Wenn man von einer „multiplen Persönlichkeit“ spricht, denken die meisten von uns an eine geistige Krankheit und ein Horror-Szenarium à la „The Shining“ oder „Das geheime Fenster“. Dissoziative Identitätsstörung dient vielen Büchern und Filmen als Horrorvorlage – zurecht. Die potentielle Möglichkeit, dass eine vertraute Person von jetzt auf gleich zu einem völlig anderen Menschen wird, ist mehr als beängstigend. „Die Gefahr, die in uns selbst lauert“ sozusagen – keiner weiß, wie es genau dazu kommt, keiner weiß, wie man es wieder komplett weg kriegt und es ist kein Monster, das man auf irgendeiner Weise besiegen könnte… Da stellen sich einem schon die Nackenhaare auf. Doch wenn man von der Adrenalin-geladenen Unterhaltung absieht und mit etwas Abstand die komplexe menschliche Persönlichkeit betrachtet, wird man erkennen, dass das, was wir als „ein Ganzes“ zu betrachten gewohnt sind, in Wirklichkeit die Summe vieler verschiedener Einzelteile ist.

Wir sprechen von der „Persönlichkeit des Menschen“ oder auch mal von dem „Charakter“ und meinen damit das Bild, welches sich daraus ergibt, wie wir den Menschen bisher erlebt haben. In der Regel macht man sich keine weiteren Gedanken darüber, es sei denn, man ist ein Psychologe… Wir lernen einen Menschen kennen, unterhalten uns mit ihm, erleben ihn in einigen Lebenssituationen und machen uns ein Bild von dieser Person: lieb, frech, Arschloch etc… Die Palette der Bezeichnungen ist sehr groß und beliebig erweiterbar. Wollen wir eine simple Aussage treffen, nehmen wir dafür nur ein Wort, welches die vorrangig wahrgenommene Eigenschaft beschreibt. Wollen wir eine Person umfassender beschreiben, nehmen wir eine ganze Palette an Eigenschaften zur Hand. Kennt jeder: „Und? Wie ist die so?“ – „Och, das ist eine ganz liebe!“ …oder auch: „Ne blöde Zicke! Labert nur Scheiße, hört nicht zu und schmückt sich mit anderer Leute Lorbeeren. Aber selber kann sie nix, außer sich verkaufen. So eine geht über Leichen!“ So die Fremdwahrnehmung, die wir für eine adäquate Persönlichkeitsbeschreibung im Alltag halten und womit wir uns in der Regel zufrieden geben.

Wenn man jetzt allerdings in sich hineinhorcht, sich selbst umfassend zu beschreiben versucht, wird man feststellen, dass bisher keine der Beschreibungen dieser Art unser eigenes Wesen im Ganzen erfassen konnte. Bestimmte Eigenschaften, sicher. Enge Freunde können ein genaueres Bild von uns zeichnen, als nur Bekannte oder Arbeitskollegen… Und trotzdem ist es nie vollständig. Nicht mal wir selbst könnten das ganze Spektrum unserer Eigenschaften ausschöpfen, denn auch wir wissen nicht, wie wir mit bestimmten Situationen umgehen würden, die wir bisher noch nicht erlebt haben. Außerdem kennt auch jeder von uns diese Hin- und Hergerissenheit bei bestimmten Entscheidungsfragen. Diese Pros und Contras, die auf einmal ganz verschiedene und gar konträre Charaktereigenschaften zum Vorschein bringen: „Ich weiß nicht… Ich würde schon gern nach XY ziehen, allein schon weil ich die Stadt so toll finde. Und da gibt es so viel neue Möglichkeiten!.. Aber ich will hier eigentlich auch nicht weg, hier sind meine Freunde, meine Familie, hier kenne ich alles…“ Abenteuerlust vs. Angst vor Veränderungen. Oder auch „der Abenteurer in uns“ vs. „jemand, der keine Veränderungen mag“. Im Endeffekt, lassen sich unsere Eigenschaften, Bedenken und Wünsche in Gruppen einteilen, die jede für sich eine eigene Persönlichkeit bildet.

Jemand, den man als „starken Menschen“ sieht, trägt durchaus auch eine „schwache Persönlichkeit“ in sich, die ihm sagt: „Lass das! Mach das nicht, du weißt nicht, welche Konsequenzen es nach sich zieht. Es könnte noch viel schlimmer werden…“ Und ein ängstlicher Mensch hat durchaus eine Stimme im Kopf, die leise flüstert „Trau dich! Lass dich darauf ein! Nicht jede Veränderung ist schlecht.“ Ein Stubenhocker diskutiert mit sich darüber, dass das Rausgehen echt schön sein könnte. Ein Gewohnheitstier wagt auch mal was Neues, weil eine Stimme in seinem Kopf ihn auf einmal laut dazu auffordert und außerdem gute Argumente hat. Ein sonst verschlossener Mensch erzählt jemandem von seinen Gedanken und Gefühlen und wundert sich selbst darüber. Ein sonst friedliebender und ruhiger Mensch rastet schon mal völlig aus, weil es ihm reicht. Jemand, der sonst auf alles mit „ich mach das schon/ich schaff das schon“ antwortet, sitzt da und gesteht sich ein „ich weiß nicht, wie ich das bewältigen soll“. Oder auch mal jemand, der eigentlich als Unfreundlich gilt, der plötzlich etwas nettes tut… Am Ende ist es eine bewusste oder auch unbewusste Entscheidung, welcher der Stimmen in unseren Köpfen wir Gehör schenken.

