – wir machen bei Bedarf einfach eins auf, und hätten es dann sehr gerne, dass genau dieses Buch dann auch gekauft wird. Bücher werden ja in der Regel nicht dadurch schöner, dass sich Dutzende von Leute diese angucken.
    Mein Lieblingsspruch dazu ist, „Es wäre so ein schöner Beruf, wenn es nur die Kunden nicht gäbe“ ;-D.

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    1. Es gibt ja dankbare, tolle, interessante Kunden. Kunden, die dich für „voll“ nehmen, dir interessiert zuhören, während du ihre Fragen beantwortest und unseren Service dankbar annehmen. Aber leider eben nicht nur sie. Und diese „Sondergestalten“, über die ich hier geschrieben habe, können einem manchmal echt den letzten Nerv rauben, oder? Dein Lieblingsspruch trifft voll ins Schwarze xD

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