Zwischenmenschliche Kommunikation ist vermutlich bereits seit ihrer Entstehung zugleich auch ein Problem. Sogar wenn wir in derselben Sprache kommunizieren und diese gleichermaßen gut beherrschen – die Missverständnisse, die manchmal dabei zustande kommen, werfen manchmal die Frage auf, ob man tatsächlich in einer fremden Sprache spricht. Die Sprach- und Kommunikationswissenschaftler untersuchen dieses Phänomen schon lange. Psychologen und Therapeuten beziehen diese Untersuchungen in ihre Bereiche notgedrungen mit ein und entwickeln dazu ihre eigenen Theorien und Strategien. Die ganze Welt übt sich in Kommunikation. Und dennoch schaffen wir Menschen es nicht, da mal auf einen grünen Zweig zu kommen. Egal, wie sehr wir uns bemühen – es klappt einfach nicht ohne gelegentliche Reibungen aufgrund von kommunikativen Missverständnissen.

Wie kann es sein, dass bei so vielen wissenschaftlichen Abhandlungen und darauf basierenden Ratschlägen und Lösungsformeln, wir es immer noch nicht schaffen, sich einwandfrei verständlich mitzuteilen?! Nun ja. Zum einen liest man sowas nicht, es sei denn, man interessiert sich aktiv dafür (ob beruflich oder privat), oder es steht in einer vereinfachten Form in einer Zeitschrift. Zum anderen stehen wir uns selbst, mit unseren Gefühlen, dem im Wege. Denn sogar WENN man sich mit dem Thema der Kommunikationsproblematik auseinandergesetzt hat, sich die entsprechende Literatur dazu einverleibt hat, Erkenntnisse darüber gewonnen hat und versucht hat, sich der Kommunikationstipps anzunehmen, sogar dann entfällt es einem in Sekundenschnelle, wenn das Gegenüber die entsprechenden Knöpfchen drückt.

Man sagt nicht umsonst „Gebranntes Kind scheut das Feuer“. Immer, wenn wir eine unangenehme Situation erlebt haben, versuchen wir diese zu vermeiden. Erst recht, wenn es nicht einfach „unangenehm“ war, sondern uns auf irgendeiner Ebene verletzt hat. Man packt eben nicht zweimal an eine heiße Herdplatte, wenn man sich einmal verbrannt hat (außer man ist verschusselt). Man zieht beim ersten Mal seine Lehre daraus und versucht im Folgenden solche Situationen zu vermeiden. Während die wiederholte Erfahrung bei der Herdplatte recht einfach zu vermeiden ist, ist es in der zwischenmenschlichen Kommunikation leider anders. Alle Herdplatten werden heiß, wenn sie in Betrieb sind. Doch nicht alle Menschen reagieren gleich. Man kann ein und dieselbe Sache zwei Menschen erzählen – der eine findet es blöd, der andere toll. So simpel ist das, so offensichtlich ist das. Und wir wissen alle darüber Bescheid. Und dennoch findet sich jeder einzelne von uns gelegentlich in Situationen wieder, in denen man zu dem Schluss kommt, dass das Gegenüber dich entweder falsch oder gar nicht verstanden hat. Was meistens eh auf dasselbe hinaus läuft…

Der Mensch ist ein von Gefühlen gesteuertes Wesen. Von klein auf lernen wir zu fühlen, was uns gut tut und was nicht. Je älter man wird, desto mehr Erfahrung bei dieser Differenzierung sammelt man, desto komplexer wird die Gefühlswelt. So geht man unterschiedlich um, wenn jemand z.B. einem scherzhaft „du bist doch doof!“ an den Kopf schmeißt: während der eine, in diesem Sinne nicht vorbelastet, darüber lacht, versteift sich der andere, der beispielsweise im Elternhaus oder in der Schule häufig und im ernst als „dumm“ bezeichnet wurde. Und so kann man mit ein und derselben Äußerung, mit demselben Ausdruck und demselben implizierten Sinn, einen Menschen zum Lachen bringen und mit dem anderen einen Streit riskieren. Leider wissen wir zu wenig von den Vorprägungen des Gegenübers und können es manchmal nicht richtig einschätzen. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist dieses Phänomen als „Fettnäpfchen“ (oder auch schon mal als „Arschbombe in einen Scheißehaufen“) bekannt.

Was ist aber mit den Gesprächspartnern, die man besser kennt..? Mit Kollegen, Freunden, Partnern und Familie..? Gerade da verursachen solche „Fettnäpfchen“ öfter mal einen Streit.

