Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich wurde mit „bitte“, „danke“ und einem höflichen „Sie“ gegenüber fremden Menschen erzogen. Mir wurde von klein an respektvolles und höfliches Verhalten gegenüber Kindergartenerzieherinnen, Schullehrerinnen (und natürlich auch dem einen Lehrer, den ich in der Grundschule hatte – in Sport), gegenüber Köchinnen und gegenüber der Schulleitung, gegenüber den Putzfrauen, Verkäuferinnen und auch grundsätzlich gegenüber allen Menschen, denen ich begegnet bin – egal ob fremd oder nicht. Als ich aufwuchs, siezte man noch alle, die älter waren, als du selbst, solange sie dir nicht das „Du“ angeboten hatten. So sieze ich bis heute noch die beste Freundin meiner Mutter, die mich seit der Geburt kennt, die ich mein Leben lang kenne und die mich niemals als eine Fremde behandelt hatte. Einfach weil es sich so gehört, weil es respektvoll und höflich ist.

Mir fiel es auch lange Zeit furchtbar schwer meine Schwiegermutter zu siezen. Die Eltern meiner Freunde sieze ich grundsätzlich und auch nach dem angebotenen „Du“ weiterhin – das geschieht völlig automatisch. Ich wäre auch zu meiner Schulzeit niemals auf die Idee gekommen, einen Lehrer zu duzen. Ich wäre zu meiner Schulzeit niemals auf die Idee gekommen überhaupt jemanden, der über das Schulalter hinaus war, zu duzen.

Man hat mir beigebracht, dass man sowohl grüßt, als auch sich verabschiedet. Dass man sich nicht vordrängelt (ob in einer Schlange oder durch eine Tür) und dass man besondere Rücksicht auf alte Leute und schwangere Frauen nimmt und ihnen zu Hand geht. Dass man Menschen allgemein behilflich ist, wenn nötig. Und dass man mit den Menschen höflich spricht.

Man hat mir beigebracht, dass man Geliehenes immer zurückgeben muss und dass man nicht stehlen darf. Und dass man niemandem etwas wegnehmen darf, nur weil man das vermeintlich selbst mehr will, als der andere. Man hat mir aber auch beigebracht, dass man mit einer Bitte eher weiter kommt, als mit einer Forderung. Und dass man sich entschuldigt, wenn man aus Versehen jemandem auf den Fuß getreten ist oder angerempelt hat. Und dass ein herablassendes, abwertendes Verhalten seinen Mitmenschen gegenüber „Pfui!“ ist.

So manch einer könnte mich für altmodisch halten, wenn er oder sie das hier liest, oder mich vielleicht auf die Eventualitäten hinweisen wollen, die solche Verhaltensmuster aufheben… Ja, das mag sein. Aber ich wurde nicht dazu erzogen, dass die Umstände oder das Verhalten anderer mir die Berechtigung dazu geben, mein eigenes Verhalten dem anzupassen (Nein, das hat sich durch jahrelange Erfahrung eingeschlichen, aber auch hier gibt es ein Niveau-Minimum, das ich nicht unterschreiten mag)…

Ich arbeite jeden Tag mit Menschen. Vielen, unterschiedlichen Menschen. Ich fahre mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Ich gehe in die Geschäfte rein und zum Bäcker. Und ich staune immer wieder, wie sehr sich der zwischenmenschliche Umgang mittlerweile von dem unterscheidet, was meine Mutter mich damals gelehrt hatte.

Als ich mein Praktikum in einer Grundschule gemacht hatte, war ich ganz erstaunt darüber, dass die Schüler die Lehrer und Betreuer duzen. Aber es ist nicht weiter nennenswert im Vergleich zu dem, welches Verhalten die kleinen manchmal in der Öffentlichkeit an den Tag legen: in der Bahn mit der Tasche angerempelt und nicht mal umgedreht. Auf den Fuß getreten und nichts… Und da kann man noch froh sein, wenn danach nichts mehr kommt – manchmal gibts ja auch Rumgemotze und zwar solches, für das man früher eine mit der flachen Hand kassiert hatte. Nur die wenigsten Schulkinder bieten älteren Menschen noch ihren Sitzplatz in der Bahn an, geschweige denn schwangeren Frauen. Und keiner scheut sich mehr, sich ganz rabiat und ohne Rücksicht auf Verluste vorzudrängeln – ob durch eine Tür, oder in einer Schlange zur Kasse. Sie benehmen sich, als würde die Welt ihnen gehören und man kann froh sein, wenn man ihnen dabei nicht in die Quere kommt. Ich bin früher um die Erwachsenen herum gelaufen, in so vielen Schlangenlinien, wie nötig. Die heutige Generation rennt durch einen durch – heute weichen die Erwachsenen in Schlangenlinien aus. Erkennbare Parallele zu der Arbeitswelt, oder? Aber was will man auch erwarten, wenn sie zuhause keine höflichen Umgangsformen und kein rücksichtsvolles Verhalten mehr beigebracht bekommen..? Wenn ihnen der Arsch nachgetragen wird und die Frechheiten müde durchgewunken werden?.. Ich kenne das noch so, dass man die Eltern in die Schule eingeladen hatte, falls das Kind sich daneben benommen hatte und nicht hören wollte. Dann stand das Elternpaar beschämt vor dem Lehrer und hatte sich diesbezüglich eine Rüge angehört. Und zuhause gab es Konsequenzen für den „Übeltäter“. Und heute? Heute wird der Lehrer angefahren, dass er seinen Job nicht richtig macht und ggf noch mit Anwälten gedroht. Auch die Erwachsenen weisen die Verantwortung immer lieber von sich und bürden sie jemandem anderen auf, statt ihren eigenen Job zu machen – das ist natürlich viel einfacher so.