Jedem dürfte die Situation vertraut sein: man hat eine Entscheidung zu treffen und trägt zunächst eine Diskussion mit sich selbst aus, im eigenen Kopf… Soll ich mich auf den Job bewerben? Die Chancen stehen nicht so gut… Eigentlich wollte ich ursprünglich auch was völlig anderes machen. Aber es ist auch interessant. Und könnte eine tolle neue Erfahrung sein. Aber mir fehlen die Qualifikationen. Dafür lerne ich schnell, wenn es mich interessiert – und es interessiert mich ja schon. Und vielleicht ist es – zumindest zur Zeit – doch das Richtige für mich. Ich habe Angst, Angst zu versagen, dass ich für nicht gut genug befunden werde. Ich könnte das nicht ertragen. Aber wenn ich es wirklich wäre, hätte man mir erst gar nicht angeboten, sich darauf zu bewerben. Kann ich den Anforderungen wirklich gerecht werden? Wenn mans genau nimmt, habe ich ein Teil des Jobs eh schon immer gemacht… Wag es! Und wenn es nicht klappt? Ich könnte dann gar nicht mehr hier arbeiten, ich würde mich hier nicht mehr wohl fühlen. Naja, aber DANN kann ich auch den Plan B anstreben und mich in was völlig anderem versuchen. Wenn du es nicht versuchst, wirst du es nie erfahren…

Man diskutiert viel mit sich selbst, wenn der Tag lang ist. Das fängt bei so simplen Sachen wie „was ziehe ich an?“ oder „was esse ich?“ an und endet manchmal mit „erschieß ihn!“ – „nein, lass es sein, das ist sonst eine ganz schön große Sauerei und du wirst es einer Menge Leute erklären müssen, die kein Verständnis dafür haben!“. An so machen Tagen sind diese Diskussionen so absurd, dass man über sich selbst den Kopf schütteln muss, und an manchen Tagen ist es ein wahrlich großes Dilemma, bei dem die Diskutierenden in deinem Kopf allesamt gute Argumente haben, sowohl die Befürworter, als auch die Kontrahenten – und man kann sich trotzdem nur für eine der beiden Seiten entscheiden. Und manchmal sind sich alle einig: „ja, wir wollen Eis!“. Und die eine Stimme, die zunächst „…aber eigentlich ist es zu kalt dafür…“ sagt, räumt schnell ein: „ach, scheiß drauf, dann essen wir halt im Bett unter der warmen Decke!“.

Der Punkt ist: etwas gestört sind wir alle. Meistens findet man sein Gleichgewicht, indem man der einen oder der anderen seiner Persönlichkeiten mehr Priorität einräumt, als den übrigen. Dennoch sind sie nicht weg, sondern mischen bei vielen Sachen mit, erörtern, abwägen, diskutieren, streiten, treiben dich in den Wahnsinn, halten nachts wach… Und manchmal drängen sie sich in den Vordergrund und versetzten der unmittelbaren Umgebung einen Schock, indem z.B einem netten Menschen auch mal der Kragen platzt. Aber erst die Gesamtheit all dieser „Mitbewohner“ in unseren Köpfen macht uns aus, macht uns zu den, die wir sind.

In meinem Geburtsland sprach man übrigens in diesem Zusammenhang von „Kakerlaken im Kopf“ – jede hatte eine eigene Persönlichkeit und alle zusammen sorgten immer wieder für Chaos. In diesem Sinne eine kleine Auswahl an Chaosverursachern in eurem Kopf zum Schluss (weil es sich besser streitet, wenn man sich die an einem runden Tisch mit Alkohol und Zigarren beim pokern vorstellt…):

https://www.diets.ru/data/cache/2014aug/19/05/2071587_32171-700x500.jpg

(Namen von links nach rechts:

  1. Kakerlakus Beleidigtus, Muahaha & Buahaha, Egozentrikus, Rachegelüstus, Pessimistikus
  2. Alles-Meinus, Idioti …Individualistikus, Ich-vergesse-nichtsus, Napoleonistus, Manipulatistus, Coole Sau
  3. Stolzus, In-sich-grabus, Angstikus, Neugierigkus, Narzissus, Faulikus Unglaublichus)
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2 Gedanken zu “Die multiple Persönlichkeit oder auch einfach „viele unter einem Dach“

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