Bei Kollegen setzt man nicht zwingend voraus, dass sie sich mit der Gefühlswelt der anderen Kollegen auskennen (es sei denn, man hat sich angefreundet), jedoch sehr wohl, dass man sie nach einiger Zeit – zumindest oberflächlich – zu charakterisieren weiß. Dazu sammeln wir die Informationen aus dem Alltag, den wir gemeinsam erleben: ist der Kollege faul oder fleißig, hat er eine eigene Meinung oder schließt er sich immer der Mehrheit an, versteht der Kollege Spaß oder ist er schnell eingeschnappt… Es gibt viele Eigenschaften und Qualitäten, die man nach und nach kennen lernt und die sich zu einem Bild zusammenfügen. Dieses Bild ist dann unser Maßstab für Wahrnehmung und Deutung seines Verhaltens. Was ist aber, wenn das Verhalten des Kollegen sich plötzlich verändert? Und man auf eine Bitte oder einen Hinweis plötzlich eine genervte Reaktion kommt..? Und zwar nicht, weil man selbst gerade anders ist, sondern weil die Person sich gerade aus irgendwelchen Gründen (von den man in dem Moment nichts weiß) unwohl fühlt..? Man speichert diesen Vorfall als „unangenehm“ ab oder nimmt es sogar persönlich. Dass die Person in dem Moment eventuell den Kopf voller privater Sorgen hat oder vielleicht auch einfach Kopfschmerzen hat, und so manche Reaktion es unfreiwillig spiegelt, weiß man in diesem Moment nicht. Man fragt aber nicht nach, versucht es nicht zu verstehen, sondern zieht direkt Schlüsse daraus. Übersensibilisiert für solches Negativum, neigt man später dazu, jegliches neutrale Verhalten negativ zu deuten und als Bestätigung dafür zu sehen, dass es ein Ausdruck der persönlichen Abneigung ist. Die andere Person weiß aber nichts davon, und wundert sich, weshalb der Kollege plötzlich auf Distanz geht – tut es dem Kollegen jedoch gleich, aus Rücksicht (könnte ja sein, dass diese Person jetzt ähnliches durchmacht, wie man selbst vor kurzem). Und fertig ist das Missverständnis, wobei evtl. nicht einmal die Wortwahl relevant war. Lösen lässt es sich nur, wenn man miteinander darüber redet.

Aufgrund solcher ungünstigen Kommunikation ist auch der Satz „Ich muss mit dir reden…“ allgemein auf allen Gebieten in Verruf geraten. Zu oft wurde diese Floskel in Verbindung mit etwas Negativem verwendet, sodass man automatisch zusammenfährt, wenn man sie zu hören bekommt. Aber man kennt sie nun mal überwiegend als Einleitung für die Besprechung eines kniffligen Problems oder unbequemer Wahrheiten, Vermittlung unangenehmer Nachrichten oder die Beendung einer Beziehung. Man selbst sammelt diese Erfahrungen und man selbst vermittelt sie auch weiter, indem man sich selbst dieser Floskel bedient. Damit bestätigen wir alle unsere eigene Angst vor dem, was auf den Satz folgt: nämlich nichts Gutes.

In engeren Beziehungen wird die Kommunikation noch komplizierter: während man sich von dem Arbeitsumfeld distanzieren kann (auch wenn das schon einem manchmal schwer genug fällt), schafft man es in persönlichen Beziehungen gar nicht. Dafür liegen diese Menschen einem zu sehr am Herzen. Denn wäre es nicht so, gäbe es diese Verbindung gar nicht (Familien jetzt mal außen vor). Irgendwann kriegt jeder mal etwas in den falschen Hals – egal ob die „Vorgeschichte“ bekannt ist oder nicht. Man durchdenkt nicht immer bis ins kleinste Detail das, was man sagt, denn man vertraut darauf, dass man sich gut genug kennt, um es richtig zu verstehen. Falsch. Genau das ist oftmals die Ursache für Missverständnisse. Denn sowohl verbale, als auch nonverbale Kommunikation wiegt hierbei um Vielfaches schwerer. So kann z.B. eine objektive Tatsache, die völlig neutral angebracht wurde, als „runterreden“ oder sonstige Form des persönlichen Angriffs aufgefasst werden, weil der Partner sie als negativ Empfindet, als Kritik und als Triggerpunkt – und nicht als eine objektive Tatsache. Und auch eine unvorsichtig formulierte Äußerung kann zu einem großen Problem werden, wenn man dabei – auch ohne jegliche Absicht und Zweideutigkeit – ein Thema streift, welches den Partner ohnehin beunruhigt. Besonders schwierig wirds dann, wenn man sich in solchen Situationen nicht aktiv vor Augen hält, neben einem sei ein Mensch, dem man wichtig ist und der einem nur Gutes wünscht, sondern die allgemeine Einstellung pflegt: ich werde mein Leben lang von Menschen enttäuscht. Oder Ähnliches mit negativem Hintergrund. Ist ein Mensch zu sehr von den Rückschlägen in zwischenmenschlichen Beziehungen getriggert, sieht er sich schnell in dieser Einstellung bestätigt, egal, um was es geht. So kommen auch solch absurde Diskussionen zustande wie:

„Mach das doch besser so und so – so wird das Geschirr gründlich sauber. Beim letzten Mal blieb da nämlich noch Fett auf der Rückseite.“

„Ich spüle allein schon viel länger als du! Und du willst mir jetzt erklären, dass ich das falsch mache?!“

…so etwas schaukelt sich schon mal schnell hoch und kann auch ausarten – bis hin zu Vorwürfen, dass man nie etwas richtig machen kann. Warum geht der Partner davon aus, dass dieser Hinweis eine harte Kritik an seinen Fähigkeiten ist? Und nicht eine helfende Stellungnahme? Man könnte jetzt sagen, der Ton macht die Musik. Oder dass eine sonstige nonverbale Komponente dafür die Ursache war. Oder dass der andere Partner ihn tatsächlich zu oft kritisiert. Es kann aber auch sein, dass die Person, die so übersensibel darauf reagiert, sich z.Z öfter fragt, ob sie was falsch macht, weil gerade der Reihe nach „alles“ schief geht. Wie dem auch sei – in solchen Momenten suchen wir selbst nach dem Haar in der Suppe. Denn wenn man stets mit Negativem rechnet, ist es leicht, es auch überall zu sehen. Auf diese Weise bestätigen wir uns immer wieder selbst: hab ichs doch gewusst! Die Kommunikation, die auf irgendeiner Weise schief gelaufen ist, lässt sich an dem Punkt, an dem eine Partei das Missverständnis als eine Tatsache ansieht, kaum noch retten – egal, wie viele Tipps von den Psychologen und Kommunikationswissenschaftlern man zu befolgen versucht. Denn diese lassen sich meist nur umsetzten, wenn man gefühlsmäßig einen Abstand dazu gewinnen kann und klar darüber nachdenken kann, und nicht aus dem Affekt handelt. Und auch beide Parteien müssen sich darauf besinnen, nicht nur einer. Doch dass man nicht unbedingt Ruhe bewahren kann, wenn der Partner sich lautstark in etwas reinsteigert, was definitiv total aus dem Ruder läuft, ist auch verständlich – also nichts mit Abstand und kühlem Kopf. Man fragt nicht „Wie hast du das jetzt gemeint..?“, man geht mit seiner Vorprägung einfach davon aus, dass es nur negativ gedeutet werden kann. Dadurch bekommt man eine Bestätigung dafür, dass man recht mit seinen Befürchtungen hat. Dass diese Befürchtungen an sich nichts mit der eigentlichen Situation, die als Ausgangspunkt diente, zu tun haben, bleibt oft nicht erkannt (zumindest von dem, der sich negativ bestätigt fühlt).

Und so schaffen wir uns alle unseren eigenen Teufelskreis: wir sind zu schnell dabei, etwas als Negativum aufzunehmen, aufgrund nicht abgelegter Vergangenheit, und schaffen uns damit neue Triggerpunkte in der Gegenwart, die ggf die Vergangenheit irgendwann ablösen. Oder sich aber einfach dazu addieren. Grundsätzlich scheinen wir aber alle so verquer zu sein, dass wir alle hin und wieder lieber von einem negativen Sinn hinter der verbalen oder der nonverbalen Kommunikation ausgehen, statt zu fragen: „Wie war das gemeint?“

 

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2 Gedanken zu “„Gebranntes Kind scheut das Feuer“ – wie wir uns selbst in unseren Ängsten bestärken.

    1. Danke 🙂 finde es nur immer wieder schwer, solche Themen knapp, aber verständlich zu fassen – man könnte glatt Bücher darüber schreiben und noch Paar Extrafassungen, die nur aus Beispielen für solche Missverständnisse bestehen😅

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