Aber auch die älteren Generationen gehen nicht immer mit einem guten Beispiel voran. Ich habe das schon ein paar mal erlebt, dass ältere Herrschaften sich mitten vor eine Bahn-tür stellen und sobald diese aufgeht, unter absichtlichen Einsatz der Ellbogen sich sofort reindrängeln, obwohl man offensichtlich aussteigen möchte. Und auch noch giftig gucken, wenn man „Au!“ sagt. Oder dir zwei-drei Mal mit ihrem Rollator in die Hacken fahren, mit Anlauf, weil sie weiter wollen, obwohl es dir nicht möglich ist, sich auch nur 10 cm weiter zu bewegen.

Und die mittleren Generationen sind auch nicht besser: ich erlebe es regelmäßig, dass jemand seinen Frust an Leuten auslässt, die nichts dafür können – wie zum Beispiel an den Verkäuferinnen. Mal abgesehen davon, dass es manchmal bereits an einer simplen Grußformel scheitert, erlebt man es immer wieder, dass man von jetzt auf gleich angeranzt wird für… Öhm, ja. Zum Beispiel dafür, dass die Verkäuferin auf einem engen Raum zweimal an einem vorbei musste und dafür mit einem „Entschuldigen Sie, wären Sie so nett…“ die Person sanft zur Seite schob, die sich grundsätzlich mitten in den Weg stellte (z.B. am schmalen Kassenausgang oder zwischen die Kundin und die Verkäuferin, sodass sie über sie hinweg miteinander reden mussten). Das ist dann natürlich eine bodenlose Frechheit. Von der Verkäuferin, versteht sich. Oder dass man der Verkäuferin sowas wie „Erzählen sie keinen Quatsch, ich habs doch zuhause stehen!“ um die Ohren schmettert, wenn man die Person darauf verweist, dass es die gesuchte Duftkombination in dem Sortiment der Firma noch nicht gab. Oder dass man die Verkäuferin als Lügnerin bezeichnet, so ganz unverblümt – und das auch noch als Beschwerde aufschreibt. Letztens erst wollte mir eine Kundin (mal wieder) nicht glauben, dass ich mich mit unserem Sortiment besser auskenne, als sie und ist erstmal wieder nach Hause gegangen um zu gucken, ob ich denn mit dem Namen des Produkts wirklich recht habe. Immerhin hatte sie nachher die Eier in der Hose zurückzukommen (mit der Dose) und einzugestehen, dass sie mir unrecht getan hatte. Kommt auch selten vor – meistens sieht man solche Kunden nicht wieder oder sie ignorieren dich bei der nächsten Begegnung.

Noch besser sind solche, die sich in der eigenen Lüge so verstricken, dass sie sich selbst widersprechen, und dann komplett ausrasten und anfangen zu drohen – mit Beschwerden, Anwälten und der Sippschaft von 400 Mann, mit der sie dann anrücken wollen. Weil man SIE angeblich respektlos behandelt hatte. Ich habe in solchen Fällen dann immer wieder Lust den einen Spiegel vor die Nase zu halten… Auch wenn ich daran zweifle, dass solche Menschen in der Lage sind, die Unangemessenheit des eigenen Benehmens zu begreifen, geschweige denn sich dafür zu schämen.

Und so leben wir: eine Generation lebt der nächsten immer weniger Höfflichkeit, adäquate Umgangsformen und gegenseitigen Respekt vor. Und dann wundert man sich darüber, dass die Kinder und Jugendlichen Denkmäler schänden, gewalttätig agieren und sich nicht davor scheuen, Senioren zu verprügeln oder Obdachlose anzuzünden. Dass unter den Kollegen und Freunden immer häufiger „ich zuerst, nach mir die Sintflut“-Verhalten praktiziert wird und man sich über höfliches Miteinander zunehmend wundert, wenn man es denn erlebt. Dass es alles niemals so rosig lief, wie ich das als Kind angenommen hatte, ist mir heute durchaus bewusst. Auch damals schon gab es genügend Menschen mit miesen Umgangsformen (das waren die, auf die meine Mutter gezeigt hatte mit den Worten „Siehst du, wie unschön das ist, wenn man sich so verhält..?“), aber heute werden diese teilweise bewusst gehypt. Was erwartet ihr dann von dem Nachwuchs, von den nächsten Generationen? Glaubt ihr ernsthaft, die nächste Generation hilft euch noch auf, wenn ihr mit 70-80 stolpert, hinfallt und euch den Kopf aufschlagt? Sowas landet ja jetzt schon als Youtube-Knaller im Netz, noch bevor jemand auf die Idee kommt, einen Krankenwagen zu rufen. Wir werden wohl eher froh sein können, wenn keiner nachtritt, wenn es soweit ist.

 

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Ein Gedanke zu “Von der Höflichkeit der Generationen.

  1. Du sprichst mir aus der Seele. Mit einem konservativen Gedankengut hat das meiner Meinung nach wenig zutun. Ich denke, hier sticht der Wunsch nach mehr Respekt und weniger Ignoranz heraus, der, bei genauerer Betrachtung, ja jedem zumindest ein Mal durch den Kopf gegangen sein sollte. Schade, dass die immer aggressivere Schnelllebigkeit und die Verrohung heute der einfachere Weg durch den Alltag gehen zu können, zu sein scheinen.

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