Das „Dampf-Ablassen“ dürfte jedem ein Begriff sein: manche tun es mit verbalen Ausbrüchen (z.B. durch Streit), manche durch körperlich anspruchsvolle Tätigkeiten (darunter fällt alles: vom Ofen schrubben über Boxsack bis zum Sex) manche müssen den Druck rausschreien (z.B. auf einem Stadion oder einem Konzert), die anderen ihn raustanzen (Clubs etc.), manche lassen ihren Dampf destruktiv ab („alles kurz und klein schlagen“), manche kreativ (malen, schreiben, dichten, komponieren, basteln…). Doch eins muss man früher oder später immer: darüber reden.

Es wird nicht viele Menschen geben, die dem Satz „man muss darüber reden“ wirklich ausschließlich mit positiven Gefühlen begegnen. Es hört sich immer nach einem Zwang an, nach einer zusätzlichen Belastung, nach noch einem Punkt auf der erdrückend langen To-Do-Liste… Es kann auch dadurch erschrecken, dass man all die negativen Gedanken und Gefühle aussprechen muss, sie endlich in die Welt hinauslassen – bei so manchen ist es vielleicht auch eine kleine Variante der Büchse der Pandora. Darüber hinaus zeigt man sich bei diesem „darüber Reden“ von der verwundbaren Seite, von der schwachen, macht- und hilflosen, müden, verirrten, desorientierten Seite. Einer Seite, die man zum einen nicht zeigen will, weil sie überhaupt nicht schön ist, zum anderen, weil man Angst davor hat, (noch mehr) verletzt zu werden.

Jeder geht mit seinem Stress, dem Druck und dem „Dampf“ anders um, keine Frage. Bei den kleineren Sachen teilt man sich leichter mit – man schimpft über einen dämlichen Kunden bei einem Arbeitskollegen, kotzt sich über einen Arbeitskollegen bei einem Freund oder guten Bekannten aus, manche Twittern über die dummen Menschen aus ihrem Alltag, die anderen erzählen es einfach jemandem, der ihnen Nahe steht. Je unwichtiger der Sachverhalt, desto leichter geht es. Je schwieriger, desto schwerer fällt es uns. Je näher einem etwas geht, desto mehr tendiert man dazu, es zunächst in sich hinein zu fressen.

Doch je mehr man in sich hinein frisst, desto schwerer ist nachher der Ausbruch des Ganzen: wenn der Kesseldeckel klappert, kann man ihn abnehmen und der Dampf kann entweichen. Ist der Kesseldeckel festgeschraubt, explodiert der Kessel irgendwann vor lautem Druck. So ist es auch mit den Emotionen. Über Vieles kann man Dampf ablassen und damit eine Explosion präventiere. Viele Belastungen sind in diesem Sinne „selbst-therapierbar“.

Die Männer staunen oft über die berühmt-berüchtigten Mädelsabende und malen sich dabei gern die wildesten Geschichten aus, die nicht selten was mit „halbnackig“, „Kissenschlacht“, „Lästerrunde“ und ner Menge Alkohol und Beautykram beinhalten (Amerika sei dank…). Es ist für sie auch nicht ganz begreiflich, wie man stundenlang einfach nur über alles und nichts reden kann:

– Und? Was habt ihr gemacht?

– Nichts. Einfach nur gequatscht…

– Aha… Und worüber?

– Ach… Über alles und nichts.

– *Schweigen mit Verdacht auf Geheimnisse, böse Pläne und irgendeinen beunruhigenden Unfug*

Dabei sind gerade solche Abende unsere „Therapiesitzungen“. Sie können mit einem gezielten „Hast du ein bisschen Zeit, ich muss mich auskotzen…“ anfangen oder mit einem Klingeln an der Tür mit Tee oder Alkohol in der Hand. Wenn die räumliche Trennung es gerade nicht zulässt, kann es auch ein Anruf sein, der zu einem stundenlangen Telefonat wird. Dabei ist das, worüber man den Dampf ablassen möchte, nicht mal zwingend abendfüllend – es ist sogar oft so, dass dieses Gesprächsthema am schnellsten abgehackt ist. Man kommt von Hölzchen auf Stöckchen und schon ist der Dampf weg und man kann wieder lachen. Oder man tauscht Geschichten aus, die unsere Lebenserfahrung so mit sich bringt – vielleicht geben sie keine Antworten, aber zumindest merkt man, dass man nicht alleine ist. Und oft, wirklich sehr oft, begreift man die Lächerlichkeit des Ganzen, wenn man es einmal geschildert hat:

„Trafen sich zwei Freundinnen, um sich gegenseitig von ihrem schweren Leben vorzujammern… Gelacht haben sie bis zum Morgengrauen“.

Sicher – die Probleme lösen sich dadurch nicht in Luft auf. Aber wenn der Dampf entweicht, sieht man klarer. Und manchmal bekommt man ganz neue Denkanstöße und eine andere Sichtweise aufgezeigt. Oder auch mal den „Kopf gewaschen“, was manchmal extrem heilsam sein kann. Und sogar wenn man den Großteil des Abends über etwas völlig anderes redet, als zu Beginn – auch das kann Wunder bewirken: es entspannt, lenkt ab, gibt einem das warme Gefühl der Nähe und der Zweisamkeit. Es ist nicht nur das Reden an sich, was uns „therapiert“, es ist das Bewusstsein, dass es jemanden gibt, der uns vorurteilsfrei so nimmt, wie wir sind – samt allen Macken, Kanten und Dummheiten. Das ist dieses „Sich – fallen – lassen“ – ohne die Maske der Stärkte, ohne sich dafür schämen zu müssen, dass man etwas (vielleicht sogar eine Kleinigkeit) nicht ertragen kann, dass man gerade schwach ist und ein Jammerlappen, ohne Angst haben zu müssen, dass man verurteilt oder verletzt wird. Es ist die bedingungslose Zuneigung und das tiefe Vertrauen, die man für einander empfindet – das sind die „Medikamente“, die uns heilen (und ja, man spült sie am besten mit ein Sekt, Wein oder Wasauchimmer runter – im gesunden Maße, versteht sich). Worüber dabei geredet wird, ist eigentlich zweitrangig.

In diesem Sinne hebe ich meinen Kaffee auf all die wunderbaren „Therapeuten“ in meinem Leben! Cheers!

 

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